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Frankreich : In der Wiese liegt das Glück

  • -Aktualisiert am

Den Eiffelturm kennt jedes Kind - wer die Franzosen sind, weiß noch immer niemand wirklich. Bild: AP

Umso gewagter geht es in den Großstädten zu. Besuche am Vortag der Fußballeuropameisterschaft bei unseren französischen Nachbarn, die sich ebenso für Schnecken wie für Hochgeschwindigkeitszüge begeistern können.

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          Von einem Fremden, der zugleich Nachbar ist, soll die Rede sein. Wir sprechen seine Sprache nicht, bemühen uns jedoch redlich, wenn auch in immer geringerer Zahl, sie zu erlernen. Wir singen gern seine Lieder, pardon: chansons, oder wippen die Nacht zum neuesten house pop à la Daft Punk durch. Wir kannten uns schon einmal besser oder glaubten es wenigstens. Der Nachbar spricht unsere Sprache nicht, bemüht sich auch nicht wirklich, sie zu erlernen, und singt auch unsere Lieder nicht. Bitte, als ob es in der Liebe Gerechtigkeit gäbe! Denn wir lieben ihn. Ja, doch. Und er uns auch, obwohl er es nicht immer weiß.

          Seine Radikalität verwirrt uns bisweilen. „Denen da oben“ zeigt er es gern, etwa indem er Airline-Managern das Hemd vom Körper reißt oder Unternehmer im eigenen Chefbüro in Geiselhaft nimmt. Während wir uns brav in Konsens üben. Im nächsten Augenblick aber berückt uns seine vorbildliche Wohlerzogenheit, die sich schon im zartesten Kindesalter durch artiges Betragen im Restaurant zeigt. Ganz zu schweigen von den höflichen Worten, von der galanten Improvisation und der im richtigen Augenblick gekonnt gesetzten Geste, mit der er uns das Gefühl gibt, dass die Welt woanders tatsächlich noch in Ordnung ist. Wobei woanders daheim in seinem Land bedeutet.

          Ein Strom trennt uns. Der Rhein, le Rhin. Den zu überschreiten wir uns alljährlich zu Millionen aufmachen, um im Land am gegenüberliegenden Ufer die hoffentlich, hoffentlich schönsten Tage des Jahres zu verbringen. In umgekehrter Richtung versiegt der Reisestrom kläglich, trotz Berlin-Verheißung und kleinen Grenzverkehrs zum Einkaufen und Gasthausbesuch im Badischen oder in der Pfalz. Viel lieber, als in die Fremde zu reisen, bleibt unser Nachbar zu Hause. Was man wegen der verblüffenden klimatischen, kulturellen, landschaftlichen Vielfalt und des kulinarischen Reichtums seines Heimatlands durchaus nachvollziehen kann. Belegt das Land nicht zuverlässig jedes Jahr aufs Neue den ersten Platz weltweit unter den Reisezielen? Und dann erst die Hauptstadt, die eine Metropole des Luxus und der Moden ist, und überhaupt: die schönste der Welt, ach was, aller Zeiten und des ganzen Universums noch dazu!

          Die französische Art des Lebens: Leicht und mit Genuss

          Und erst die Sprache! Ein Mahlstrom von Vokalen und Nasallauten räumt alles eckig Konsonantische aus dem Weg. Bei Bedarf perlt die Rede wie Champagner. Blumiges ist Standard. Poesie gewollt. Die eigene Fußball-Nationalmannschaft wird zärtlich „les Bleus“ genannt, während „La Mannschaft“ in seinen Ohren wie eine Panzeroffensive klingt. Wurde der Name des Fremden schon genannt? Franzose heißt er.

          Meine erste Reise nach Frankreich führte schnurstracks vom Bahnhof in eine Wiese. Allerdings erst nach einer Nacht auf einer Bahnhofsbank in Besançon. Meine Gastgeber hatten sich im Tag vertan. Ça arrive. Kommt vor. Unser Rendezvous fand folglich mit vierundzwanzig Stunden Verspätung statt. Was die in beeindruckend großer Formation zum Empfang angetretene Familie meiner mir bis dahin nur aus Briefen bekannten correspondante Christine nicht daran hinderte, den übermüdeten jungen Deutschen statt ins Bett in die Wiese zu schicken.

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