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Bloß nicht den Kopf verlieren

Von TILMAN SPRECKELSEN
Illustration: Jonas Lauströer

03.03.2019 · Ein Spaziergang durch Prag mit dem Spukbären, einer Adeligen mit Schuhtick und anderen Gespenstern.

D er Graf wollte nicht kämpfen. Als er es aber doch musste und mit dem böhmischen König 1620 in die Schlacht am Weißen Berg zog, trug er in all dem Morden ein lebenslang schlechtes Gewissen davon. Zur Buße ließ er sich im Kloster Strahov, hoch über Prag, an entlegener Stelle unter den Bodenplatten bestatten – jeder, auch der Geringste, sollte seine Grabstätte mit Füßen treten.

Das geschah mitten im Dreißigjährigen Krieg, in dessen wechselhaftem Verlauf die Schweden 1648 den Hradschin besetzten, die Prager Burg – und mit ihr das Kloster. Ein Schwede erfuhr von der Geschichte, ging das Grab des Grafen suchen, weil er dort Schätze vermutete, und verschwand. Die Schweden zogen weiter, und wieder viele Jahre später öffnete man das Grab. Jetzt waren zwei Skelette darin, das eine hatte den Hals des anderen fest umklammert. Der Graf und der Schwede, kein Zweifel. Und doch wüsste man gern, ob den friedlichen Grafen im Jenseits plötzlich die Lust am Morden angekommen war, so dass er den Grabschänder erwürgte – oder ob umgekehrt der schwedische Soldat noch wütend die Leiche des Pazifisten gewürgt hatte, vielleicht weil die Grabplatte über ihm zugefallen und er nicht mehr herausgekommen war.

Das Strahov-Kloster in Prag Foto: Steffen Schellhorn

Es ist nicht die einzige Spukgeschichte, die man sich in Prag aus der Zeit des Dreißigjährigen Kriegs erzählt, die schwedischen Soldaten machen darin keine gute Figur, und wenn man vor dem Kloster steht und den grandiosen Blick über das abendliche Prag genießt, über die Moldau und die Altstadt auf der anderen Seite, dann stößt man bald auch auf die heutige schwedische Botschaft, einen Steinwurf von Strahov entfernt.

Ein Stückchen weiter ist der Eingang zur Prager Burg mit dem Veitsdom. Vom heiligen Wenzel, dem Schutzpatron Böhmens, der dort eine später überbaute Kirche errichten ließ, heißt es, er wache dort noch immer über das Ansehen seiner Nation, und dass man sich als Fremder hüten möge, im Veitsdom schlecht über die Tschechen zu reden. Einem schwedischen Soldat sei das jedenfalls übel bekommen: Beim ersten Lästern im Dom habe er von unsichtbarer Hand eine Ohrfeige bekommen, beim zweiten einen Fußtritt.

Blick auf die Prager Burg Foto:AFP

Zu seinem Glück reizte er dann den zornigen Heiligen nicht weiter, wer weiß, ob er die Sache überlebt hätte, sagt Eva Hotovcová. Sie bietet Führungen durch Prag an, die sich an den Schauplätzen von Spukgeschichten orientieren, und wenn man ihr zuhört, was sie über herumgeisternde Geizkragen, ruhelose Mordopfer oder erboste Heilige zu sagen hat, der sieht bald überall Gespenster: Etwa im Palais Czernin, einem mächtigen Gebäude aus dem 17. Jahrhundert auf dem Hradschin, in dem heute das tschechische Außenministerium untergebracht ist. Eva Hotovcová erzählt von einer Adligen mit Schuhtick, die dort wohnte. Weil sie es für unzumutbar hielt, ihre Schuhe mehr als einmal zu tragen, war sie immer auf der Suche nach neuen Modellen. Als ihr ein Bäcker begegnete, der gerade knusprige Brotlaibe auslieferte, forderte sie von dem entsetzten Mann Schuhe aus diesem Material. Sie bekam sie schließlich, stolzierte damit zum Ball und fühlte plötzlich, wie ihre Füße immer wärmer wurden und schließlich lichterloh brannten. Noch heute sehe man in manchen Nächten eine formlose Gestalt im Palais, von deren Füßen ein heller Schein ausgehe.

