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Frankreich : In der Wiese liegt das Glück

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Denn in der Wiese liegt für den Franzosen das Glück. Was alle anderen spätestens seit dem Erfolg von „Le Bonheur est dans le pré“ wissen, jenem Film, in dem Regisseur Etienne Chatiliez 1996 mit Hilfe des schauspielernden Altrockers Eddy Mitchel der moustachetragenden Kinolegende Michel Serrault, der kauzigen Fußballlegende Eric Cantona und der zauberhaft überdrehten Sabine Azéma die Wonnen der trägen französischen Provinz feierte. Der Film war das Geschenk einer großen Nation. Er lehrte uns, wie das Leben auf eine sehr heitere, sehr französische Art zu nehmen sei. Nämlich leicht und mit Genuss. Man lacht viel in Chatiliez’ Film. Spricht nahezu ohne Unterlass. Über die Liebe und andere Dinge des Lebens. Isst und trinkt. So viel zum Plot.

Ein ewiges Gallien

Mir bleibt meine erste französische Wiese in erster Linie als ein klammes Vergnügen in Erinnerung. Es hatte geregnet an jenem Junitag. Das Gras stand bereits hüfthoch, die Hose war bis in die entsprechende Höhe im Nu klatschnass. Die muntere Truppe an meiner Seite war besser ausgerüstet. Man trug Gummistiefel, landgängige Jacken und hatte Tüten dabei. Überhaupt, der Regen sei ein Glück, weil favorable für das Unterfangen, angesichts dessen von den vorderen Sitzen bis auf die Rückbank des Peugeot-Kombis eitel Vorfreude herrschte. Für den Rest reichten meine zwei Jahre Leistungskurs Französisch nicht.

Den Namen des Dorfs, den zwei Bindestriche in die Länge trieben und das Ziel des Ausflugs war, konnte ich mir nicht merken. Von escargots hatte ich noch nie etwas gehört. Dass es zum Schneckensuchen in der Wiese eines Freundes der Familie ging, kam mir daher nicht in den Sinn. Gut so, denn vermutlich hätte ich darum gebeten, bei nächster Gelegenheit aussteigen zu dürfen, um nach Deutschland zurückzutrampen.

Wir fuhren durch eine campagne, der Flurbereinigung und Aussiedlerhöfe nicht jeglichen Charme geraubt hatten, irgendwo in der hintersten Franche-Comté. Echtes Land rollte bis an den Horizont davon, verbummelt und wie hingemalt. Charles de Gaulle hatte von Gegenden wie dieser als France profonde geschwärmt. Gemeint ist ein ewiges Gallien, das sich seit 2000 Jahren als resistent gegen die Vereinnahmung durch römische Legionen und angelsächsisch-germanische Globalisierungsversuche erweist.

Schneckensuchen in feuchter Wiese

Die schmale Route départementale schien nur zu dem Zweck angelegt zu sein, in möglichst vielen Schlenkern zur nächsten, im Zweifelsfall romanischen Dorfkirche zu führen. Sofort wurde das Gemäuer mit Ausrufen des Entzückens bedacht und dazu passende Anekdoten, Sagen, kunsthistorische Fakten ausgetauscht. Wovon so ziemlich alles an mir vorüberging.

Dafür erhielt ich einen Crashkurs elementarer Regeln in französischer Alltagskunde. Lektion eins war die heitere Stimmung, hinweg über Generationsgrenzen, hinweg über den Unterschied zwischen aufs Land ausschwärmenden Städtern und echten Landbewohnern. Mit von der Partie waren ein krawattetragender Onkel aus Montbéliard (seines Zeichens ein Städter), Christines herausgeputzte Kusine (studierte in Paris, très chic), die Eltern meiner Brieffreundin (denen in süßer französischer Nabelschau entgangen war, dass Deutschland über Küsten und Häfen verfügte, was ich als Kind von der Nordsee richtigstellen konnte), sodann die vergnügte Großmutter aus einem Dorf hoch oben im weltabgewandten Département Savoie (eine von allen liebevoll umsorgte Doyenne). In meiner Heimatstadt ging ich nur in vom festgefügten Weltbild abgesegnete Szenekneipen und traf dort meinesgleichen: sich weltverbesserisch gebende junge Leute mit politischem Anliegen und ernster Miene, die mit Krawattenträgern, Eltern und Großeltern garantiert keinen Ausflug unternehmen würden. Hier hingegen herrschte eine Ungezwungenheit, die mich als Gast aus Deutschland ganz unangestrengt einbezog.

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