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Städtetrip : Besuchen Sie Potsdam, solange es noch steht!

Wilhelminismus und Brutalismus

Mag sein, dass viele Gesinnungspotsdamer sich ihre Stadt als ein einziges Prussialand träumen, als Villenviertel mit Säulchen, Türmchen, Erkern; und mit angeschlossenem barockem und klassizistischem Themenpark, welcher auf alle guten preußischen Traditionen verwiese und alle bösen verschwiege. Aber so ganz werden sie die DDR nicht aus dem Stadtbild herausbekommen – was daran liegt, dass Potsdam als Wohnort beliebt, der Platz aber knapp ist, weshalb man jene Wohnhochhäuser, die in ihrer Ambitionslosigkeit noch am ehesten die Vorurteile gegen moderne Architektur bestätigen können, wohl stehenlassen wird. Am deutlichsten sichtbar sind jene, die sich um die Neustädter Havelbucht gruppieren; und damit das Ensemble nicht allzu eintönig wirke, wurde in den Achtzigern dort das „Restaurant Seerose“ gebaut, ein sogenannter Hyperparaboloid-Schalenbau, dessen Grundriss tatsächlich an eine Seerose erinnert, mehr Ornament und Dekorationsmöbel als tatsächliche Architektur, ein Objekt, das aus der Ferne elegant aussieht und aus der Nähe spießig; es wird stehenbleiben, man kann hier einen Kaffee trinken und sich dabei überlegen, ob man sich noch den Weg zum Brauhausberg antun will.

Was die Verwahrlosung aus dem „Café Minsk“ gemacht hat.
Was die Verwahrlosung aus dem „Café Minsk“ gemacht hat. : Bild: Andreas Pein

Dort, oberhalb des Havelufers, steht, wegen des massiven Turmes weithin sichtbar, ein grimmiger Bau des Wilhelminismus, als Kriegsschule errichtet, dann, weil dort die SED-Bezirksleitung residierte, vom sogenannten Volksmund „Kreml“ genannt; dieser Bau wird stehenbleiben. Darunter aber, schon durch Bauzäune abgesichert, kann man gerade noch betrachten, wie durch Vernachlässigung und Verwahrlosung neue Ruinen erstanden. Hier stehen das „Café Minsk“, ein kantig-elegantes Terrassengebäude, dessen Gastronomie einst der deutsch-weißrussischen Freundschaft gewidmet war und dessen Architektur den Anschluss suchte an jenen westlichen Stil, der jetzt als Brutalismus allseits gefeiert wird. Und direkt daneben die Schwimmhalle, das noch kühnere Gebäude, ein Stahlbetonhaus mit einem konkaven Hängedach von vierzig Metern Spannweite. In diesem Sommer wird die Halle entkernt, danach fällt auch die Fassade. Dem „Café Minsk“ hat das Potsdamer Stadtparlament noch eine Frist bis zum Herbst verschafft – und das, obwohl ein Investor für das Gelände eine sehr hohe Summe bietet, aber nur, wenn er das „Minsk“ abreißen darf. Ein Angebot, welches der Potsdamer Oberbürgermeister Jann Jakobs von der SPD sehr gerne annehmen würde. Jakobs hat, anders ist sein Handeln in den vergangenen Jahren nicht zu verstehen, weder ein ästhetisches noch ein geschichtsdidaktisches Verständnis dafür, dass es Gründe geben könnte, die Ostmoderne zu pflegen und zu erhalten.

Die Villa Louis Hagen ist angeblich nicht mehr zu retten.
Die Villa Louis Hagen ist angeblich nicht mehr zu retten. : Bild: Andreas Pein

Das schönste und zugleich traurigste Beispiel vom Verfall der Moderne ist allerdings älter – und Sozialismus und Kapitalismus haben gemeinsam ihr Zerstörungswerk vollbracht: An der Bertinistraße nördlich des Neuen Gartens, dort, wo sonst nur halbelegante Villen von der vorvergangenen Jahrhundertwende stehen, ließ sich der Bankier Louis Hagen ums Jahr 1927 herum ein älteres Haus zu einer Villa im Bauhausstil umbauen. Es war das einzige Haus, das direkt am Ufer stand, es hatte eine Tiefgarage für die Autos, eine Bootsgarage für die Yacht; es war offen zum Jungfernsee hin, mit Balkons und Terrassen, einem gläsernen Aussichtsturm, einem Wintergarten; und zur Straße hin extrem schlicht, mit abgerundeten Kanten. Ende der Zwanziger war die Villa Louis Hagen vermutlich das modernste und luxuriöseste Gebäude in ganz Potsdam. Dann kamen die Nazis, und Hagen, der Jude, musste fliehen. Dann kam der Sozialismus, der mit dem Luxus nichts anzufangen wusste und in dem Haus ein Computerzentrum installierte. Dann kam die Einheit, und der Architekt, der das Haus renovieren wollte, scheiterte an der Bürokratie. Im Jahr 2009 wurde die Abrissgenehmigung erteilt; das Haus steht noch und verfällt immer weiter, todgeweiht – ein Mahnmal dafür, was in Prussialand die Moderne gilt: nichts.

Besuchen Sie also das moderne Potsdam noch in diesem Sommer – viel länger wird es nicht mehr stehen.

Bild: F.A.Z.

Der Weg nach Potsdam

Unterkunft „Hotel Mercure“: Das Vier-Sterne-Haus im Zentrum Potsdams ist auch ein Werk der Ostmoderne. Bürgerproteste haben aber den Abriss verhindert – und seit Kai Diekmann, Neupotsdamer und Ex-Chef der „Bild“, bekannte, er habe dort sehr gut geschlafen, ist die Zukunft des Hauses sicher. DZ ab 80 Euro/Nacht, www.mercure-potsdam.com Neu und noch nicht ganz eingewachsen ist das „Landgut Nedlitz“, gelegen am Sacrow-Paretzer Kanal, die herrliche Bornimer Feldflur vor der Tür. DZ ab 150 Euro/Nacht, www.landgutnedlitz.de Wasserturm am Park Sanssouci: Wohnen im Wasserturm zwischen Stahl und Ziegel, 260 Euro/Nacht, www.urlaubsarchitektur.de

Literatur Christian Klusemann: „Das andere Potsdam“, Vergangenheitsverlag, 16,99 Euro. Ein Führer durch die DDR-Architektur von Potsdam – ein Buch eher für Spezialisten.

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