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Städtetrip : Besuchen Sie Potsdam, solange es noch steht!

Ein Teil des Glasmosaiks „Der Mensch bezwingt den Kosmos“
Ein Teil des Glasmosaiks „Der Mensch bezwingt den Kosmos“ : Bild: Andreas Pein

Als aber, im Frühjahr des vergangenen Jahres, diese Zeitung auf die Qualitäten des Baus und das Erhaltenswerte dieser Architektur hinwies (F.A.S. vom 2. April 2017), stellte sich heraus, dass man sich in Potsdam den Liebhaber solcher Architektur nur als geistesgestört vorstellen kann, zumindest als gefährlichen Kommunistenfreund: Den Bau hässlich, ja abstoßend zu finden bedürfe keiner weiteren Begründung. Den Abriss dürfe man gern auch als Vergeltung dafür verstehen, dass die DDR das Haus hier ohne Rücksicht auf traditionelle Grundrisse und Straßenführungen einfach hingestellt habe (als ob das in der Bundesrepublik so viel anders gewesen wäre). Und die Architektur sei bloß der Ausdruck eines falschen und endlich überwundenen politischen Systems.

Die Moderne fürs Volk

Was in Potsdam schon deshalb ein seltsames Argument ist, weil, hoffentlich, die wenigsten, die Potsdams Schlösser bewundern, deshalb die Hohenzollern wiederhaben möchten mitsamt der Herrschaft der Junker und des Militärs. Und der Sozialismus hat ja lange den genau entgegengesetzten Vorbehalt gegen eben diesen Baustil gepflegt: dass er bloß ästhetischer Ausdruck des westlichen Kapitalismus sei. Einer populären Architektenlegende zufolge war es Oscar Niemeyer, der brasilianische Architekt und Salonkommunist, der, als er für die Internationale Bauausstellung von 1957 in West-Berlin ein Haus baute, abends gern zu den Genossen nach Ost-Berlin fuhr, um sie davon zu überzeugen, dass die Moderne nicht den Banken gehöre, sondern dem Volk. Was die Genossen sich zu Herzen nahmen.

Das Restaurant Seerose in Potsdam
Das Restaurant Seerose in Potsdam : Bild: Andreas Pein

Man steht am Alten Markt in diesen Tagen also fassungslos vor einer Ruine, die auf eine Vergangenheit verweist, die zwar, im Gegensatz zur griechisch-römischen Antike, hier tatsächlich stattgefunden hat; die aber, zumindest nach dem Willen der Potsdamer Obrigkeit und jener Zugezogenen, deren Geschmack einen falschen Barock eher als eine echte Moderne dulden kann, bald unsichtbar werden soll. Und wenn man sich aber, gerade als Westdeutscher, für jene Vergangenheit interessiert, auf deren Überwindung die Potsdamer vielleicht zu Recht einigermaßen stolz sind: Dann muss man nur die Straße überqueren und fünf Minuten gehen, bis zu der Ecke, wo die Dortustraße auf die Breite Straße stößt; an den Ort, wo, in einer ebenfalls glücklicherweise überwundenen Vergangenheit, Hitler und Hindenburg einander die Hände reichten.

Was von der Verwahrlosung übrig blieb

Noch steht an der Ecke das Rechenzentrum, ein moderner Bau, den man schon sehr genau betrachten muss, um zu erkennen, dass heute nur noch das übrig ist, was Jahrzehnte der Verwahrlosung von einer einst ambitionierteren Fassade gelassen haben. Daneben wird jetzt der Turm der Garnisonkirche wieder aufgebaut – und wenn, sehr bald vermutlich, die ganze Kirche (in der eben Hindenburg und Hitler sich die Hand gaben; und deren Tradition insgesamt eine unselige ist) wiederersteht, wird das Rechenzentrum nicht stehenbleiben können.

Untergegangen: die alte Schwimmhalle des Architekten Karl-Heinz Birkholz, gegenüber des Terrassenrestaurants Minsk.
Untergegangen: die alte Schwimmhalle des Architekten Karl-Heinz Birkholz, gegenüber des Terrassenrestaurants Minsk. : Bild: Andreas Pein

Was vor allem wegen der Glasmosaiken in der Erdgeschossfassade ein Jammer ist. „Der Mensch bezwingt den Kosmos“ heißt das Werk, Fritz Eisel hat es in den Siebzigern geschaffen; man sieht Sojus-Kapseln, Düsenjäger, Computer, glückliche Menschen, die kompetent die Apparate bedienen – und in der primärfarbenen Heiterkeit des Stils erkennt der Besucher aus dem Westen durchaus auch das kapitalistische Zukunftsversprechen wieder: dass Technik den Menschen emanzipieren werde von all seinen Bedingungen und Beschränkungen. Dass die DDR diese Versprechen nicht einhalten konnte, spricht gegen die DDR, nicht gegen diese Mosaiken.

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