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Städtetrip : Besuchen Sie Potsdam, solange es noch steht!

Das Motto der DDR-Hymne, „Auferstanden aus Ruinen“, gilt noch immer: Wo jetzt die Moderne in Trümmern liegt, wird ein neues pseudobarockes Viertel entstehen. Bild: Andreas Pein

Der letzte Sommer der Ostmoderne ist angebrochen, jetzt werden die Trümmer weggeräumt: Brandenburgs Hauptstadt entsorgt ihre vernachlässigte Architekturgeschichte.

          Unter den vielen und oft sehr seltsamen Sehenswürdigkeiten der Stadt Potsdam ist eine Anhöhe nördlich des Schlosses Sanssouci womöglich die bizarrste. Der Ort heißt Ruinenberg; denn scheinbar stehen hier nicht bloß die Säulen und Giebelreste eines griechischen Tempels, sondern auch ein von den Jahrtausenden schwer beschädigter Monopteros sowie die Wand eines antiken Theaters sehr heroisch herum. Und wenn man hinunterschaut ins Tal, dann erinnert der Blick, ganz von ferne, ans antike Messene: nur dass die Hügel, auf denen Messene liegt, ein bisschen höher sind; und unten glitzert hier kein Mittelmeer, und der Himmel über Brandenburg ist selbst im Sommer fahler als der hellblaue Himmel Griechenlands.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Natürlich hat hier nie ein griechischer Tempel gestanden. Zu der Zeit, da man weiter südlich so etwas baute, lebten in den teutonischen Urwäldern außer den Wildschweinen höchstens ein paar Germanen; und die haben nichts als Erdwälle hinterlassen, die man rund um Potsdam aber ehrfürchtig „Römerschanzen“ nennt. Nein, Friedrich, der sogenannte Große, hat das alles anlegen lassen, in Sichtweite seines Schlosses – womit er fast auf der Höhe seiner Zeit war: Zu nahezu jedem fürstlichen Park gehörten im Spätbarock und im Rokoko eine Grotte, eine Klause, eine künstliche Ruine, welche einerseits das malerische Gesamtbild perfektionieren und Architektur mit Natur verschmelzen, andererseits aber das vergnügungssüchtige höfische Publikum an die Vergänglichkeit seiner Pracht und Lust erinnern sollten. Nur sind das, in Bayreuth, in Veitshöchheim, in Nymphenburg, eher kleine, feine architektonische Verrücktheiten. Wogegen der Monumentalismus der Potsdamer Ruinen darauf weist, dass man sich hier, in der preußischen Residenz, am liebsten auf eine Vergangenheit berief, die man niemals hatte.

          Das Hotel Mercure: Seit Kai Diekmann, Neupotsdamer und Ex-Chef der „Bild“, bekannte, er habe dort sehr gut geschlafen, ist die Zukunft des Hauses sicher.

          Man sollte den Ruinenberg zur Einstimmung besteigen, bevor man, beim Bummel durch die Potsdamer Innenstadt, zwangsläufig auf die allerneuesten Ruinen stößt. Denn in Potsdam hat es keine dreißig Jahre gedauert, bis aus den Bauten aus der DDR-Zeit, weil man sie konsequent geringschätzte, verkommen und verwahrlosen ließ, Ruinen wurden. Und in diesem Sommer werden die Trümmer abgeräumt.

          Simulation des Südens

          Die prominentesten kann man noch ein paar Wochen lang an Potsdams prominentestem Platz besichtigen: Am Alten Markt, wo die Repliken des barocken Stadtschlosses und des sogenannten Palais Barberini (das seinerseits eine ärmliche Replik des prächtigen römischen Palazzo Barberini war) auf den kantigen, maßstabsprengenden Klassizismus der Nikolaikirche treffen, stand bis zum Frühjahr der moderne Bau der Fachhochschule, eine filigrane und elegante Anlage aus den siebziger Jahren, welche stark an ein Bankgebäude von Mies van der Rohe in der Stadt Des Moines in Iowa erinnert. Als ortsfremder Besucher, als neugieriger Reisender mit einem Sinn fürs Spiel der Kontraste in den schöneren europäischen Städten konnte man sich eigentlich keinen Touristen vorstellen, der die Spannung zwischen den Stilen nicht als reizvoll, ja geradezu als südlich empfunden hätte – was ja schon deshalb zu Potsdam passen könnte, weil die Stadt sich selber so gern vorspielt, sie liege im Süden; der Jungfernsee sei ihr Golf von Neapel und der Pfingstberg ihr Vomero.

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