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Überraschungsreise : Blind Gate

  • -Aktualisiert am

Eine Reise als Überraschung: Man muss sich nur darauf einlassen. Bild: Robert Samuel Hanson

Alles, was man bekommt, ist ein Umschlag am Flughafen: mit dem Plan für die nächsten Tage. Über eine Überraschungsreise in den Norden.

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          Einen ruhigen Ort am Flughafen zu finden, ist die erste Herausforderung dieser eigentümlichen Reise. Sitzbänke sind rar. Die Cafés überteuert und ungemütlich. Endlich, dort wird ein Fleckchen am Fenster frei. Es wirkt etwas unwürdig für den großen Moment, aber große Gefühle kann man in jeder Ecke empfinden. Wird die Badehose im Rollkoffer gebraucht? Oder eher die Wanderschuhe? Alles ist gepackt, aber ich weiß nicht, was ich brauchen werde. Ich weiß nichts. Nicht, an welches Gate ich muss, nicht, wohin ich fliege und auch nicht, was ich machen werde. Ich unternehme eine sogenannte Überraschungsreise.

          Wer nicht weiß, wohin es geht, ist automatisch aufgeregt. Das ist auch die Idee hinter dieser Reise. In einer Branche, in der alles schon einmal da war und daher die Reize für Touristen ständig verschärft und die Angebote immer absurder werden, muss man nur die „Planbarkeit“ aus der Gleichung nehmen. Und schon ist jedes verlängerte Wochenende ein Abenteuer. Es gibt derzeit mehrere Anbieter, die Überraschungsreisen verkaufen. Die meisten sind kleine Unternehmen, Blookery aus Köln, Wowtrip aus Spanien, einige Fluggesellschaften haben „blind booking“ im Angebot. Doch viele dieser Anbieter bieten nur Flug und Hotel an und suchen schlicht Ziele für ihre Kunden aus, die gerade besonders günstig sind. Das Münchner Startup „Unplanned“ dagegen stellt alles zusammen – Anreise, Unterkunft, Ausflüge, Restaurant-Reservierung, Ausgehtipps und Leihfahrrad. Und seit Anfang dieses Jahres soll das alles auch CO2-neutral sein.

          In einer fahlen Ecke des Flughafens – und nicht vorher! – reißt man also den schwarzen Umschlag auf, der vor ein paar Tagen per Post ankam. Gleich sagt ein Zettel, wie das Leben nun vier Tage lang sein wird. Unter Menschen oder in der Einsamkeit, ob es kalt wird oder nicht, alles ist offen. Nebenan auf der Bank starren drei Männer vor sich hin, einer trägt einen großen Kopfhörer. Langsam falte ich das Papier auf und lese: „Galway“. Das wird es also. Nicht Bukarest, Barcelona oder Prag, auch kein Wald bei Göteburg. Ich mache mich auf den Weg zum Gate nach Dublin und werde an einen Ort an der Westküste Irlands reisen.

          Ein kleines, schwarzes Büchlein als Begleiter

          Drei Wochen zuvor hatte mich eine Angestellte einer Münchner Agentur angerufen. Man wolle „mal so reden“. „Magst Du lieber Stadtrundgänge mit Museen, oder einsam im Schnee spazieren?“, fragte sie. „Und überhaupt, wer bist Du so?“ Das Gespräch fühlte sich an wie eine kleine Sitzung beim Psychologen. „Bist Du gern unter Leuten?“ (Ja). „Kommst Du auch damit klar, niemanden zu kennen bei einer Abendveranstaltung?“ (Klar). „Magst Du Städte?“ (Immer.) So viel Empathie hat mir noch nie ein Reiseveranstalter entgegen gebracht. Die kleine Firma Unplanned existiert seit dreieinhalb Jahren. Damals meinten die Gründer, Frauke Schmidt und Christian Diener, ein Problem der Reisebranche zu erkennen: Vom Achttausender-Besteigen über Luxus-Camping bis zum Rave in Weißrussland wird alles Erdenkliche angeboten, Touristen fühlen sich gesättigt oder sogar übersättigt. Die beiden wollte daher Erlebnisse ganz anders anbieten: als Überraschungspaket, in dem alles bereits geplant ist und zum Reisenden passt. Ein charmantes Hotel, ein regionales Restaurant, eine Theaterbesuch. Der oder die Reisende muss sich nur darauf einlassen.

