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Bikeschaukel Tirol : Die neue Unabhängigkeitsbewegung

Über alle Berge: Dies ist einer der Seilbahnen, die Mountainbiker benutzen können, wenn sie quer durch Tirol radeln. Sie machen die Angelegenheit deutlich weniger anstrengend Bild: Tirol Werbung/ Maria Ziegelboek

Mit Hilfe von achtzehn Liften können Mountainbiker nun quer durch die Tiroler Alpen fahren. Ganz bequem. Was schon im Winter erfolgreich funktioniert, ist jetzt im Sommer angekommen: 25.000 Höhenmeter bergauf, bergab.

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          Und als wir dann am späten Nachmittag an den Pistenbegrenzungen Richtung Brixental entlangbrettern, da haben wir seit heute Morgen schon viermal die Seilbahn genommen, haben viermal mit unserer Liftkarte die Drehkreuze passiert, haben uns viermal in den 6er- und 8er-Kabinen von den rasanten Abfahrten erholt und haben viermal gedacht: Eigentlich fühlt sich das alles an wie im Winter.

          Andreas Lesti

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Aber es ist nicht Winter, es ist Sommer, die Berge sind grün und nicht weiß, die Julisonne erhitzt den Tag mit jeder Stunde mehr, und statt Après-Ski-Partys sehen wir sehr entspannte Menschen, die in den Cafés der Orte rund um den Wilden Kaiser Espresso trinken. Und obwohl wir uns exakt so benehmen, bewegen wir uns nicht auf Ski, sondern auf Fahrrädern; auf einer der letzten Etappen einer Strecke, die sich, ebenfalls in Anlehnung an die Wintersaison, „Bikeschaukel Tirol“ nennt.

          Es ist ein einfaches und überzeugendes Konzept, das sich die Tiroler da einfallen ließen. Im Rückblick muss man sich fragen, warum nicht schon früher jemand auf diese Idee gekommen ist: Mit Hilfe von 18 Bergbahnen, von denen die Tiroler ein paar hundert haben, können Mountainbiker nun einmal quer durch die Berge fahren; 15 Etappen über insgesamt 660 Kilometer und durch 19 der 34 Tiroler Tourismusregionen, von Nauders im Westen bis an den Walchsee im Osten.

          Panzersperren und Bunker aus dem ersten Weltkrieg

          Und weil da eine ganze Menge Berge im Weg stehen, die der Ex-Radprofi Rolf Aldag einmal als „die natürlichen Feinde des Radfahrers“ bezeichnet hat, geht es insgesamt 25.000 Meter bergauf und bergab. Es ist also ein ziemlicher Segen, dass man bergauf fast die Hälfte davon mit Bergbahnen zurücklegt - was nicht darüber hinwegtäuschen soll, dass es eine sportliche Tour bleibt. Dass die Tiroler das ganze allerdings gleich als „Alpenüberquerung“ vermarkten, ist geographisch mindestens so falsch, wie es in der Haltung größenwahnsinnig ist. Eine echte Alpenüberquerung, die typischerweise von Deutschland nach Italien führt, müsste man dann schon als Weltreise verkaufen.

          Bikeschaukel Tirol

          Die erste Etappe, das muss man nun fairerweise dazusagen, hat uns zumindest für einige Kilometer nach Italien und in die Schweiz geführt. Von Nauders aus, bekannt als „Dreiländereck“, bikeschaukeln wir mit der Bergkastelbahn zunächst 800 Höhenmeter hinauf und rollen, ohne die geringste Anstrengung, auf fast 2.200 Metern Höhe über das Plateau Richtung Süden. Das Terrain an der Landesgrenze heißt Plamort, und noch immer gibt es hier italienische Panzersperren und Bunker aus dem Ersten Weltkrieg. „Das wirkt alles sehr historisch“, erzählt Harry Ploner, der uns heute begleitet, „aber in den sechziger Jahren wurden all diese alten Stationen wegen der Südtiroler Unabhängigkeitsbewegung wieder besetzt. Es war damals unmöglich, sich hier aufzuhalten.“ Ploner kennt hier jeden einzelnen Pfad und hat Nauders zur Fahrraddestination mit aufgebaut.

