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Deutschland : Fischweiber und Männerbündler

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Bremens berühmteste Tiere. Bild: dpa

Bremen gibt sich vornehm, Bremerhaven ist stolz auf seine Rauheit: Verschiedener können Städte nicht sein. Trotzdem müssen sich die beiden immer wieder zusammenraufen.

          6 Min.

          Die Weite überrascht uns, denn immerhin sind wir in einer deutschen Großstadt. Bleigrau wölbt sich der Himmel über der Wasserfläche, manchmal strahlt er auch knallblau. Ein Ort für pastellfarbene Samtigkeit ist der Bremerhavener Weserdeich jedenfalls nicht. Der Fluss dehnt sich an dieser Stelle zu einem breiten Trichter, bevor er in die Nordsee mündet. Das gegenüberliegende Ufer ist kaum mehr als ein Strich am Horizont, streichholzkleine Windräder und ein winziger Kirchturm verschwimmen im Dunst. Massige Steinbrocken sichern die Deichpromenade gegen winterliche Sturmfluten, und zu jeder Jahreszeit weht es kräftig über den Schutzwall. Bremerhaven ist eine rauhe Stadt.

          Siebzig Kilometer stromaufwärts, in Bremen, weht der Wind nicht so heftig und das jenseitige Weserufer mit Bierfabrik, backsteinernem Wasserturm und Kleingärten ist nah. Der Marktplatz strahlt in mildem Licht, selbst bei trübem Himmel wird er seinem Ruf gerecht, einer der schönsten in Europa zu sein. Sein sphinxhaft lächelnder Roland blickt über uns hinweg in die Ferne, als Sinnbild der Freiheit von kirchlicher Herrschaft, und tatsächlich wirkt der Dom wie an die Seite gedrängt. Die Bischöfe hatten in Bremen nie so viel zu sagen wie anderswo.

          Hinter dem steinernen Ritter mit seinen eisernen Kniespitzen zieht uns die Rathausfassade in ihren Bann, dicht bevölkert mit Sandsteinfiguren. Ein paar Tiere sind darunter und viele Menschen, in fließenden Gewändern oder nackt, Allegorien der Tugenden. Eine Männergestalt liegt hingestreckt und verkörpert die Völlerei. Doch vor allem weibliche Skulpturen zieren die Wand. In der Renaissance haben die Frauen das Rathaus erobert, seine Fassade jedenfalls. Vierhundert Jahre später aber dürfen sie in dem prächtigen Bau nicht selbstverständlich mitfeiern. Denn Bremen ist die Hauptstadt der Männerbünde.

          In Bremen und der ganzen Welt

          Das merken wir nicht, wenn wir in der Stadt unterwegs sind. Im verwinkelten Ostertorviertel kaufen pensionierte Beamtinnen in Bioläden ein, während junge Väter ihre Kinderwagen übers Trottoir schieben, den aufmüpfigen Altvorderen für immer dankbar, dass sie vor Jahrzehnten eine Stadtautobahn mitten durch ihr Quartier verhinderten. Die Stadtteile Walle und Gröpelingen, in denen einst Werftarbeiterfamilien in winzigen Häusern wohnten und später, als die Schiffbaubetriebe dicht machten, Arbeitslosigkeit und Tristesse einzogen, rappeln sich langsam wieder auf, Baugerüste und frisch gestrichene Fassaden zeugen davon. Die jahrzehntelang stillgelegte Brauerei hat neue Kessel, im Lokal finden wir gerade noch Platz an einem der groben Tische, die in ihrem ersten Leben Gerüstbretter waren, und verkosten Biere, fünf auf einem Probierbrett, herb oder hopfig im Abgang, dass es eine Freude ist. Um uns herum Männer und Frauen, sie trinken zusammen und greifen beherzt in die Schale mit Pommes aus Süßkartoffeln.

