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Frankreich : In der Wiese liegt das Glück

  • -Aktualisiert am

Der wahre Romantiker ist Franzose

Gewagt soll das Neue ebenfalls sein, was nicht zuletzt der Technikverliebtheit der Franzosen geschuldet ist, die im Übrigen wirkt wie Balsam auf die notorisch zweifelnde deutsche Seele. Frankreich, la nation des ingénieurs, hat Genies vom Format eines Gustave Eiffel hervorgebracht. Dessen Firma besteht bis heute und verwirklicht technische Wunderwerke wie den Viadukt von Millau, der nicht nur die weltweit höchste, sondern auch eine hochelegante Autobahnbrücke ist. Calatravas Hochgeschwindigkeitsbahnhof am Flughafen von Lyon hebt wie ein stählerner Phönix ab. Für die Renaturierung der Bucht des Mont St-Michel hat ein Team von Designern und Landschaftsarchitekten Hand in Hand gearbeitet. Eine auf Stelzen über Watt und Sandbänke tänzelnde hypermoderne Brücke verbindet Kontinent und Klosterberg. Ihre Holzbeplankung wirkt wie das Schiffsdeck eines Ozeandampfers. Oder erst der Pont de Normandie: Zweihunderttausend Tonnen Beton, zwanzigtausend Tonnen Stahl, die, an Stahlseilen hängend, die Seine-Mündung zwischen Le Havre und Honfleur überbrücken. Harpe de l’estuaire, „Harfe der Mündung“, heißt die Schrägseilbrücke in Anspielung auf die nach unten wie die Saiten einer Harfe gespreizten Stahlseile im Volksmund. Als ob man es nicht längst geahnt hätte: Der wahre Romantiker ist Franzose. Wir sind in Wirklichkeit Realisten - auch wenn man das in Frankreich fast umgekehrt sieht.

Zur Seine-Mündung fällt mir noch etwas ein: eine Reise durch die Normandie im vorigen Sommer. Sie endete auf einer Restaurantterrasse in Etretat mit Blick auf den gegen die Kreidefelsen der Côte d’Albâtre Amok laufenden Ärmelkanal. Wir bestellten ein Plateau de fruits de mer, das in einem auf einem kleinen Eismeer thronenden, bunten Plastikschiff serviert wurde - und tranken dazu ein Glas Chablis. Eines.

Drei Stunden später gerieten wir an einer Autobahnmautstelle bei Paris in eine Verkehrskontrolle. Ob ich Alkohol getrunken hätte, wollte der streng dreinblickende Polizist wissen. „Oui“, antwortete ich ehrlich und schob die Frage nach, ob es vorstellbar sei, Meeresfrüchte zu essen, ohne dazu ein Glas Chablis zu trinken. „Mais non, Monsieur“, antwortete der Beamte ohne eine Sekunde des Zögerns und wünschte „Bonne route!“.

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