          Für Komfortradler, nicht für Österreicher gedacht

          Wir blicken nach Italien, auf den Reschensee und den vergletscherten Ortler in der Ferne, nehmen einen tiefen Zug von der kühlen Bergluft und radeln wieder nach Norden. Schon bei dieser ersten von vielen noch folgenden Abfahrten wird uns klar, dass sich diese Art Rad zu fahren auf wundersame Weise wie Skifahren anfühlt. Wir rauschen auf einem Forstweg durch den Wald hinunter, der Fahrtwind bläst uns ins Gesicht, die Scheibenbremsen surren wie der Belag auf der Piste, und die vollgefederten Räder wippen bei jeder Bodenwelle, als führen wir durch frischen Tiefschnee. Gut, das ist jetzt vielleicht ein bisschen übertrieben, und spätestens dann, wenn der Vordermann durch einen Kuhfladen fährt, ist man wieder in der Realität angekommen.

          Tatsächlich ist es ein Wesensmerkmal der Bikeschaukel, dieses so genannte Flow-Gefühl zu vermitteln. Flüssig und ohne große Anstrengung durch die Berge zu fahren, mal auf Forstwegen über Almen, mal durch den Bergwald, immer wieder auch auf asphaltierten Straßen, auf Wegen, die alle schon vor einigen Jahren für den „Tirol Bike Trail“ als Mountainbike-Strecken genehmigt und ausgewiesen wurden. Nur auf die Idee mit den Bergbahnen kam damals keiner. Vielleicht war aber auch die Zeit noch nicht reif dafür. „Vor einigen Jahren war es ja noch völlig verpönt, als Mountainbiker mit der Bergbahn zu fahren“, sagt Lukas Gerum, ein Ex-Mountainbike-Profi aus Oberammergau, der bei der Umsetzung der Bikeschaukel mitgewirkt hat. „Diese Tour ist speziell für Komfortradler entwickelt worden.“ Die seien tendenziell über vierzig, wollen sich nicht zu sehr quälen, keinen schweren Rucksack schleppen und in guten Hotels schlafen. Die Wegführung der Bikeschaukel verzichte daher bewusst auf Extreme. Ein US-amerikanischer Mountainbike-Profi, der viele Rennen in den Alpen gefahren ist, hat mir einmal kopfschüttelnd erklärt: „Die österreichische Auffassung einer Mountainbiketour ist: Sehr steil bergauf, keine Pausen und dann sehr steil wieder bergab.“ Insofern kann man durchaus von einer neuen Interpretation dieses Sports sprechen.

          Sonne, Regen, Halluzinationen

          Als wir ein paar Tage später im Stubaital sind, freuen wir uns über diese Interpretation. Wir sitzen in der Elferbahn, die uns von Fulpmes hinauf zum Panoramarestaurant bringt. Von den 2.000 Höhenmetern, die heute auf dem Plan stehen, müssen wir nur 500 selber hinaufkurbeln. Wir entscheiden uns daher, noch ins Pinnistal zur Karalm zu fahren, durch dieses spektakuläre, versteckte Tal, an dessen Ende sich ein stolzer und vom Sommerschnee gezuckerter Berg namens Habicht erhebt. Am Nachmittag nehmen wir eine zweite Bahn und rollen auf der anderen Seite der Bergkette mit der Gelassenheit der grasenden Kühe nach Steinach am Brenner. Florian Span, ein Einheimischer, der uns heute begleitet, beschrieb uns oben noch den weiteren Verlauf des Weges: „Aue, ume, nume, links, rechts, dann samma da.“ Abschließend resümiert er: „Des taugt mir Vollgas.“ Man kann ihm nicht widersprechen. Man hätte auch gar nicht so schöne Worte dafür.