          Im Schütting am Marktplatz, dem blattgoldfunkelnden Sitz der Bremer Kaufmänner, halten es die Herren dagegen sehr mit Traditionen und verbannen die Frauen vor die Tür. Sie selbst tafeln festlich im Rathaus, Bordeaux mit Kükenragout oder ostasiatischem Curry, um die Kapitäne vor ihrer Fahrt zu verabschieden, auswärtige Geschäftsfreunde zu beeindrucken und sich mit illustren Ehrengästen zu schmücken, um Kontakte zu knüpfen und Spenden zu sammeln. Die Frauen mussten auch dann noch draußen bleiben, als sie längst Unternehmen führten und Ämter in der Kammer bekleideten. Wenn man das Rathaus besucht, versteht man das Vergnügen der Herren, unter schweren Lüstern und Segelschiffmodellen vielgängig zu speisen, auch wenn die Reglements strikt sind und viele Reden angehört werden wollen. Die Interieur gewordene Wucht hanseatischer Traditionen im Festsaal berührt uns, sie erhebt uns, weil wir ein Gefühl von weltumspannender Weite spüren.

          Bremer Kaufleute handeln seit Jahrhunderten mit Ostasien, den Amerikas und Afrika. „Buten un binnen, wagen un winnen“ steht in goldenen Lettern über dem Eingang ihres Domizils, wobei „buten un binnen“ so viel wie draußen und drinnen, also in Bremen und der ganzen Welt bedeutet. Sie stiften und spenden reichlich für Kapitänswitwen, Schiffbrüchige, Studenten der Nautik und sogar zeitgenössische Musik. Vor ein paar Jahren ging es dann los, dass die Medien maulten und die Herren auf dem Weg vom Vorglühen im Schütting quer über den Marktplatz zum allerprächtigsten ihrer vielstündigen Festessen, der Schaffermahlzeit, ein Protestspalier passieren mussten.

          Bremerhaven: Eine Wundertüte neuer Architektur

          Solchen Gegenwind kannten sie nicht. Sie hatten sich gut eingerichtet in ihrer Parallelgesellschaft. In der anderen leben die Sozialdemokraten, die seit Kriegsende unentwegt im kleinsten Bundesland regieren, man redet höflich miteinander und regelt das Nötigste - wie früher, als Bremen gegenüber der Konkurrenz aus Hamburg ins Hintertreffen zu geraten drohte, weil die Weser zunehmend versandete und die Handelsschiffe nicht mehr bis in den städtischen Hafen kamen. Da gingen die Herren aus dem Schütting über den Marktplatz und forderten im Rathaus einen Hafen, der näher am Meer liegen sollte. Der neue Warenumschlagplatz an der Unterweser wuchs mit dem angrenzenden Fischerdorf zusammen, so entstand Bremerhaven.

          Schiffe und Fische ließen Bremerhaven prosperieren, aber seit die Werften schließen mussten und die Fischfangflotte radikal schrumpfte, lesen wir von Bremerhavener Spitzenwerten bei Arbeitslosigkeit, Sozialhilfebezug und Privatinsolvenzen. Auf die feinen Pinkel in der Hansestadt sind sie hier nicht gut zu sprechen. „Bremen wollte einen Hafen, aber keine Stadt dazu“, klagt ein Pensionär, der jetzt Hafenführungen macht, und versichert uns gleichzeitig, dass sie in Bremerhaven gewohnt sind, die Dinge anzupacken. In der Stadt entdecken wir keine Menschen, die einen Hafen mit beträchtlichem Umschlag in Bremerhaven vermuten lassen. Denn die Matrosen sitzen eher in der „Guten Stube“ der Seemannsmission, dort können die philippinischen Seeleute auf dem Hafengelände, ohne eine Zollschranke zu passieren, für ein paar Stunden in freundlichen Räumen im Internet surfen, mit zu Hause skypen oder der Nationalleidenschaft Karaoke fröhnen, während ihr Schiff mit Containern beladen wird.

          Die Seefahrt ist nun auf andere Weise in Bremerhaven gegenwärtig. Auf einer windigen Brachfläche hinter dem Deich ist eine Wundertüte neuer Architektur ausgeschüttet worden. Ein Gebirge aus rötlichem Granit, aufgeschichtet wie geborstene Eisschollen, als hätte Daniel Libeskind Hand angelegt - ein Zoo für Tiere aus den nordischen und arktischen Meeren in der Tradition jener Aquarien, die einst den Reisenden des Norddeutschen Lloyd die Wartezeit am Anleger vertreiben sollten. Ein Hochhaus bläht sich nebenan wie ein Segel, von seiner Aussichtsplattform gewinnt die Weite eine zusätzliche Dimension, als in der Ferne ein Riesenfrachter in den Hafen gleitet, vorbei an blauen Containerbrücken mit rotweißgestreiften Auslegern.