          In Galway, dieser hübschen Kleinstadt, knapp zwei Busstunden von Dublin entfernt, führt eine ausgedruckte Karte, die ebenfalls in dem schwarzen Umschlag lag, zu einer hochmodernen Pension. Die Köchin und Eventmanagerin Aiobhann vermietet zwei geräumige Zimmer, weiß und elegant eingerichtet, die aussehen wie der Traum einer stilsicheren Design-Studentin. Mit Kombucha im Kühlschrank und einem Teddy auf dem Bett. Mit Aiobhann, ihrem Sohn und ihrer Mutter werde ich in den kommenden Tagen immer wieder über EU-Politik plaudern, und mir anhören, warum sie Angela Merkel so verehren. Vor der Tür steht ein Leihfahrrad, mit dem ich, so sieht es mein Plan vor, zum „Kai“-Restaurant in der Sea Road fahren soll, wo sie nur streng regionale Zutaten verarbeiten und Naturwein servieren.

          Diese und alle anderen Einzelheiten verrät mir mein Travelbook, ein kleines, schwarzes, hübsch mit einem Ring geheftetes Büchlein. Es ist individuell für mich gemacht und enthält alle Infos, wirklich alles, die Adresse der Unterkunft, der Plan für jeden Tag, die Details der Bustour an die Küste. An dem schwarzen Büchlein kann man sich immer festhalten, es hilft gegen die Unsicherheit. Als die Vermieterin das Büchlein sieht, sagt sie: „Bewundernswert, wie organisiert die Deutschen sind.“

          Auf dem Leihfahrrad zum regionalen Essen – das passt zur zweiten Besonderheit von Unplanned: Alle Reisen sind klimaneutral. Wer so etwas wirklich will, muss viel rechnen. Etwa so: Der Airbus A320 hat 180 Plätze und verbraucht auf dem zweistündigen Flug von Berlin nach Dublin rund 6000 Kilogramm Kerosin. Laut des CO2-Rechners des Umweltbundesamtes erzeugt das auf Hin- und Rückreise 740 Kilogramm CO2. Dafür müsste eine helle LED-Glühbirne etwa 30 Jahre lang brennen. Das muss kompensiert werden und deshalb arbeitet „Unplanned“ mit „Atmosfair“ zusammen. Der Verein aus Bonn fördert klimafreundliche Projekte, vom Wasserkraftwerk in Honduras bis zur Solarenergie in Asien.

          Ungeplant auf eine Party

          Und ansonsten sind sehr viele Aktivitäten eingeplant, die ohnehin umweltfreundlich sind. Der Spaziergang durch den mittelalterlichen Stadtkern. In der Quay Street stehen Straßenmusiker und in den Pubs spielen Bands irischen Folk mit elfenhaften Frauenstimmen. Das Kino Pálás, das auch Restaurant, Café und Galerie ist, das herrliche Café Ard Bia. Das Zentrum Galways hat man in fünfzehn Minuten durchquert. Und der Strand ist auch nur zehn Minuten entfernt.

          Am dritten Tag sieht das kleine schwarze Travelbook eine Stadtführung vor – zu Fuß. Offenbar in Einzelbetreuung. Wieder geht es in drei nachhaltige Restaurants, über einen kleinen Markt und in die Kathedrale, um die Katholiken und Protestanten sich seit tausend Jahren streiten. Es geht um den irischstämmigen John F. Kennedy, der hier kurz vor seiner Ermordung eine Rede hielt. Und es geht darum, wie man einen echten Irish Coffee macht. Und weil das alles so lustig war, sagt Laura, die hervorragend informierte Reiseleiterin, dann noch: „Ich feiere heute Abend Geburtstag, komm doch einfach auch in Monroe’s Tavern.“ Gleich bei der Brücke über den River Corrib, der reißend durch die Stadt zieht.

          Die vier Bier, die nette irische Partygäste mir dann noch vor Mitternacht ausgeben, waren ebenfalls „unplanned“, sie standen aber nicht in meinem Travelbook. Sie verursachen etwa 1200 Gramm CO2. Die vielen freundlichen Worte, der Gesang der erstaunlich guten Live-Band und das aufrichtig klingende „You’re a good guy Thomas, come back to Galway“ sind klimaneutral. Aber sehr herzerwärmend. Das hätte man so alles gar nicht planen können.

          Der Weg zur Überraschungsreise

          unplanned.de bietet verschiedene Überraschungspakete an, für zwei Personen und drei Nächte ab 450 Euro pro Person.

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