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Städtetrip : Besuchen Sie Potsdam, solange es noch steht!

Das Motto der DDR-Hymne, „Auferstanden aus Ruinen“, gilt noch immer: Wo jetzt die Moderne in Trümmern liegt, wird ein neues pseudobarockes Viertel entstehen. Bild: Andreas Pein

Der letzte Sommer der Ostmoderne ist angebrochen, jetzt werden die Trümmer weggeräumt: Brandenburgs Hauptstadt entsorgt ihre vernachlässigte Architekturgeschichte.

          6 Min.

          Unter den vielen und oft sehr seltsamen Sehenswürdigkeiten der Stadt Potsdam ist eine Anhöhe nördlich des Schlosses Sanssouci womöglich die bizarrste. Der Ort heißt Ruinenberg; denn scheinbar stehen hier nicht bloß die Säulen und Giebelreste eines griechischen Tempels, sondern auch ein von den Jahrtausenden schwer beschädigter Monopteros sowie die Wand eines antiken Theaters sehr heroisch herum. Und wenn man hinunterschaut ins Tal, dann erinnert der Blick, ganz von ferne, ans antike Messene: nur dass die Hügel, auf denen Messene liegt, ein bisschen höher sind; und unten glitzert hier kein Mittelmeer, und der Himmel über Brandenburg ist selbst im Sommer fahler als der hellblaue Himmel Griechenlands.

          Claudius Seidl
          Redakteur im Feuilleton.

          Natürlich hat hier nie ein griechischer Tempel gestanden. Zu der Zeit, da man weiter südlich so etwas baute, lebten in den teutonischen Urwäldern außer den Wildschweinen höchstens ein paar Germanen; und die haben nichts als Erdwälle hinterlassen, die man rund um Potsdam aber ehrfürchtig „Römerschanzen“ nennt. Nein, Friedrich, der sogenannte Große, hat das alles anlegen lassen, in Sichtweite seines Schlosses – womit er fast auf der Höhe seiner Zeit war: Zu nahezu jedem fürstlichen Park gehörten im Spätbarock und im Rokoko eine Grotte, eine Klause, eine künstliche Ruine, welche einerseits das malerische Gesamtbild perfektionieren und Architektur mit Natur verschmelzen, andererseits aber das vergnügungssüchtige höfische Publikum an die Vergänglichkeit seiner Pracht und Lust erinnern sollten. Nur sind das, in Bayreuth, in Veitshöchheim, in Nymphenburg, eher kleine, feine architektonische Verrücktheiten. Wogegen der Monumentalismus der Potsdamer Ruinen darauf weist, dass man sich hier, in der preußischen Residenz, am liebsten auf eine Vergangenheit berief, die man niemals hatte.

          Das Hotel Mercure: Seit Kai Diekmann, Neupotsdamer und Ex-Chef der „Bild“, bekannte, er habe dort sehr gut geschlafen, ist die Zukunft des Hauses sicher.
          Das Hotel Mercure: Seit Kai Diekmann, Neupotsdamer und Ex-Chef der „Bild“, bekannte, er habe dort sehr gut geschlafen, ist die Zukunft des Hauses sicher. : Bild: Andreas Pein

          Man sollte den Ruinenberg zur Einstimmung besteigen, bevor man, beim Bummel durch die Potsdamer Innenstadt, zwangsläufig auf die allerneuesten Ruinen stößt. Denn in Potsdam hat es keine dreißig Jahre gedauert, bis aus den Bauten aus der DDR-Zeit, weil man sie konsequent geringschätzte, verkommen und verwahrlosen ließ, Ruinen wurden. Und in diesem Sommer werden die Trümmer abgeräumt.

