https://www.faz.net/-gxh-8hy59

Frankreich : In der Wiese liegt das Glück

  • -Aktualisiert am

Bis diese bessere Welt gekommen ist, wurschtelt man sich durch. Was ohnehin als eine der französischen Kardinaltugenden gelten darf. Eine weitere: Man mäkelt und motzt. Den ewigen Râleur, den der Franzose mit Vergnügen gibt, ernst zu nehmen wäre freilich ein Tort. Denn als beste aller möglichen Welten betrachtet die Mehrzahl der Franzosen ihre Heimat auch weiterhin. Der Blick zurück in die glorreiche Geschichte dient zur Vergewisserung. Es ist nicht selten die Geschichte von David gegen Goliath. Helden, die den noch so aussichtslosen Kampf nicht scheuen, dienen als Identifikationsfiguren. Asterix gegen die Römer, Jeanne d’Arc gegen die Engländer, Bauernführer José Bové gegen amerikanische Genmaisgiganten, um nur die Wichtigsten zu nennen.

Le Moderne ist so lange genehm, wie es schön ist

La gloire zählt viel. Für einen ruhmreichen Platz in der Geschichte, in der Gesellschaft, im Guide Michelin wird sich gerne mal angestrengt. Daher der heilige Ernst beim Wetteifern um Restaurantsterne, um die Aufnahme in den Kreis „der schönsten Dörfer Frankreichs“, um die Aufnahme in die Reihen „der Unsterblichen“ - in die Académie française. Daher die in allen großen Tageszeitungen in staatstragendem Ton publizierten Ernennungen zum Ritter oder gar Kommandeur der Ehrenlegion. Daher die vielen Verdienstmedaillen verschiedenster Couleur, bis hin zur Medaille des Concours Général Agricole, mit der auf der Pariser Landwirtschaftsmesse vom edelsten Rind des Limousin bis zur schmackhaftesten Belon-Auster aus dem Golf von Morbihan die besten Produkte Frankreichs ausgezeichnet werden. Zum Ruhme des Landes und zur Freude des prämierten Betriebs, der mit den stilisierten Medaillen Flaschenbäuche, Käselaiber oder Melonenkisten beklebt. Muss noch erwähnt werden, dass jeder Medaillenträger, der auf sich hält, also alle, sich zu jeder sich bietenden Gelegenheit das verliehene Stück Metall an Revers und Ausschnitt heftet?

„Die Kunst, zu sich selbst aufzublicken“ hat der britische Historiker Theodore Zeldin sein brillantes Buch über französische Innenansichten genannt. Den Sockel für das selbsterrichtete Podest bildet le patrimoine. Das kulturelle Erbe erlaubt es, höher von sich zu denken. Der Umgang mit Châteaux, Musées und Monuments bleibt ungezwungen. Mut zu Patina, die Größe, die Schönheit des Verfalls währen zu lassen, der Blick für die Eleganz des Unperfekten, dazu eine Prise urfranzösischen Lottercharmes bewahren in Jahrhunderten gewachsene Stadtbilder vor der Musealisierung. In Würde altern, auch das ist eine französische Tugend, und sie betrifft nicht nur Gebäude, sondern viel mehr noch den Menschen. Catherine Deneuve bleibt mit zweiundsiebzig Jahren une belle femme. Modisches Bewusstsein endet nicht mit Eintritt des Rentenalters. Und Rollatoren sind in Frankreich selten zu sehen. Was auch am in der Regel nicht herausgerissenen alten Pflaster in französischen Städten liegen könnte.

Das Neue aber darf sein. Mit einer Einschränkung: Le Moderne ist so lange genehm, wie es schön ist. Was nicht nur in Paris gilt, wo in verlässlichen Schüben spektakuläre Bauten wie das Centre Pompidou, das Musée du Quai Branly oder die Fondation Louis Vuitton die Hauptstadt mit großem architektonischen Wurf in die stets nächste Zukunft katapulieren, sondern auch in der Provinz. In Nîmes bietet Sir Norman Fosters Carré d’Art dem benachbarten römischen Tempel im Stil der augusteischen Klassik Paroli. In Colmar katapultiert der von Herzog und de Meuron entworfene Neubauflügel das bisher nur in einem mittelalterlichen Kloster untergebrachte Musée Unterlinden ins einundzwanzigste Jahrhundert.

Weitere Themen

Topmeldungen

Wegen seines Umgangs mit dem Missbrauchsskandal in der Kritik: Rainer Maria Kardinal Woelki

Erzbistum Köln : Gibt es noch eine Zukunft mit Woelki?

In Köln ist das Vertrauensverhältnis zwischen Erzbistum und Erzbischof zerrüttet. Ein externer Moderator muss einspringen. Nicht wenige hoffen, dass ein Spruch aus Rom die Angelegenheit schon vorher erledigt.
Im Wahlkampf: Der Kanzlerkandidat der Union und CDU-Vorsitzende Armin Laschet

Wahlprogramm der Union : Adenauer reicht nicht mehr

Vielleicht wäre es Armin Laschet am liebsten gewesen, einfach Wahlkampfplakate mit den Worten „Keine Experimente!“ zu bedrucken – und abzuwarten, wie sich die Konkurrenz um Kopf und Kragen redet. Tatsächlich muss er mehr tun.

Politik im Stadion : Die zwei Seiten des Regenbogens

Politische Botschaften im Stadion können den Sport in Teufels Küche bringen. Selbst gutgemeinte Aktionen führen womöglich zu (identitäts-)politischen Kämpfen. Und wer legt eigentlich fest, was „gut“ ist?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.