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Brüssel : Im Bermudadreieck des Bieres

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Grober Unfug hoch willkommen: Im Poechenellekelder treiben die Gäste nach dem ausführlichen Genuss belgischer Biere traditionell allerhand Schabernack. Bild: Rob Kieffer

Surrealisten und Melancholiker, Freudenmädchen und Weltverbesserer, saufende Philosophen und philosophierende Säufer: Sie alle finden in den Brüsseler Bistros ein Zuhause, in dem bis heute eine ganz eigene Subkultur blüht.

          Munter pinkelt der Knabe vor sich hin, wölbt keck die Brust und dirigiert mit seiner Linken zielsicher den Strahl. Als spitzbübische Skulptur ist er an den Wänden postiert, grinst dreist von Aquarellen, Comicseiten und Plakaten herab. Die Kneipe Poechenellekelder, was sich mit Pulcinella-Keller übersetzen lässt, ist der Wallfahrtstempel des Manneken-Pis, Brüssels berühmtester Sehenswürdigkeit. Das nur knapp sechzig Zentimeter hohe Bronze-Original thront draußen in Sichtweite an der Ecke Rue du Chêne und Rue de l’Étuve, umgeben von Horden feixender und fotografierender Touristen. Im Poechenellekelder wird der „Kleine Julien“, wie die Brüsseler ihren nackten Manneken liebevoll nennen, wie ein Heiliger verehrt. Fotos zeigen ihn in zahlreichen seiner mehr als neunhundert festlichen Kostüme, verkleidet als Sioux-Indianer, Feuerwehrmann, Maurice Chevalier, Elvis Presley, Rotkäppchen oder Rugbyspieler.

          Das Poechenellekelder ist ein typisches Brüsseler Estaminet, ein Bierlokal, das wegen seines tabakgefärbten Interieurs auch als „bruin café“ bezeichnet wird. Nebst dem Manneken-Pis-Kult wird hier noch anderer Unfug getrieben. Von den Deckenbalken hängen Marionettenfiguren aus „Tim und Struppi“, Armbrüste, Bierseidel, Rodelschlitten, Milchkannen, Posaunen und Grubenlampen. Einem ausgestopften Hirschkopf hat man eine Tabakspfeife ins Maul geschoben. Vereinssatzungen künden von sonderlichen Bruderschaften, die in der fidelen Schenke ihren Vereinssitz haben. Die Confrérie des Compagnons du Witloof widmet sich inbrünstig der Pflege der Endivie, Belgiens Nationalgemüse. Eine weitere Confrérie trägt einen beschwipsten, tänzelnden rosa Elefanten im Wappen und fördert den Genuss eines Bieres namens Delirium Tremens. Überhaupt künden die Etiketten der weit mehr als 150 größtenteils belgischen Hopfen- und Malzgebräue im Poechenellekelder von einem verflüssigten Fegfeuer, wenn es nicht gleich die alkoholhaltige Hölle ist: Das teuflische Duvel-Bier gibt es hier, das gespenstische Fantôme und den Guillotine-Trunk. Andere Sorten sind unter- oder obergärig, blond, bernsteinfarben oder nachtschwarz, mit Kirschen, Koriander, Himbeeren oder Bananen angereichert - Belgiens kreative Brauer haben für das Dogma des deutschen Reinheitsgebotes nur ein mitleidiges Lächeln übrig.

          Keiner ist mir fremder als ich selbst

          Für die Ur-Brüsseler muss die Bierkarte ihrer Lieblingstaverne enzyklopädische Dimensionen haben und das Dekor eine Mischung aus Trödelladen und Kuriositätenkabinett sein. Neonbeleuchteten Lounges mit fluoreszierenden Cocktails und Designerbarhockern begegnen sie mit naserümpfender Verachtung. Und sie muss die Heimat des Zwanze sein, des versponnenen Brüsseler Mutterwitzes - so wie die Fleur en papier doré, die Blume aus Goldpapier. Betritt man das philosophisch und literarisch angehauchte Estaminet, schlägt einem der Duft von Zwiebelsuppe und Buletten mit Fritten entgegen. René Magritte, surrealistischer Maler von Äpfeln, Tauben und Melonenhüten, traf sich hier mit seinem Zeichnerkollegen Paul Delvaux zum Schachspielen. Nach dem Zweiten Weltkrieg heckten an den zerfurchten Holztischen die Protagonisten der Künstlergruppe Cobra umstürzlerische Happenings aus. Und unter den schmiedeeisernen Deckenleuchtern prangen Sprüche voller Tief- und Unsinn: „Keiner ist mir fremder als ich selbst.“ „Jeder Mensch hat täglich Recht auf 24 Stunden Freiheit.“

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