          Simulation des Südens

          Die prominentesten kann man noch ein paar Wochen lang an Potsdams prominentestem Platz besichtigen: Am Alten Markt, wo die Repliken des barocken Stadtschlosses und des sogenannten Palais Barberini (das seinerseits eine ärmliche Replik des prächtigen römischen Palazzo Barberini war) auf den kantigen, maßstabsprengenden Klassizismus der Nikolaikirche treffen, stand bis zum Frühjahr der moderne Bau der Fachhochschule, eine filigrane und elegante Anlage aus den siebziger Jahren, welche stark an ein Bankgebäude von Mies van der Rohe in der Stadt Des Moines in Iowa erinnert. Als ortsfremder Besucher, als neugieriger Reisender mit einem Sinn fürs Spiel der Kontraste in den schöneren europäischen Städten konnte man sich eigentlich keinen Touristen vorstellen, der die Spannung zwischen den Stilen nicht als reizvoll, ja geradezu als südlich empfunden hätte – was ja schon deshalb zu Potsdam passen könnte, weil die Stadt sich selber so gern vorspielt, sie liege im Süden; der Jungfernsee sei ihr Golf von Neapel und der Pfingstberg ihr Vomero.

          Ein Teil des Glasmosaiks „Der Mensch bezwingt den Kosmos“
          Ein Teil des Glasmosaiks „Der Mensch bezwingt den Kosmos“ : Bild: Andreas Pein

          Als aber, im Frühjahr des vergangenen Jahres, diese Zeitung auf die Qualitäten des Baus und das Erhaltenswerte dieser Architektur hinwies (F.A.S. vom 2. April 2017), stellte sich heraus, dass man sich in Potsdam den Liebhaber solcher Architektur nur als geistesgestört vorstellen kann, zumindest als gefährlichen Kommunistenfreund: Den Bau hässlich, ja abstoßend zu finden bedürfe keiner weiteren Begründung. Den Abriss dürfe man gern auch als Vergeltung dafür verstehen, dass die DDR das Haus hier ohne Rücksicht auf traditionelle Grundrisse und Straßenführungen einfach hingestellt habe (als ob das in der Bundesrepublik so viel anders gewesen wäre). Und die Architektur sei bloß der Ausdruck eines falschen und endlich überwundenen politischen Systems.

          Die Moderne fürs Volk

          Was in Potsdam schon deshalb ein seltsames Argument ist, weil, hoffentlich, die wenigsten, die Potsdams Schlösser bewundern, deshalb die Hohenzollern wiederhaben möchten mitsamt der Herrschaft der Junker und des Militärs. Und der Sozialismus hat ja lange den genau entgegengesetzten Vorbehalt gegen eben diesen Baustil gepflegt: dass er bloß ästhetischer Ausdruck des westlichen Kapitalismus sei. Einer populären Architektenlegende zufolge war es Oscar Niemeyer, der brasilianische Architekt und Salonkommunist, der, als er für die Internationale Bauausstellung von 1957 in West-Berlin ein Haus baute, abends gern zu den Genossen nach Ost-Berlin fuhr, um sie davon zu überzeugen, dass die Moderne nicht den Banken gehöre, sondern dem Volk. Was die Genossen sich zu Herzen nahmen.

          Das Restaurant Seerose in Potsdam
          Das Restaurant Seerose in Potsdam : Bild: Andreas Pein

          Man steht am Alten Markt in diesen Tagen also fassungslos vor einer Ruine, die auf eine Vergangenheit verweist, die zwar, im Gegensatz zur griechisch-römischen Antike, hier tatsächlich stattgefunden hat; die aber, zumindest nach dem Willen der Potsdamer Obrigkeit und jener Zugezogenen, deren Geschmack einen falschen Barock eher als eine echte Moderne dulden kann, bald unsichtbar werden soll. Und wenn man sich aber, gerade als Westdeutscher, für jene Vergangenheit interessiert, auf deren Überwindung die Potsdamer vielleicht zu Recht einigermaßen stolz sind: Dann muss man nur die Straße überqueren und fünf Minuten gehen, bis zu der Ecke, wo die Dortustraße auf die Breite Straße stößt; an den Ort, wo, in einer ebenfalls glücklicherweise überwundenen Vergangenheit, Hitler und Hindenburg einander die Hände reichten.