Der Abend ist mild, allmählich leeren sich die Gassen auf dem Hradschin, und wer Spukgeschichten erzählen will, findet in der aufkommenden Dunkelheit eine stumme Verbündete. Denn natürlich geht es dabei nicht um einen klaren Blick und nachprüfbare Fakten, es geht nicht einmal darum, eine Geschichte möglichst exakt vorzutragen, sondern um das Erzählen selbst und um die passende Stimmung, es geht um Phantasie und den tradierten Sagenschatz, allerdings geknüpft an die Realität der Häuser, Straßen und Plätze, die man hier vorfindet. Also um den Eingang zur Hölle, der sich für eine andere Adlige samt ihrer Kutsche plötzlich neben dem Palais Czernin auftat, als sie beim Mittagsläuten nicht zum Gebet anhalten wollte – Kinder, sagt Eva Hotovcová, denen sie bei Führungen diese Geschichte erzähle, sorgten sich dann bisweilen um die armen Kutschpferde, die mit in die Hölle müssten, obwohl sie doch gar nicht gesündigt hätten. Zur Beruhigung hätte einmal ein Vater gesagt, sicher sei das Zaumzeug gerissen, so dass die Pferde zusammen mit dem Kutscher oben bleiben konnten. Das Aufatmen der Kinder kann man sich vorstellen.

Nový Svět bei Nach Foto: Picture-Alliance

Immerhin fehlt den Prager Spukgeschichten nur selten die Möglichkeit zur Erlösung. Da ist der Reiche, der seinen Schatz irgendwo in der reizenden Gasse Nový Svět am Rand des Hradschin versteckt hatte und nicht mehr fand, vor Ärger wahnsinnig wurde und starb. Inzwischen weiß er die Stelle aber wieder, dort spukt er auch herum, und wer auf ihn zugeht und den Schatz hebt, kann den Geist erlösen. Nur für sich selbst darf er das Gold nicht verwenden, sonst kommt der Geist zurück.

Auch dem Gerippe, das im Viertel Malá Strana (Kleinseite) zwischen Burg und Moldau umgeht, kann geholfen werden: Einst ein Schlosser mit sehr dichtem Haar, legte sich der Mann eines Abends ins Bett und wachte nicht mehr auf. Seine junge Ehefrau beweinte ihn, ließ ihn begraben und heiratete den ebenfalls jungen Gesellen. Als aber irgendwann der Sarg des Schlossers geöffnet wurde, kullerte im Totenkopf des Mannes ein schwerer Nagel. Das Paar gestand den Mord und wurde hingerichtet, der Geist des Opfers aber läuft noch immer durch sein Viertel und sucht einen Passanten, der den Mut hat, dem Gespenst nahe genug zu kommen, um den Nagel aus dem Schädel zu ziehen. Von Frauen hält sich das Gespenst fern, die Männer aber hatten bislang alle zu viel Angst.

Menschen auf der nächtlichen Karlsbrücke Foto: EPA

Ähnlich erging es auch einem Gespenst, das Eva Hotovcová „die schamlose Lucie“ nennt. Von ihrem Mann in flagranti ertappt, wurde sie nackt aus dem Schlafzimmerfenster in der Sněmovní geworfen, der ehemaligen Fünfkirchengasse, ganz in der Nähe des heutigen Parlaments. Den Sturz aus dem ersten Stock überlebte sie zwar noch, ihr Liebhaber aber verschwand, und sie selbst erfror. Nun spukt sie als nacktes Gespenst durch das Regierungsviertel, und um sie zu erlösen, müsste man ihr einfach einen Mantel überwerfen.

All diesen Gespenstern zu begegnen wäre gruselig oder zumindest befremdlich, mit dem Spukbären aber, der ebenfalls im Regierungsviertel umgeht, wäre die Begegnung lebensgefährlich. Denn der Tanzbär, der von seinem Herrn immer kurz gehalten wurde, hielt es eines Tages vor Hunger im Käfig nicht mehr aus, befreite sich und fraß einige Passanten. Ein ordentliches Gericht verurteilte das Tier zum Tode und ließ es hinrichten. Nun streift der noch immer hungrige Bär nachts durch die Straßen der Kleinseite. Wittert er Tinte an den Fingern eines Vorübergehenden, so wie einst an denen der Beamten, die über ihn zu Gericht saßen, dann fällt er ihn an. Alle Übrigen lässt er in Frieden. Und solange es noch Beamte in Prag gibt, solange wird der Bär auch nicht erlöst werden.