          Im Stubaital: Per Bahn hinauf und dann gemütlich weiter

          Wie es sich anfühlt, bergauf zu fahren, könnte man zwischen all den Bergbahnen beinahe vergessen - wäre da nicht die zehnte Etappe der Tour. Vom Achensee aus geht es, ganz ohne Gondel, 600 steile Höhenmeter hinauf zum Kögljoch. „Das ist einer der schwersten Anstiege der gesamten Bikeschaukel“, ermutigt Lukas Gerum. Und man denkt sich: Es ist doch ein Skandal, dass die Tiroler hier keine Bergbahn gebaut haben! Als wir schwer atmend oben ankommen, regnet es in Strömen, und die Sonne scheint. Gleichzeitig! Oder ist das eine durch Erschöpfung hervorgerufene Halluzination? Dazu würde jedenfalls das Schild passen, das wir auf der Abfahrt zurück ins Inntal passieren: „Durchfahrt nur erlaubt in den ersten 30 Minuten jeder ungeraden Stunde.“

          Ein Panorama zum Kopfstehen

          Es gibt in den Alpen bereits einige Mountainbike-Tagestouren mit Bergbahnunterstützung. Die „Bahnentour“ in Davos-Klosters etwa oder die „Big-5-Tour“ in Leogang. Aber eine 15-Etappen-Tour wie die Bikeschaukel gab es bislang nicht. Kein Wunder, dass die Tiroler ihre Idee auch international vermarkten. Allerdings nicht unter dem Begriff Bikeschaukel. Denn obwohl die erste Hälfte dieses zusammengesetzten Substantives englisch ist, ließ es sich nicht ins Englische übersetzen. „Bike-swing“ macht keinen Sinn, weil im Englischen die namensgebende Skischaukel fehlt (davon spricht man, wenn Lifte Täler verbinden). „Tyrol Mountain Bike Safari“ heißt es nun, und damit es auch wirklich jeder versteht, lautet der Hinweis auf der Salvenbahn in Hopfgarten: „Für/For Bikes“.

          Es ist bereits die 13. Etappe der Tour - und einer ihrer Höhepunkte. Vier Bergbahnen werden wir heute nutzen und insgesamt über 3.000 Höhenmeter bergab fahren. Die Sonne strahlt, und ganz im Gegensatz zum Winter haben sogar die Liftmitarbeiter gute Laune. Die Hektik der kalten Tage ist weit weg, sie nehmen sich Zeit für ein Gespräch und helfen sogar beim Suchen, als sich eine Schraube vom Rad löst. Und doch muss man dem Winter dankbar sein, denn ohne ihn wäre das alles nicht möglich. Siebzig Prozent des Jahresumsatzes werden in Tirol im Winter gemacht, ohne dieses Geschäft gäbe es deutlich weniger und schlechtere Bahnen, Hotels und Restaurants und vermutlich kein Taxiunternehmen, das unser Gepäck transportiert.

          Wildschönau, Hopfgarten, Westendorf, Brixen im Thale. Immer wieder mit der Bahn bergauf und zum Teil über die Pisten-Grasstreifen bergab. Es geht verwirrend schnell heute, und das Panorama scheint sich um uns herum zu drehen. Ist der Hintertuxer Gletscher dort hinten? Der war doch eben noch vor uns. Und der Großglockner rechts? Der war doch eben noch links. Wilder Kaiser da, Kitzbüheler Horn dort? Müdigkeit spürten wir keine, nur war es uns manchmal unangenehm, dass wir nicht auf dem Kopf radeln konnten.

          Der Weg durch Tirol

          Anreise Nach Nauders, wo die Bikeschaukel beginnt, kommt man mit dem Auto über München, Innsbruck und Landeck (Vignettenpflicht). Man kann aber auch nur ein Teilstück der Tour machen und an jedem anderen Etappenort einsteigen.

          Die Bikeschaukel Tirol führt über 660 Kilometer und 15 Etappen quer durch Tirol. 12.000 der 25.000 Höhenmeter werden mit Hilfe von 18 Bergbahnen bewältigt. Für die gibt es (bis auf die Karwendelbahn) eine einzige Punktekarte (ein Punkt ist eine Bahnfahrt und kostet 9 Euro, alle 17 Punkte 153 Euro). Beschreibungen aller Etappen, kostenlose GPS-Tracks und Informationen zu Fahrradverleih (rund 30 Euro/Tag), Gepäcktransfer und Unterkünften unter www.tirol.at/bikeschaukel

          Pauschalen Vier Etappen und drei Übernachtungen mit Frühstück kosten inkl. Bahnticket und Gepäcktransfer ab 269 Euro. Verschiedene Angebote unter www.radurlaub.com

          Weitere Informationen im Netz unter www.tirol.at

          Diese Reise wurde unterstützt von der Tirolwerbung.

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