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Bordeaux : Welthauptstadt des Weins

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Bordeaux bei Nacht Bild: Intervinum

Der Name dieser Stadt lässt nur einen Gedanken zu: Wein. Er hat die Geschichte der Hafenstadt entscheidend geprägt.

          3 Min.

          Bordeaux. Man braucht nicht Weinfreund zu sein, um bei diesem Wort aufzuhorchen. Bordeaux ist für den Wein, was Casanova für die Frauenhelden ist: der Ausdruck schlechthin für die Materie.

          Bordeaux. Die Vorstellung, die man sich gemeinhin von diesem mythischen Ort macht, ist die eines idyllischen Winzerdorfs - umgeben von Reben, soweit das Auge reicht. Und überall rotnasige Winzer bei der Arbeit, mit Beret über dem linken Ohr und einer Rebsichel im Gurt.

          Bordeaux - eine Million Einwohner, aber kaum Reben

          Erstaunen dann, wenn der Reisende eines Tages aus dem Zug im Bahnhof Saint-Jean steigt, und sich mitten in der Großstadt wiederfindet, einer Agglomeration von einer Million Einwohnern und (fast) zur Gänze ohne Reben.

          Hätte er als Transportmittel das Flugzeug gewählt, er hätte davon doch wenigstens ein paar Flecken mitten im Häusermeer ausgemacht. Zu Château Haut Brion, einem der berühmtesten Bordeaux-Schlösser, gehören die Reben, die heute inmitten der wuchernden Vororte liegen.

          Handelsgünstige Hafenstadt

          Bordeaux ist eine Hafenstadt, war einst einer der wichtigsten französischen Handelshäfen, auch wenn die Stadt fast 100 Kilometer vom Atlantik entfernt liegt - handelsstrategisch günstig und geschützt durch den breiten und ungestümen Fluss Garonne, den es erst zu überqueren galt, wollte man den Bordelaisern an den Kragen. Die erste Brücke wurde nämlich erst 1824 gebaut.

          Was war wohl zuerst, die gute Lage, die den Handel mit Wein begünstigte, oder der Wein, der die Stadt zu ihrem Reichtum und damit zu ihrer Bedeutung brachte?

          Weinbau führte Bordeaux schon früh zu Privilegien

          Tatsache ist, dass die Fassbauer in Bordeaux bereits zur Römerzeit zu den betuchtesten Einwohnern gehörten, dass die englischen Könige, denen die Stadt während dreier Jahrhunderte gehörte, deren Bürgern allerhand Privilegien einräumten, nur, damit sie nicht auf den „Aquitanischen Wein“ verzichten mussten, dass im 13. und 14. Jahrhundert, zu einer Zeit, wo die Rebe überall in Europa noch ungeordnet und fast wie zufällig gepflanzt wucherte, die Rebgärten hier so schnurgerade gezogen waren, dass man sie bereits mit dem Pflug bestellen konnte. Geerntet wurden die Trauben genau dort, wo heute die Grossstadt brodelt: rings um die Mauern der befestigten Stadt.

          Weil sich mit dem Handel von aquitanischem Wein ein Vermögen verdienen liess, zog die Stadt zu jeder Zeit Siedler von außerhalb an. Portugiesische Juden waren die ersten, die sich vor den Toren der Stadt niederliessen und dort wohl nur darum geduldet wurden, weil sie für einen besseren Absatz der Weine der Bürger sorgten.

          „Quartier des Chartrons“

          Ihnen auf dem Fuss folgten Holländer, Deutsche, Engländer und Iren. Gemeinsam schufen sie ein neues Quartier, das einzig dem Handel mit Wein gewidmet war, mit Kellern, die direkt auf den Hafen gingen: das „Quartier des Chartrons“, dessen prunkvolle Häuserfronten wir noch heute bestaunen können, auch wenn der Weinhandel sich längst in die Industrie- und Gewerbezonen verzogen hat.

          Im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert dann schufen Jean und sein Nachfahre Arnaud de Pontac, Vertreter einer der grossen Bordelaiser Dynastien, eine ganz neue Art von Wein, fast schwarz in der Farbe und besonders wohlduftend, den sie zehn- bis zwanzigmal teurer verkauften als den gewöhnlichen, hellroten Bordeaux.

          Château als Statussymbol

          Mitten im Weinberg liessen sie ein prunkvolles Château (Schloss) errichten und nannten es Haut Bryan (das heutige Haut Brion). Nicht als Behausung war es gedacht, sondern als Statussymbol, als Marke für einen besonderen Wein. Das Weinchâteau war geboren und die Region der Graves de Bordeaux dazu - eine Gegend, die noch heute Weine von grosser Feinheit erzeugt.

          Vor allem aber der Mythos vom adeligen, in einem fürstlichen Schloss abgefüllten Rebensaft aus Bordeaux, der auf keiner festlichen Tafel fehlen darf, dem Wein, zu dem sich Staatsmänner, Künstler und Denker bekennen, dem Wein, den man kostet und ergründet wie ein grosses Kunstwerk, ein Gemälde von Rembrandt zum Beispiel oder eine Symphonie von Brahms.

          Weinmythos Bordeaux

          10.000 Weinchâteaux zählt die Region Bordeaux heute. Manche sind einfache Wohngebäude, und der Prunk prangt einzig auf dem Etikett. Andere gleichen tatsächlich Trutzburgen, Märchenschlössern und orientalischen Pagoden.

          In der Glanzzeit des Bordeaux, dem 18.und 19 Jahrhundert, setzen die Château-Architekten sich und ihrer Phantasie keine Grenzen, wenn es darum ging, das Prestige eines Weins zu untermauern. Diese Châteaux sind noch heute der sichtbare Teil des Weinmythos Bordeaux. Der unsichtbare schimmert dunkelrot im Glas und erzielt mit jeder Ernte wieder neue Spitzenpreise. „En Primeur“, in Subskription, werden die grossen Bordeaux-Weine heute gnädig zugeteilt und sind bereits ausverkauft, bevor sie noch ein Jahr oder länger im Fass schlummern dürfen.

          Jahrhundertwein

          Der Rummel um den Primeur ist gewaltig. Der Jahrgang 2000 ist dran. Journalisten und Händler aus aller Welt verkosten hunderte von Weinen ab Fass und geben ihr Urteil ab. Der Millenniums-Jahrgang gilt schon heute als Legende.

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