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Der Turm in Schönebeck ist einer der ältesten Bismarcktürme. Bild: Christoph Moeskes

Zeitreise ins Kaiserreich : Turm und Drang

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Bismarcktürme – für die einen sind das Ungetüme am Stadtrand, für die anderen eine angemessene Würdigung des ersten Reichskanzlers. 146 Türme stehen noch, viele davon in Sachsen-Anhalt.

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          Ein Hering wurde nach ihm benannt, ein Schnaps, sehr, sehr viele Straßen, ein Apfel, die Hauptstadt von North Dakota, eine Hütte in Schlesien, ein Mineralwasser, eine Sonnenblume, ein Archipel im Pazifik. Die Verehrung, die dem ersten deutschen Reichskanzler Otto von Bismarck zuteilwurde, war, um es einmal modern auszudrücken, reichlich divers. Rechnet man all die Stelen, Obelisken und Gedenksteine hinzu, die man dem Reichseiniger in die städtischen Grünanlagen stellte, kann man sich Deutschland um 1900 als Bismarck-Themenpark vorstellen.

          Den buchstäblichen Höhepunkt indes erreichte der Personenkult in den Bismarcktürmen. Nach Bismarcks Tod 1898 wuchsen überall im Kaiserreich wuchtig-trotzige Solitäre in den Himmel, die ihm ein landschaftsprägendes Erinnern sichern sollten. Namen trugen diese Türme selten, es war sowieso klar, wer gemeint war. Manche waren sogar mit Feuerstellen bestückt, in denen zu Anlässen wie der Sommersonnenwende Pech lodern sollte – in inniger Verzehrung zum „Deutschesten der Deutschen“, wie es damals in einem landesweiten Aufruf von Studenten hieß.

          Im Schatten der Türme

          Das Feuer ist längst erloschen. Die 146 heute noch erhaltenen Bismarcktürme fristen eher ein Schattendasein als völkisch belächelte Ungetüme in Stadtrandlagen. Damit tut man ihnen unrecht. Die Proklamation des Deutschen Kaiserreichs am 18. Januar 1871 wird oft als „Reichsgründung von oben“ verstanden. Bei den Bismarcktürmen handelt es sich um das Gegenteil. Sie entstanden durch lokale Initiativen von unten und sind nicht zu verwechseln mit den schwülstigen Monumentaldenkmälern, mit denen Wilhelm II. Ende des 19. Jahrhunderts seinem Großvater Wilhelm I. huldigen ließ.

          Zum 150. Jahrestag der Reichsgründung sind wir deshalb nicht zum Kyffhäuserdenkmal und zum Deutschen Eck gefahren. Wir haben uns auch nicht nach Friedrichsruh begeben, Bismarcks herrschaftlichem Alterssitz bei Hamburg, wohin sich der 1890 entlassene Kanzler grummelnd zurückgezogen hatte, und erst recht nicht in die Freie und Hansestadt selbst, wo man ihm 1906 eine 34 Meter hohe Granitstatue oberhalb der Elbe aufstellte.

          Der Turm in Calbe.
          Der Turm in Calbe. : Bild: Moeskes

          Um den ernst blickenden Mann mit Schwert und Mantel herrschte im vergangenen Jahr ein regelrechter Kulturkampf (der Begriff entstand zu Bismarcks Zeiten, er meint das Zurückdrängen der katholischen Kirche aus den Aufgabengebieten des Staates). Nicht wenige wollten den frischrenovierten „hanseatischen Roland“ am liebsten sofort abreißen, da er für deutschen Imperialismus und Kolonialismus stehe, der nun auf immer ausgelöscht gehöre. Ein Pastor schlug sogar vor, den Kopf abzutrennen und auf einen Wagen zu legen, schließlich sei das Denkmal seinerzeit ja auch so geliefert worden.

          Mit derlei selbstverliebter Übermoral können wir nichts anfangen. Deshalb sind wir nicht an die Elbmündung gefahren, sondern an die Mittelelbe nach Sachsen-Anhalt. Dort macht man es seit jeher ein paar Nummern kleiner mit dem hochgewachsenen, 1,93 Meter großen Mann, der 1815 im Schloss Schönhausen in der Altmark geboren wurde und sein erstes öffentliches Amt als Deichgraf von Jerichow versah. Bismarcks Geburtshaus ist heute ein Museum, aber viel kleiner und bescheidener als sein Alterssitz bei Hamburg, was auch daran liegt, dass die DDR große Teile des Gebäudes 1958 sprengen ließ.

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