https://www.faz.net/-gxh-7wrs8

Bretagne : Der Weg zur Hölle führt durch heißen Brei

  • -Aktualisiert am

Das ist nicht das Ende der Welt, auch wenn es so heißt und so aussieht: der Leuchtturm La Jument auf der Insel Ouessant, die dem Département Finistère vorgelagert ist. Bild: REFLEX MEDIA

Im Herbst ist die Bretagne einsam und verlassen, dabei kann es noch angenehm mild sein. Wer die Einsamkeit sucht, der ist hier zwischen Hochmooren und Leuchttürmen richtig.

          6 Min.

          Auf einem Gipfel der Monts d’Arrée, im Inneren des bretonischen Departements Finistère, sitzt der Père Ankou auf seinem Thron. Den Kopf lässt dieser skelettöse Totenkönig einmal um die eigene Achse kreisen, immer auf der Suche nach schwindsüchtiger Gefolgschaft. Wer auf der Kippe steht, sollte sich hinter einem Heidekrautbüschel verstecken. Wer nachts von dubiosen Wäscherinnen gebeten wird, ihnen beim Auswringen ihrer Laken zu helfen, sollte sich nicht verleiten lassen: aus Bett- werden schneller Leichentücher, als man wringen kann, wenn man in die falsche Richtung wringt. Und auch das hier sollte man wissen: Ein besonders grausamer Tod ist denen beschieden, die sich mit den örtlichen Kobolden einlassen. Die können einen unvorsichtigen Reisenden in ihrer dionysischen Wucht schon mal zum Tanz verleiten. Auf eine solche Eskapade steht allerdings: Tanztod durch Erschöpfung.

          Es dampft vom warmen Regen. Seit Jahren haben die Bretonen keinen derart milden Herbst mehr erlebt. Die Kapelle auf der Montagne Saint Michel ist kaum auszumachen. Dafür erkennt man die Umrisse des Sees am Fuße der Monts d’Arrée. Gleich daneben befindet sich gemäß einer der vielen bretonischen Crossover-Legenden, in denen keltische Sagen mit Rittergeschichten und heidnischem Spuk zu einem deftigen Brei verrührt werden, das Youdig, was übersetzt so viel wie „kleiner Brei“ heißt. Dieser „Kleine Brei“ steht, wie man es aus dem Märchen kennt, auf einer stetig züngelnden Flamme. Er ist das moorige Eingangsportal zur Hölle. Auch das eine Gefahrenzone, die es zu vermeiden gilt. Besser benutzt man das keltische Wort für „au revoir“, sagt also „kenavo“, und verlässt das Hochmoor, bevor es zu spät ist.

          Ein fünfgängiges Hummer-Menü

          Die Gegend hat nur wenig mit den granitrosaroten Küstenklischees zu tun, die man sonst gerne mit der Bretagne verbindet. Als sei man selbst der diensthabende Ankou - der König wird jedes Jahr auf dem Friedhof neu berufen -, lässt man den Kopf um die Körperachse rotieren, um in der Kargheit dieser Landschaft einen Fixpunkt zu finden. Und zwar möglichst einen, der nichts mit dem Tod und nichts mit der Hölle zu tun hat. Trüge man ein Licht auf dem Kopf, wäre man ein Leuchtturm. Man könnte die Vorbeireisenden vor lauernden Gefahren warnen oder ihnen den Weg weisen. So dreht man sich ohne Leuchtkraft und fühlt sich ein bisschen verloren und auch ein bisschen geborgen in dieser Verlorenheit.

          Drei Tage später, ein fünfgängiges Hummer-Menu im Bauch und glücklich in der Seele, erwacht man tatsächlich in einem Lichtkegel. Draußen ist es noch dunkel. Im 15-Sekunden-Takt jedoch erleuchtet der helle Schein des rot-weiß-geringelten Wahrzeichens von Saint-Mathieu das Zimmer der hiesigen Hostellerie. Hier, am Ende der Welt, am Finis terrae, etwa zwanzig Autominuten von Brest entfernt, haben sich die Mythennebel des Hinterlandes in salzige Küstenluft aufgelöst. Ein Ort, der sofort das Herz aller Leuchtturmromantiker hoch und höher schlagen lässt: schroff und schön und um diese Jahreszeit noch gänzlich frei von den nahenden Winterstürmen. Der Leuchtturm wurde 1835 in den Ruinen einer Benediktinerabtei aus dem zwölften Jahrhundert errichtet. Er sollte dort den mittelalterlichen Turm als Warnzeichen für Schiffe ersetzen. Hundertdreiundsechzig Stufen muss man nach oben steigen, bis man die schmucklose Plattform mit dem atemberaubenden Ausblick auf die Mer d’Iroise und ihre zahlreichen Leuchtfeuer und Bojen erreicht hat.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.