          Was von der Verwahrlosung übrig blieb

          Noch steht an der Ecke das Rechenzentrum, ein moderner Bau, den man schon sehr genau betrachten muss, um zu erkennen, dass heute nur noch das übrig ist, was Jahrzehnte der Verwahrlosung von einer einst ambitionierteren Fassade gelassen haben. Daneben wird jetzt der Turm der Garnisonkirche wieder aufgebaut – und wenn, sehr bald vermutlich, die ganze Kirche (in der eben Hindenburg und Hitler sich die Hand gaben; und deren Tradition insgesamt eine unselige ist) wiederersteht, wird das Rechenzentrum nicht stehenbleiben können.

          Untergegangen: die alte Schwimmhalle des Architekten Karl-Heinz Birkholz, gegenüber des Terrassenrestaurants Minsk.
          Untergegangen: die alte Schwimmhalle des Architekten Karl-Heinz Birkholz, gegenüber des Terrassenrestaurants Minsk. : Bild: Andreas Pein

          Was vor allem wegen der Glasmosaiken in der Erdgeschossfassade ein Jammer ist. „Der Mensch bezwingt den Kosmos“ heißt das Werk, Fritz Eisel hat es in den Siebzigern geschaffen; man sieht Sojus-Kapseln, Düsenjäger, Computer, glückliche Menschen, die kompetent die Apparate bedienen – und in der primärfarbenen Heiterkeit des Stils erkennt der Besucher aus dem Westen durchaus auch das kapitalistische Zukunftsversprechen wieder: dass Technik den Menschen emanzipieren werde von all seinen Bedingungen und Beschränkungen. Dass die DDR diese Versprechen nicht einhalten konnte, spricht gegen die DDR, nicht gegen diese Mosaiken.

          Wilhelminismus und Brutalismus

          Mag sein, dass viele Gesinnungspotsdamer sich ihre Stadt als ein einziges Prussialand träumen, als Villenviertel mit Säulchen, Türmchen, Erkern; und mit angeschlossenem barockem und klassizistischem Themenpark, welcher auf alle guten preußischen Traditionen verwiese und alle bösen verschwiege. Aber so ganz werden sie die DDR nicht aus dem Stadtbild herausbekommen – was daran liegt, dass Potsdam als Wohnort beliebt, der Platz aber knapp ist, weshalb man jene Wohnhochhäuser, die in ihrer Ambitionslosigkeit noch am ehesten die Vorurteile gegen moderne Architektur bestätigen können, wohl stehenlassen wird. Am deutlichsten sichtbar sind jene, die sich um die Neustädter Havelbucht gruppieren; und damit das Ensemble nicht allzu eintönig wirke, wurde in den Achtzigern dort das „Restaurant Seerose“ gebaut, ein sogenannter Hyperparaboloid-Schalenbau, dessen Grundriss tatsächlich an eine Seerose erinnert, mehr Ornament und Dekorationsmöbel als tatsächliche Architektur, ein Objekt, das aus der Ferne elegant aussieht und aus der Nähe spießig; es wird stehenbleiben, man kann hier einen Kaffee trinken und sich dabei überlegen, ob man sich noch den Weg zum Brauhausberg antun will.

          Was die Verwahrlosung aus dem „Café Minsk“ gemacht hat.
          Was die Verwahrlosung aus dem „Café Minsk“ gemacht hat. : Bild: Andreas Pein

