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Brasilien : Zeit, dass sich was dreht

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Einfach vergessen: Jahrhundertelang war der Hafen von Paraty der zweitwichtigste Brasiliens Bild: Jo Holz/VISUM creative

Während Brasilien für die Fußballweltmeisterschaft Neues baut, lohnt eine Reise in die alten Städte des Landes. In Paraty findet man Spuren der Kolonialvergangenheit - und den weltbesten Caipirinha.

          Der Brasilianer im Allgemeinen lebt vor allem in der Gegenwart. Das zeigt sich zwar auch jetzt wieder, seitdem die großen Metropolen vor der Fußball-WM ganze traditionsreiche Stadtviertel überschminken, gehört aber in Städten wie Rio de Janeiro schon lange zum Selbstverständnis der Leute. Fragt man einen jungen Carioca etwas über die Geschichte seines Landes, dann kann es vorkommen, dass er gar nicht antwortet und lieber über die Veränderungen spricht, die Brasilien in den nächsten Jahren bevorstehen.

          Oder er konzentriert sich darauf, an der Bar ein Bier zu ergattern, ohne dafür mit dem Tanzen aufzuhören. Für Gäste aus dem vergangenheitsverliebten Europa wirkt das dann befreiend und erfrischend zugleich. Aber man kann auch ins Grübeln kommen, wenn man etwa beim Spaziergang in Rio kaum ein Haus sieht, das älter als fünfzig Jahre sein kann. Was war hier vorher, fragt man sich. Und warum ist es nicht mehr da?

          Ein Gefühl für die Vergangenheit des Landes

          Wenn man die Antworten auf solche Fragen nicht nur auf Museumswänden nachlesen will, dann muss man raus aus den großen Städten. Man muss sich in ein Auto setzen und an der Costa Verde entlangfahren, entlang der kurvigen Küstenstraße von Rio nach São Paulo, mit unglaublich schönen Buchten und Segelbooten auf der linken Seite der Straße und satten, subtropischen Dschungelhügeln auf der rechten. Man muss sich auf den Weg machen zu einem Ort wie Paraty, dessen Namen die Leute aussprechen, als müssten sie niesen: Para-tschi.

          Nirgendwo kann man nämlich besser ein Gefühl für die Vergangenheit dieses riesigen Landes bekommen als an Orten wie Paraty. Wenn man nach ein paar Stunden ankommt in Paraty, dann geht es zunächst durch den modernen Teil der 30.000-Einwohner-Stadt. Folgt man dem Verkehr, landet man schnell auf einem Platz, an dem sich etwas verändert. Hinter ein paar steinernen Pollern beginnt der historische Stadtkern. Zu Fuß geht es über die Straßen, die im 17. Jahrhundert mit fußballgroßen Kopfsteinen gepflastert wurden, und über die Bürgersteige, die wegen der jährlichen Überschwemmungen abenteuerliche zwanzig Zentimeter hoch sind.

          Der historische Teil Paratys: Architektur aus Brasiliens Zeit als portugiesische Kolonie Bilderstrecke

          Paraty ist einer der wenigen Orte, in denen noch die Architektur aus Brasiliens Zeit als portugiesische Kolonie erhalten ist. Links und rechts sind die Straßen gesäumt von ein- oder zweistöckigen Häusern, die sich viel enger aneinanderdrängen, als wir das heute gewohnt sind, und es ist schwer zu sagen, ob der in der subtropischen Sonne grell leuchtende, weiße Putz einmal einladend oder abweisend gemeint war. Hier atmet man noch etwas von der Atmosphäre alter Kolonialstädte – von der Stimmung eines Ortes, der geschwankt haben muss zwischen der Lust auf Abenteuer und Gold und der Brutalität, die all das mit sich brachte.

          Vor 400 Jahren war Paraty der zweitwichtigste Hafen Brasiliens. Dass man davon heute gar nichts mehr merkt, hat mit Straßen und Eisenbahnen zu tun, die in den 1950er Jahren an der Stadt vorbeigebaut wurden. Erhalten wurde die Stadt nicht aus historischem Bewusstsein, sondern weil die meisten Brasilianer einfach für ein paar Jahrzehnte vergaßen, dass es sie gab. Vor 300 Jahren war das anders. Im Jahr 1696 war in den Bergen der Nachbarprovinz Minas Gerais Gold gefunden worden, und dieses Gold musste von den Kolonialherren nach Portugal geschafft werden.

          Kriminelle Energie, Gold und Kolonialmächte

          Die örtlichen Verwalter begannen, einen Pfad durch den widerspenstigen Dschungel schlagen zu lassen, und sahen für ihn die gleichen mörderischen Kopfsteine vor, die auch in den Straßen von Paraty zum Einsatz kamen. Es entstand der Caminho do Ouro, die Goldstraße. Wer durch die Straßen geht, die Augen zukneift und vielleicht auch den Geschichten der Fremdenführer lauscht, die man hier entweder offiziell im Reisebüro oder alternativ an jeder Straßenecke findet, der kann sie noch fühlen, die komplizierten und heute manchmal vergessenen Kräfte, die Brasilien einmal geformt haben.

          Von der schlichten, weiß getünchten Kirche am zentralen Platz der Stadt erzählt man sich, dass sie mit einem Piratenschatz erbaut wurde, den ein braver Bürger am Strand gefunden hatte, und außerdem, dass unter ihr eine gigantische Meeresschlange wohnt, die bei allzu großen Verstößen gegen das Gesetz des Dschungels aufwachen kann. Die Marienstatuen in der Kirche erzählen etwas von dem besonderen Amalgam aus Katholizismus, indianischer Tradition und nicht zu unterschätzender krimineller Energie, die Gold und Kolonialmächte mit sich bringen.

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