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Böhmischer Baumeister : Der Mann, der Gotik und Barock versöhnte

Mit dem Rückgriff auf gotische Formen wollte man an eine Zeit vor den Hussitenkriegen zurückverweisen, in denen in Böhmen alles in Ordnung und brav katholisch war und Ungeheuerlichkeiten wie die Reformation noch nicht erfunden. Santinis Gotik-Barock ist wie einmal Kirche mit extra viel katholisch, bitte. Und wenn man weiß, dass der Vorgängerbau von Hussiten zerstört wurde, praktisch den Erzfeinden der Zisterzienser, versteht man diese große Geste.

Das Kloster Želiv steht mitten im grünen Herzen Tschechiens und ist nicht nur des Bieres wegen einen Abstecher wert.

Mit diesem ganzen nicht ganz unkomplexen Vorwissen kann man sich auch den Rest von Santinis Werk erschließen. Etwa das Kloster Želiv im grünen, hügeligen Herzen Böhmens, der Vysočina, Naherholungsgebiet nicht nur der Prager Stadtbürger. Seit dem zwölften Jahrhundert lebten hier Prämonstratenser-Chorherren, mit der üblichen Unterbrechung während der Hussitenkriege. Santini-Aichel fiel dann die Aufgabe zu, die Klosterkirche zu erneuern.

Die Monstranz, die eine Gurkendose war

Im Kloster Želiv erfährt man aber auch etwas über die Geschichte der tschechischen Kirche im zwanzigsten Jahrhundert: Vierhundert Priester aus dem ganzen Land, also aus Tschechien und der Slowakei, wurden hier im Jahr 1950 – zwei Jahre nach der Machtergreifung der Kommunisten – interniert, der Abt Bohumil verbrachte ein Jahrzehnt im Gefängnis. Weil den Priestern und Mönchen auch alle heiligen Gegenstände genommen wurden, bastelten sie sich aus einer Gurkendose eine provisorische Monstranz, in der sich lediglich eine Hostie befand – sie ist bis heute in der Kirche zu finden und äußerst anrührend in ihrer blechernen Einfachheit. Zwischenzeitlich war im Kloster eine psychiatrische Anstalt untergebracht, im Jahr 1999 kamen die Prämonstratenser zurück. Es sind nur wenige, sieben Mönche statt früher fünfzig oder sechzig, aber sie brauen ganz ausgezeichnetes Bier, weshalb der Aufenthalt allein schon deshalb lohnt.

Als alles Kirchliche verdächtig war: Die provisorische Gurkendosenmonstranz im Kloster Želiv.

Und schließlich die doppelsternförmige Wallfahrtskirche Zelená Hora – „grüner Berg“ – auf dem Hügel über dem unscheinbaren Industriestädtchen Žd’ár. Santinischer ist wohl keines von Santinis Bauwerken, hier findet er zu einem Stil, der völlig aus der Zeit gefallen scheint und mit handelsüblichem Baustilwissen kaum zu erschließen ist. Wo kommt das her, diese kruden Gewölbe, diese geschwungenen Dächer, die Balustraden mit gotischen und barocken Ornamenten, die hier in friedlicher Eintracht übereinander harmonieren? Dann diese verwinkelten Portale, die unterschiedlichen Fensterformen, wo geht das hin? Diese weißen Wände, durch die das reine Licht fällt, die zarte Farbigkeit in der Kuppel, fünf Sterne andeutend, die hölzerne Zunge oben auf dem Schlussstein, Symbol des heiligen Nepomuk, wie kommt ein Architekt auf all das, mitten in Böhmen, mitten im ausgehenden Barock?

Man weiß es nicht, aber das Bauwerk ist trotz des trüben Tages von so kristalliner Schönheit, dass man Santini-Aichel auch die kruden Anfänge mit seiner Kirche in Sedlec verzeiht. Wenn der seltsame Zwitter gebaut werden musste, damit der Architekt irgendwann zu dieser vollendeten Form finden konnte, dann sei es so. Im Jahr 1722 wurde die Wallfahrtskirche fertiggestellt. Ein Jahr später starb Santini-Aichel mit nur sechundvierzig Jahren an einer Lungenentzündung, bevor sich sein Talent international herumsprechen konnte. Aber was hätte nach Zelená Hora noch kommen können?

Die Zunge des Heiligen Nepomuk: Das Deckengewölbe in der Wallfahrtskirche.

Böhmens Barock

In Santinis Haus in Prag schläft man günstig und zentral: Im Hostel kostet das Einzelzimmer je nach Saison 35 bis 70 Euro. Im Mehrbettzimmer gibt es günstige Jugendherbergspreise unter barocken Kassettendecken: www.hostelsantiniprague.com. • Im Kloster Želiv kann man nicht nur deftig essen und Bier trinken, sondern auch übernachten. Zwei Personen zahlen mit Frühstück etwa 60 Euro. Es gibt in den gut ausgestatteten Zimmern alles außer Fernseher. Kontakt: recepce@zeliv.eu. • Barock entdecken: Viele Informationen, Rundreisen und Ausflugstipps zu barocken Klöstern, Palästen und Gärten – auch zu Santinis Werken – hat die tschechische Fremdenverkehrszentrale auf der Seite www.barockintschechien.de zusammengestellt.

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