          Dort, oberhalb des Havelufers, steht, wegen des massiven Turmes weithin sichtbar, ein grimmiger Bau des Wilhelminismus, als Kriegsschule errichtet, dann, weil dort die SED-Bezirksleitung residierte, vom sogenannten Volksmund „Kreml“ genannt; dieser Bau wird stehenbleiben. Darunter aber, schon durch Bauzäune abgesichert, kann man gerade noch betrachten, wie durch Vernachlässigung und Verwahrlosung neue Ruinen erstanden. Hier stehen das „Café Minsk“, ein kantig-elegantes Terrassengebäude, dessen Gastronomie einst der deutsch-weißrussischen Freundschaft gewidmet war und dessen Architektur den Anschluss suchte an jenen westlichen Stil, der jetzt als Brutalismus allseits gefeiert wird. Und direkt daneben die Schwimmhalle, das noch kühnere Gebäude, ein Stahlbetonhaus mit einem konkaven Hängedach von vierzig Metern Spannweite. In diesem Sommer wird die Halle entkernt, danach fällt auch die Fassade. Dem „Café Minsk“ hat das Potsdamer Stadtparlament noch eine Frist bis zum Herbst verschafft – und das, obwohl ein Investor für das Gelände eine sehr hohe Summe bietet, aber nur, wenn er das „Minsk“ abreißen darf. Ein Angebot, welches der Potsdamer Oberbürgermeister Jann Jakobs von der SPD sehr gerne annehmen würde. Jakobs hat, anders ist sein Handeln in den vergangenen Jahren nicht zu verstehen, weder ein ästhetisches noch ein geschichtsdidaktisches Verständnis dafür, dass es Gründe geben könnte, die Ostmoderne zu pflegen und zu erhalten.

          Die Villa Louis Hagen ist angeblich nicht mehr zu retten.
          Die Villa Louis Hagen ist angeblich nicht mehr zu retten. : Bild: Andreas Pein

          Das schönste und zugleich traurigste Beispiel vom Verfall der Moderne ist allerdings älter – und Sozialismus und Kapitalismus haben gemeinsam ihr Zerstörungswerk vollbracht: An der Bertinistraße nördlich des Neuen Gartens, dort, wo sonst nur halbelegante Villen von der vorvergangenen Jahrhundertwende stehen, ließ sich der Bankier Louis Hagen ums Jahr 1927 herum ein älteres Haus zu einer Villa im Bauhausstil umbauen. Es war das einzige Haus, das direkt am Ufer stand, es hatte eine Tiefgarage für die Autos, eine Bootsgarage für die Yacht; es war offen zum Jungfernsee hin, mit Balkons und Terrassen, einem gläsernen Aussichtsturm, einem Wintergarten; und zur Straße hin extrem schlicht, mit abgerundeten Kanten. Ende der Zwanziger war die Villa Louis Hagen vermutlich das modernste und luxuriöseste Gebäude in ganz Potsdam. Dann kamen die Nazis, und Hagen, der Jude, musste fliehen. Dann kam der Sozialismus, der mit dem Luxus nichts anzufangen wusste und in dem Haus ein Computerzentrum installierte. Dann kam die Einheit, und der Architekt, der das Haus renovieren wollte, scheiterte an der Bürokratie. Im Jahr 2009 wurde die Abrissgenehmigung erteilt; das Haus steht noch und verfällt immer weiter, todgeweiht – ein Mahnmal dafür, was in Prussialand die Moderne gilt: nichts.

          Besuchen Sie also das moderne Potsdam noch in diesem Sommer – viel länger wird es nicht mehr stehen.

          Bild: F.A.Z.

          Der Weg nach Potsdam

          Unterkunft „Hotel Mercure“: Das Vier-Sterne-Haus im Zentrum Potsdams ist auch ein Werk der Ostmoderne. Bürgerproteste haben aber den Abriss verhindert – und seit Kai Diekmann, Neupotsdamer und Ex-Chef der „Bild“, bekannte, er habe dort sehr gut geschlafen, ist die Zukunft des Hauses sicher. DZ ab 80 Euro/Nacht, www.mercure-potsdam.com Neu und noch nicht ganz eingewachsen ist das „Landgut Nedlitz“, gelegen am Sacrow-Paretzer Kanal, die herrliche Bornimer Feldflur vor der Tür. DZ ab 150 Euro/Nacht, www.landgutnedlitz.de Wasserturm am Park Sanssouci: Wohnen im Wasserturm zwischen Stahl und Ziegel, 260 Euro/Nacht, www.urlaubsarchitektur.de

          Literatur Christian Klusemann: „Das andere Potsdam“, Vergangenheitsverlag, 16,99 Euro. Ein Führer durch die DDR-Architektur von Potsdam – ein Buch eher für Spezialisten.

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