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Böhmischer Baumeister : Der Mann, der Gotik und Barock versöhnte

Barock mit Maßwerk: Santini-Aichels stilistischer Sonderweg in Sedlec.

Jetzt wird es kurz kompliziert, denn in die Hussitenkriege ab 1420 waren bald der Papst, ungarische Reiter, polnisch-litauische Truppen, österreichische Kontingente, Ernst von Bayern und Truppen des deutschen Königs verwickelt, also ungefähr halb Europa. Nach fünf erfolglosen Kreuzzügen bröselte schließlich die Front, die gemäßigten Hussiten kehrten einigermaßen reumütig in den Schoß der katholischen Kirche zurück, und die radikaleren Widerständler wurden massakriert oder flohen. Dennoch gelang eine Rekatholisierung erst allmählich unter dem Einfluss der Jesuiten, und endgültig 1620 durch die Schlacht am Weißen Berg. Da unterlagen die böhmischen Stände den Truppen der katholischen Liga, einem Sammelsurium katholischer Fürstentümer und Hochstifte, und die protestantischen Böhmen mussten nach Deutschland in reformierte Gegenden fliehen. Böhmen war wieder katholisch, und die höheren Schichten sprachen wieder Deutsch, wie sie es getan hatten, bevor die Hussiten im Verbund mit der tschechischsprachigen Landbevölkerung für Unruhe gesorgt hatten.

Leer, sinnlos und völlig überdimensioniert

Und genau da kommt nun Santini-Aichel mit seiner Klosterkirche ins Spiel. Die Klosterkirche Sedlec ist nämlich eigentlich ein barocker Kasten, dem man eine gotisierende Fassade vorgeklebt hat, ein seltsamer Zwitter von zweifelhafter Schönheit. Die Fialen, sozusagen das Exoskelett der Kathedrale, die normalerweise das Gewicht des Gebäudes nach außen ableiten, haben hier keine statische Wirkung mehr. Sie wurden aus Dekorationszwecken rechts und links angemauert, damit das Ganze hübsch nach Mittelalter aussieht. Über dem Eingang schweben drei Laternen, also turmartige Aufsätze, auf einem barock geschwungenen Vordach. Sie tragen zwar gotische Kreuzblumen auf ihren Spitzen, wie es sich gehört, sind ansonsten jedoch allen Maßwerks entkleidet – ungefähr so, als hätte jemand, der mal an einem gotischen Dom vorbeigegangen ist, versucht, dessen Architektur in ihrer Komplexität aus dem Gedächtnis aufzumalen, sei jedoch grandios gescheitert und habe die Hälfte der Details vergessen.

Ein Kasten, dem gotisches Zierwerk angeklebt wurde: Die Klosterkirche in Sedlec ist ein seltsamer Zwitter.

So sieht auch der Rest des Portals aus: Zwei runde, eindeutig barocke Fenster rechts und links in glattem Mauerwerk, dann ragt das Ganze hoch auf und gipfelt in einem riesigen Vierpass, einem der wichtigsten gotischen Zierelemente, das normalerweise in Maßwerkfenstern zu finden ist, hier jedoch leer und sinnlos und völlig überdimensioniert an die Fassade gekleistert wurde, als habe man der Kirche eine Sprechblase verpassen wollen, in der steht: „Guckt, wie gotisch ich bin.“ Einen derartigen Eklektizismus haben sich nicht mal die Engländer auf dem Höhepunkt ihres Neogotikfimmels getraut, und die haben schon einen Haufen seltsamer Dinge mit Maßwerk angestellt.

Einmal Kirche mit extra viel katholisch

Im Innenraum führen die Gewölberippen etwas auf, was man weder in der Gotik noch im Barock je gesehen hat. Zur Tagundnachtgleiche beleuchtet die Sonne exakt den Altar durch ein großes Fenster im Chor, weshalb die Orgel an der Seite der Kirche plaziert ist, um das Licht hindurchzulassen. Hier findet sich auch schon ein Markenzeichen Santinis, die Rundtreppen ohne Mittelpfeiler, die sich elegant zur Empore aufschwingen. Die hätte das italienische Raumwunder Borromini nicht schöner erfinden können.

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