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Böhmischer Baumeister : Der Mann, der Gotik und Barock versöhnte

Von Borromini lernen heißt bauen lernen: Eine Santini-Wendeltreppe in Sedlec.

Im Jahr 1699, mit zweiundzwanzig Jahren, kehrte er nach Prag zurück und begann sogleich, Aufträge entgegenzunehmen und erste Bauten zu entwerfen. Als Architekt war er eine glänzende Besetzung: Durch den väterlichen Betrieb kannte er sich mit der technischen Seite und den Baumaterialien aus, seine Malerausbildung und seine Reise halfen ihm, originelle Entwürfe anzufertigen, die auf der Höhe der Zeit waren. Und sein Betrieb lief von Beginn an wie geschmiert. Schon 1705 konnte er sich ein eigenes Haus leisten, das bis heute an der Prager Neruda-Straße steht – zwischen einigen Stadtpalästen, die er selbst entworfen hat. Heute befindet sich im Santini-Haus ein Hostel, unter den barocken Decken stehen solide Stockbetten zum günstigen Preis.

Ein einziges Bilderbuchböhmen

Die allerersten Kunden des Architekturdebütanten waren die Zisterziensermönche von Sedlec. Warum der Orden sich an den jungen, unerfahrenen Santini-Aichel wandte, ist nicht bekannt. Im Städtchen Kutna Hora, Kuttenberg zu Deutsch, gibt es das Kloster schon seit dem Jahr 1142. Einst stand hier eine große Kathedrale, die aber von reformatorischen Hussiten niedergebrannt wurde. Die Klosterkirche brauchte also dringend einen Neubau, und Santini-Aichel sollte ihn gemeinsam mit seinem Kollegen Paul Ignaz Bayer schaffen.

In Kuttenberg ist heute die gesamte Altstadt als Weltkulturerbe anerkannt. Der Ort wurde im späten Mittelalter durch Silberbergbau sehr reich und war nach Prag die zweitgrößte Stadt Böhmens. Besonders glänzend war die Angelegenheit aber nicht, denn durch den Bergbau war Kuttenberg sehr schmutzig, das Wasser verseucht und sämtlicher Wald rundherum abgeholzt.

Beschauliches Böhmen: Kuttenberg mit dem Jesuitenkolleg und der Barbarakirche (links) war einst eine wichtige Bergbaustadt.

Heute mutet das Städtchen dagegen eher gemütlich an. Fachwerkhäuser stapeln sich an den Hügel, Gasthäuser schenken Pilsener aus und servieren irgendetwas mit Knödeln – alles ein einziges Bilderbuchböhmen, wie man es sich nicht schöner ausmalen könnte. Das größte Gebäude der Altstadt ist das riesige Jesuitenkolleg, in dem heute eine Galerie für zeitgenössische Kunst untergebracht ist.

Fensterstürze bedeuten nichts Gutes

Im Jahr 1556 kamen die Jesuiten nach Tschechien, und sie taten hier, was sie überall taten: Sie beförderten die Bildung, gegenreformierten fleißig und bauten viel Barockes. Das mit der Gegenreformation war in ihren Augen besonders in Tschechien notwendig geworden, denn ganz Böhmen war dem Reformator Jan Hus gefolgt. Diese sogenannten Hussiten richteten sich gegen die böhmischen Könige, und natürlich richtete sich der jeweilige König bald auch gegen sie. Als einige Hussiten festgenommen wurden, stürmten ihre Glaubensbrüder das Rathaus der Hauptstadt und warfen ein paar Ratsherrn heraus, was man heute als ersten Prager Fenstersturz bezeichnet. Er markiert den Beginn der Hussitenkriege. Das Vorgehen machte im Übrigen Schule: Der zweite Prager Fenstersturz stand am Anfang des Dreißigjährigen Kriegs, der dritte geschah während des kommunistischen Umsturzes 1948. Wir merken uns: Fällt in Prag jemand aus dem Fenster, wofür es den schönen Fachbegriff der Defenestration gibt, bedeutet das meistens nichts Gutes.

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