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Trüffel mit Aussicht: Ein Exemplar der Gattung Tuber Aestivum im Département Drôme. Bild: Picture-Alliance

Biotal in Frankreich : Unter Bibern und Wölfen lebt es sich gut

  • -Aktualisiert am

Ökorebellen, Aussteiger und Lebenskünstler haben aus einem Tal im Departement Drôme die führende Bio-Region Frankreichs gemacht.

          6 Min.

          Jojo ist ein Vielfraß. Alle paar Meter bleibt der Esel stehen, um beiderseits des Waldpfades an Büscheln und Gestrüpp zu knabbern. „Das nennt man entschleunigtes Wandern mit meditativen Pausen“, sagt Inès de Rancourt und zerrt an den Zügeln, um das behäbige Tier wieder auf Marschtempo zu bringen. Die Mitvierzigerin führt Besucher durch die dichtbewachsene Forêt de Saoû im Departement Drôme. Bei kleineren Touren bekommt Jojo das Picknick aufgesattelt, bei mehrtägigen Trecks Zelte und Schlafsäcke. Inès lotst die Wanderer durch den Wald, der sich bis hinauf zu den tausendfünfhundert Meter hohen, schnabelförmigen Bergspitzen Trois Becs zieht. „Es ist die schönste Synklinale Europas“, sagt Inès stolz und vergleicht die geologische Kuriosität mit einem gewaltigen, von Felsen eingeschlossenen Bootsrumpf, dreizehn Kilometer lang, drei Kilometer breit. Im Schutz von mächtigen Buchen, Eichen und Kastanienbäumen hielten während der Religionskriege die Hugenotten hier verbotene Messen ab, bereiteten im Zweiten Weltkrieg die Maquisards ihre Sabotageaktionen vor und versteckten sich Juden mit Hilfe der Bevölkerung vor den Nazi-Schergen. Diese historischen Wurzeln machen aus der Drôme eine Region von Protest und Widerstand, aber auch von Solidarität und Toleranz.

          Doch fast wäre der Wald zum touristischen Rummelplatz verkommen. In den achtziger Jahren wollten die Privateigner das Waldgebiet an Investoren verkaufen, die einen Ferienpark mit künstlichem See und Seilbahn bis hinauf zu den Zinnen der Trois Becs planten. Doch die Anwohner liefen Sturm und brachten das Departement dazu, den Wald aufzukaufen und dessen einzigartige Biodiversität zu schützen. Berittene Ranger wachen jetzt über Königsadler, Murmeltiere und Gemsen, aus Italien eingewanderte Wölfe, die hier mehr Respekt als in anderen französischen Gegenden genießen, durchstreifen das Revier. Und mit etwas Glück kann man das Sommergoldhähnchen dabei beobachten, eine der kleinsten Vogelarten Europas, wie es Orchideen und Gelben Enzian umschwirrt.

          Überzeugung und Starrsinn

          Der Kampf um die Forêt de Saoû ist charakteristisch für das Natur- und Umweltengagement der Drômois, wie die Bewohner der dünnbesiedelten Landschaft an der Nahtstelle von Voralpen und Provence heißen. Sie sind so streitbar wie der Gallier-Stamm von Asterix und Obelix, wenn es darum geht, ihre Ziele durchzusetzen. Das Epizentrum der grünen Drôme ist die Biovallée, zu deren Pionieren Inès de Rancourt und ihr Ehemann Daniel Gilles zählen; er war in seinem früheren Leben Mechaniker bei Peugeot. Neben dem Agrotourismus mit Eselwanderungen und Ferien auf dem Biobauernhof betreibt das Paar die Ziegenkäserei „La Chèvre qui saoûrit“ am Rande des Dorfes Saoû.

          Hier kauft man nur ungern im Supermarkt: Das Örtchen Saou.
          Hier kauft man nur ungern im Supermarkt: Das Örtchen Saou. : Bild: Picture-Alliance

          Heute erstreckt sich die Biovallée entlang beider Ufer des Flusses Drôme zwischen den Städten Die und Loriol. Hundert Gemeinden mit sechsundfünfzigtausend Einwohnern sind Mitglied in dem Pilotprojekt, das ein eigenes Qualitätslabel eingeführt hat. Überzeugung und Starrsinn der Ökorebellen haben dazu geführt, dass das Tal Frankreichs Vorzeigemodell und europaweite Referenz in Fragen der Biolandwirtschaft und Nachhaltigkeit geworden ist. Mittlerweile werden dort vierzig Prozent der Äcker und Felder biologisch bewirtschaftet, Aprikosen, Oliven, Knoblauch und Melonen im Einklang mit der Natur angebaut, und bis 2040 sollen erneuerbare Energien den Gesamtbedarf des Territoriums decken.

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