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Brasilien : Sie denkt schon morgens nur ans Flirten

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Der Gaúcho, erzählt Ivan Cascaes, ist ursprünglich ein Viehhirte, der außerhalb der Siedlungen lebt. Sein Hab und Gut umfasst ein Lasso, ein Messer und ein Pferd, das ihn zwei Wochen über die Hochebene tragen kann, fast ohne Pause, fast ohne Futter. Der Gaúcho schert sich nicht um Besitztümer. Seine Freiheit ist ihm wichtiger, seine Liebe gilt dem Land. Er kommt, wann er will; er geht, wann er will. Ivan Cascaes hat sich inzwischen von seinem Stuhl mit dem Schaffell erhoben, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. Er steht mitten im Raum, im karierten Hemd und dem großen Hut. Klar, dass der Gaúcho auch mal zockt, sich prügelt, zecht. Doch seinen Freunden ist er eine Stütze, gutmütig, hilfsbereit, verlässlich. So der Mythos. Aber nicht viele Gaúchos fangen heute noch Rinder, sagt er, und sind dazu unterwegs in der schier endlosen Weite. Andere Traditionen aber halten sie in Ehren, zum Beispiel die Musik.

So auch Ivan Cascaes. Während die Brüder Macari noch auf dem Hof rackern, richtet er eine kleine Bühne her, baut eine Trommel auf und holt sich eine Flasche Rotwein. Neben ihm machen sich zwei Musiker bereit: Der eine schnappt sich eine Gitarre, der andere ein Akkordeon. Die Gäste bibbern an den Tischen. Ein Hund hat sich so dicht ans Feuer gelegt, dass ihm die Glut ins Fell fliegt. Auf dem Grillrost garen Hühnerherzen, die ein Koch mit Salz bestreut. „Sie denkt schon morgens nur ans Flirten“, singt das Grüppchen um Ivan Cascaes ins Mikrofon. „Sie erwacht geschminkt und denkt schon morgens nur ans Flirten.“ Mit Kniebundhosen und Lederstiefeln, mit Reifrock und Spitzenschal wirbelt ein Paar über die Tanzfläche. Bisschen arg Folklore? Schon. Aber im Geiste der Gaúchos.

Den Lonesome Cowboy kann sich keiner mehr leisten

Die Cowboys von Howard Hawks schinden ihre Pferde - manchmal brauchen sie zwei am Tag. Die Gaúchos der Gegenwart schonen ihre Pferde auch nicht: Ivan Cascaes händigt seine Herde am nächsten Morgen Touristen aus. Der Matsch saugt an den Hufen. Tiririca mit grauschwarzer Mähne und weißbraunem Fell trottet auf die Koppel und von der Koppel zum See. Der Nebel wabert so dicht, dass die Reiter kaum den nächsten Zweig ausmachen können, unter dem sie sich wegducken müssen. Die linke Hand liegt auf dem Knauf, die rechte hält den Zügel. Wie bei einem wahren Gaúcho? Vielleicht. Der Cowboy freilich würde das nicht tun. Der Knauf ist tabu, den fasst keiner an. Der ist fürs Lasso. Also doch ein Unterschied? Der dritte.

Zwei Kommandos hat Ivan Cascaes den Neulingen eingeschärft: Mit der Zunge schnalzen und die Knie fest in den Pferdeleib drücken - so geht es los. „Brr“ rufen und mit den Zügeln den Pferdehals zurückziehen, dann sollte das Tier stehen bleiben. Doch während die anderen Pferde gehen, nagt Tiririca an ein paar Zweigen; während die anderen Pferde stehen, trippelt Tiririca in den Nebel.

Den Typ Cowboy, wie Howard Hawks ihn zeigte, gibt es nicht mehr. Er musste einsehen, dass sein Heil andernorts liegt, wenn man denn von Heil sprechen möchte. Auch die Gaúchos der Gegenwart denken um: Sie können sich auf die Rinderzucht allein nicht mehr verlassen. Manche wandten sich dem Fremdenverkehr zu, Höfe wurden zu Feriendomizilen.

Den Lonesome Cowboy zu spielen, kann sich niemand erlauben. Natürlich kennt Ivan Cascaes die Andenkenverkäuferinnen, die neben der Schlucht Wollmützen verkaufen. Er grüßt den Nachbarsfarmer, der im Café sitzt und Milchkaffee trinkt. Und mit seinem Telefon, das alle dreieinhalb Minuten klingelt, hält er engsten Kontakt zur ganzen Welt - und ist unentwegt am Organisieren: Ein Besuch im Einwanderermuseum? Schnell organisiert. Eine Probe im Weingut? Kein Problem. Und am liebsten würde er uns noch zu den größten Wasserfällen der Gegend schicken. Wir aber sitzen schon im Bus, der gleich dden Serpentinen hinunter zur Küste folgen wird. Der Fahrer schaltet das Radio an. Nach wenigen Takten stimmt er ein: „Santa Catarina, dein Volk singt für uns, so dass die Traurigkeit verfliegt; Santa Catarina, wir danken dir für das heilige Land.“ Das könnten auch Cowboys singen.

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