Inzwischen ist es dunkel geworden, die Karlsbrücke liegt im Nebel, ihre milchigen Lichter sind gerade hell genug, dass man das dunkle Geländer und die Heiligen darauf erkennen kann. All diese armen Seelen, sage ich, die ewig auf ihre Erlösung warten – hat es denn nicht wenigstens einmal geklappt? Doch, sagt Hotovcová. Und erzählt vom Kind des Baumeisters, der die Karlsbrücke ausbessern sollte und dafür die Hilfe des Teufels annahm. Eine schlechte Idee, die ihn am Ende seine schwangere Frau kostete. Das Ehepaar starb, nur die Seele des ungeborenen Kindes blieb übrig. Einige hundert Jahre lang konnte man das Geistlein auf der Karlsbrücke kläglich weinen hören, sehr zum Schrecken der Passanten. Bis ein Fremder vorbeilief, der die Geschichte nicht kannte. Wieder so eine neblige Nacht, wieder Kinderweinen, der Fremde aber sprach mitleidig in die Dunkelheit hinein und beruhigte das unsichtbare Kind. Als er „um Himmels willen“ sagte, hörte das Weinen auf und wurde seither nicht mehr gehört.

Die Karlsbrücke im Nebel Foto: Reuters

So einfach, denke ich, als wir das andere Ende der Brücke erreicht haben. Aber nicht jeder Geist macht es einem so leicht mit dem Mitleid. Während wir durch die enge, von zwei Toren abgetrennte schmale Gasse Zlatá laufen, erzählt Eva Hotovcová von einem wüsten Gespenst, dem Tempelritter, dem der Kopf abgeschlagen wurde und der nun nachts durch die Liliová reitet, jene Straße, auf die die Zlatá zuläuft. Er reitet immer von rechts nach links, und wer ihn erlösen will, muss am Ende der Liliová warten und ihm das Schwert abnehmen. Und bis dahin?, frage ich.

Bis dahin kehrt er in die vielen Kneipen der Liliová ein und lässt sich Bier geben. Früher lief ihm alles durch den abgehauenen Hals und überschwemmte die Kneipenböden. Irgendwann gab ihm eine zornige Kellnerin den Rat, den Kopf einfach wieder aufzusetzen. Aus lauter Freude darüber, dass er seitdem von seinem Bier auch etwas hat, kehrt er nun umso häufiger ein.

Das und noch viel mehr erzählt Hotovcová an diesem Abend: vom zornigen Franz Kafka, der herumspuke, um sich an dem treulosen Max Brod zu rächen, von den hingerichteten Pragern, die einmal im Jahr den Altstädter Ring unsicher machen, oder von dem Kirchendieb in Sankt Jakob, den die Jungfrau Maria persönlich stellte.

Der Spuk ist vorbei. Die Sonne geht auf. Foto: EPA

Die schönste Geistergeschichte Prags stammt aber nicht aus Hotovcovás Fundus. Die Schriftstellerin Iva Procházková, die nach vielen Kinder- und Jugendbüchern gerade den Krimi „Der Mann am Grund“ vorgelegt hat, erzählt sie einige Tage später am Rand einer Begegnung in Prag bei hellstem Sonnenschein: Mit einem ihrer Enkel laufe sie häufig durch die Altstadt, auch in die Gassen hinter der Tejnkirche am Altstädter Ring, wo ihnen ein Dachfenster mit einem Riss in der Glasscheibe aufgefallen war. Procházková erfand nun für den Enkel die Geschichte eines Gespenstes, das doch noch so viel Körperlichkeit besaß, dass es den feinen Spalt benötigte, um durch das geschlossene Fenster zu kommen. Eines Tages aber, als Großmutter und Enkel wieder vor dem Haus standen, war die Scheibe ausgetauscht. Was das Gespenst nun machen solle, fragte der Enkel bang, und Procházková wusste keinen Rat. Eine Woche später, sagt sie, sei der Riss wieder da gewesen. Ganz von allein.

Karte: F.A.Z./sie.

Der Weg nach Prag

Führungen: Näheres zu den Gruselführungen von Eva Hotovcová unter strasidelnapraha.cz oder telefonisch unter 0 04 20/6 03/21 53 24

Übernachtung: Eine angenehme Unterkunft ist das Hotel „Questenberk“ in unmittelbarer Nähe des Klosters Strahov. Übernachtungen gibt es dort ab etwa 60 Euro

Literatur: Alena Ježková: „77 Prager Legenden“, Práh-Verlag (in deutscher Sprache). Magdalena Wagnerová: „Tales of Old Prague Houses“, Plot-Verlag (auf Englisch)

Weitere Informationen: bei der Tschechischen Zentrale für Tourismus unter czechtourism.com

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 03.03.2019 11:49 Uhr