          Neuerdings dürfen Herren erfolgreiche Damen mitbringen

          Ein mächtiger Schiffsbug, diesmal aus Stein mit weißen Dampferaufbauten, schiebt sich in die Straße zu unseren Füßen, die Erscheinung des Gebäudes passt zur Polarforschung, die dort betrieben wird. Wir lassen uns auf das Spiel mit den Schiffsgestalten ein. Als überdimensionales Schlauchboot zwängt sich das Klimahaus ins Gelände und scheint mit seinem wulstigen Bug auf uns und eine sorgfältig restaurierte Klappbrücke niederzugehen. Drinnen geraten wir abwechselnd ins Frösteln und Schwitzen auf unserer Kontinente übergreifenden Wanderung durch Wetterphänomene und Klimazonen entlang des achten Längengrades Ost, auf dem Bremerhaven liegt. Bei dem kantigen Bau des Deutschen Auswandererhauses mit seiner skandinavischen Holzfassade erkennen wir keine maritimen Anklänge, aber im Innern verlieren wir uns in Geschichten von Flüchtlingen, die vor der Not in Europa an Bord gingen, um nach Amerika auszuwandern, sieben Millionen waren es.

          Am Bremer Marktplatz weht derweil ein leichtes Lüftchen. Bei der Schaffermahlzeit dürfen Herren, denen der Sinn danach steht, neuerdings Unternehmerkolleginnen und andere erfolgreiche Damen als Gäste einladen, vorausgesetzt, sie halten sich bei ihrer Garderobe an die von den Frackträgern vorgegebenen Farben Schwarz und Weiß. Noch einen Schritt weiter ist der Ostasiatische Verein gegangen, als er im vergangenen Herbst beschloss, weibliche Mitglieder aufzunehmen, die damit das Recht erwerben, beim berühmten Curry am letzten Freitag im Februar unter den Segelschiffmodellen dabei zu sein, zum allerersten Mal in diesem Jahr.

          Bremens Männerbünde sind damit allerdings nicht am Ende. Das Bremer Tabak-Collegium, in den fünfziger Jahren von der Rauchwarenindustrie gegründet, mit preußisch inspirierten und selbst ausgedachten Ritualen, aber ganz ohne wohltätige Ambitionen, trifft sich unbeirrt als lupenreine Männerrunde im Rathaus. Und die Eiswette startet zwar alljährlich am sechsten Januar um Schlag zwölf Uhr am Weserdeich zum Vergnügen aller anwesenden Kinder mit einem großen Spektakel, bei dem ein neunundneunzig Pfund schwerer Schneider testet, ob die Weser „geiht oder steiht“, endet dann allerdings mit einer Festivität nur für Männer mit achthundert Teilnehmern, einer rigiden Pausenordnung und schlüpfrigen Witzchen, immerhin in einem Hotel außerhalb von Rolands Blickfeld.

          Gegen den Trend ist Ulrike Andresen von Bremen stromabwärts nach Bremerhaven gezogen. Die Figurenschauspielerin suchte einen Probenraum, ein wenig abseits im Fischereihafen wurde sie fündig. In den zweistöckigen Backsteinhallen gab es früher Fischauktionen, und Arbeiterinnen filetierten, räucherten, verpackten in den eiskalten, nassen Räumen im Akkord den Fang, den die Männer im nahen Hafenbecken anlandeten. Im Erdgeschoss lagern Fischkonserven, nebenan hat der Bundesverband der Mobilen Fischhändler sein Büro, und als wir die schmale Treppe hochsteigen, landen wir in einem schwarz ausgekleideten Bühnenraum mit vier Sitzreihen. Unser Lieblingsstück ist die Kartoffelkomödie, in der das gesamte Ensemble von der Prinzessin bis zum Drachen aus Erdäpfeln besteht und am Ende vom Publikum verspeist wird. Die Nachbarschaft war anfangs skeptisch, sagt die Theaterfrau, doch nach ungefähr zehn Jahren sind die ersten Fischhändler gekommen, um mal nachzusehen, was auf der Bühne passiert.

          Informationen: Bremer Touristik-Zentrale, Telefon: 0421/3080010, Internet: www.bremen-tourismus.de.

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