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Frankreich : In der Wiese liegt das Glück

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Lektion zwei betraf die Rituale der französischen Provinz, zu denen das Schneckensuchen in feuchter Wiese und der Restaurantbesuch nach erfolgreich getaner Arbeit zählen. Genauer gesagt handelte es sich nicht um ein Restaurant, sondern um eine Ferme-auberge, einen Bauernhof mit Gastwirtschaft, in der auf den Tisch kommt, was Scholle und Region hergeben. Womit wir bei der nächsten Lektion wären: les produits du terroir und der damit verbundene Stolz. Allein die Käseplatte aus Comtés verschiedener Reifegrade, aschegeädertem Morbier und Bleu de Gex war Thema ausschweifender Diskussionen. Bei Tisch herrschte jene urfranzösische convivialité, die sich mit Geselligkeit nur annähernd übersetzen lässt und nicht unerheblich dazu beigetragen hat, dass die französische Esskultur seit 2010 zum immateriellen Weltkulturgut der Unesco zählt. Die Portionen waren so gewaltig, dass man es ohne ein Gläschen Kirsch zwischendurch nicht zum Dessert geschafft hätte. Ich fragte mich spontan, wie meine Gastgeber die schlanke Linie halten. Es ist - nebenbei gesagt - eines der französischen Rätsel, die ich knapp vierzig Jahre später und trotz reichlich Reiseerfahrung bei unseren linksrheinischen Nachbarn noch immer nicht gelöst habe. Mit einer Erkenntnis stand ich jedoch vom Tisch wieder auf: der, dass Essen wirklich glücklich macht.

Man mäkelt und motzt

Schnecken werden noch immer in französischen Wiesen gesucht. Man sieht die Suchtrupps nach wie vor im sommerlichen Schauer ausrücken. Frankreich aber ist ein anderes Land geworden. Ein Land, in dem Fastfood-Ketten rekordbrechende Zuwachsraten zeitigen und deutsche Billig-Discounter flächendeckend vertreten sind. Fini die ausgiebige Mittagspause mit obligatorischem Gang zu Tisch. In der Folge sterben die Bistros. Eine halbe Million gab es vor hundert Jahren. Heute ist ihre Zahl auf weit unter hunderttausend gesunken. Tendenz weiterhin fallend. Bei der Tour de France, der großen, alljährlich das Land in vorteilhafteste Bilder setzenden nationalen Feier, denkt man eher an Doping-Affären als ans Gelbe Trikot. Der Zweifel der Moderne nagt am programmatisch zukunftsgläubigen Franzosen. Vorbei die Zeiten, da die radioaktive Wolke aus Tschernobyl sich an der französischen Staatsgrenze in Wohlgefallen auflöste. Die schlechten Nachrichten aus schlecht gewarteten Atomkraftwerken nehmen kein Ende. Die Liebe zum nucléaire hat wie der Beton bei einigen altersschwachen Anlagen Risse bekommen. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, unter Jugendlichen dramatisch hoch. Die Integration von Zuwanderern vor allem aus dem Maghreb scheint gescheitert. Die Jungen der zweiten oder dritten Generation zünden Bomben und schießen vom Rand der Gesellschaft in deren Mitte. Wovon auch der französische Pass sie nicht abhält.

Manche Junge gehen weg. Manche Reiche auch, nach Belgien etwa, wo die Vermögensteuer unbekannt ist, oder für ein medienwirksames Intermezzo sogar nach Russland wie Schauspieler Gérard Depardieu. Andere stehen auf. „Nuit debout” heißt die Protestbewegung der Saison: die ganze Nacht wach sein oder im übertragenen Sinne auch für etwas aufstehen. Junge Leute sitzen Tag und Nacht auf der Place de la République zu Paris. Oder in Parks und auf Plätzen Dutzender Provinzstädte. Gehen nicht ins Bett, sondern diskutieren über eine andere Gesellschaft mit dem Ziel, eine Reform des Arbeitsrechts zu verhindern, die sich - horribile dictu - an deutschen Vorbildern mit verringerten Flächentarifen und flexiblerer Kündigungsregelung orientiert. Es geht anarchisch, pragmatisch, radikaldemokratisch zu. Es wird randaliert, der Philosoph Alain Finkielkraut wird wüst behandelt und davongejagt. Theater werden besetzt. Nachbarn kochen Eintöpfe. Politiker machen ihre Aufwartung. Der Präsident versteht nicht recht, was passiert, aber findet den Protest legitim. Es geht um ein Frankreich ohne Parteien, ohne Globalisierung, ohne Konzerne, ohne Krieg. Kurzum, es geht um eine bessere Welt.

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