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Brüssel : Im Bermudadreieck des Bieres

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Eine Orgie des Art nouveau

Lediglich eine im Bürgersteig der Rue Tabora eingelassene stilisierte Schnepfe weist darauf hin, dass sich in der abzweigenden Hinterhofpassage das alte Studentenlokal À la Bécasse befindet, das stoisch allen Modernisierungsversuchen widersteht. In tönernen Krügen wird säuerliches, perlendes Gueuze-Bier serviert, das durch eine zweite Flaschengärung entsteht. Dazu gibt es als Magenstärker Tartine au fromage, frisbeegroße Brotscheiben, bestrichen mit holländischem Quark, reichlich garniert mit Zwiebeln und beißend scharfen Radieschen. Nur Uneingeweihte vermuten hinter dem Namen Toast cannibale eine politisch nicht korrekte Anspielung auf Belgiens Kolonialvergangenheit. In Wirklichkeit hat die Spezialität nichts mit Menschenschlächterei zu tun, sondern ist ein Brot mit feinstem Rindertatar, zu dem Kapern, Gewürzgurken, Tabasco und Worcestersoße gereicht werden.

Traditionsbewusstsein ohne Snobismus: Das Cirio wird wegen seines Hausdrinks „Half en half“ in ganz Brüssel geschätzt.

Wie ein Relikt aus der Belle Époque wirkt das von konservierter Kaffeehaus-Eleganz geprägte Cirio direkt an der Börse. Der Gast versinkt in tiefen Plüschkanapees und wird dabei von einer Dekor-Orgie aus geschwungenem Art nouveau umhüllt. Die Wand hinter den eisernen Registrierkassen ist mit kostbarem Cordoba-Leder bezogen, zwischen goldenen Spiegeln tickt eine schwere Standuhr, Engelsfiguren halten Wandleuchten. Selbst die mannshohen Email-Pissoirs, von den Brüsselern „Pissodrom“ getauft, stehen unter Denkmalschutz.

Der kürzeste Weg vom Bier zum Bett

Gründer dieser wie aus der Zeit gefallenen Brasserie war 1886 Francesco Cirio, ein gewiefter italienischer Händler, der mit Tomatenkonserven reich geworden war. Als der weltweite Börsencrash 1929 die Finanzwelt der belgischen Kapitale lahmlegte, hatten selbst die manikürten Bürgergattinnen nicht mehr ausreichend Geld, um sich französischen Champagner leisten zu können. Aus der Not heraus erfand Cirio einen preiswerten Ersatz, halb aus Prosecco-Schaumwein, halb aus weißem Landwein bestehend. Der Half en half ist der besonders von Damen geschätzte Kult-Aperitif des Cirio geblieben. Sein Servieren ist eine Zeremonie: Die graumelierten Kellner balancieren die beiden Flaschen an den Tisch heran und schenken das Tulpenglas randvoll. Den ersten Schluck nimmt man, indem man sich tief über das Glas beugt. Schlürfen ist erlaubt.

Arbeitslos gewordene Börsianer, die sich bei Domino und Kartenspiel die Zeit vertrieben, waren schuld an dem Namen des Wirtshauses À la morte subite, Zum plötzlichen Tod, an der Rue Montagne-aux-Herbes-Potagères. Denn beim Pietjesback-Spiel ereilte den Verlierer symbolisch der plötzliche Tod. Ein Erinnerungsfoto zeigt Jacques Brel, vor einem Glas Bier sitzend. Der in Brüssel geborene Chansonnier war hier Stammgast. Brel besang auch die Place Brouckère, der die Abrissbirne nicht nur den prachtvollen Brunnenobelisken geraubt hat, sondern ihren gesamten weltläufigen Broadway-Charme. Dort, wo einst Theater und Terrassen die Menschen anlockten, breiten sich jetzt Schneisen für den tosenden Autoverkehr und überdimensionierte Metro-Eingänge aus. Biedere Geschäftslokale bieten Pauschalreisen, Teilzeitarbeit und gegrillte Hähnchenschenkel „to go“ an. Nur das zauberbergartige Hotel Métropole, 1894 von den Brauereifamilien Wielemans und Ceuppens erbaut, schwelgt noch in seiner schmiedeeisernen und marmornen Jugendstilpracht. Das Métropole, in zahlreichen Kinofilmen verewigt, hat sich trotz der spröden Umgebung so ins Gedächtnis der Brüsseler eingeprägt, dass sie schier aus dem Häuschen waren, als jüngst das im Erdgeschoss gelegene Café nach halbjährigen Renovierungsarbeiten wieder öffnete. Es ist tatsächlich ein architektonisches Bijou: italienischer Stuck, mit allegorischen Figuren geschmückte Kronleuchter, Intarsienspiegel, wertvolle Tropenhölzer, bis zur Decke reichende Naturpalmen, Zapfsäulen aus Porzellan. Wer im Hotel übernachtet, hat es mit dem von Gustave Eiffels Firma gebauten Lift nicht weit vom Café bis zu den Zimmeretagen. Kürzer könnte in Brüssel der Weg vom Bier zum Bett nicht sein.

Gepflegt trinken in Brüssel

Museum: Die belgische Braukunst wird im Musée des brasseurs belges im Zunfthaus der Brauer an der Grand Place dokumentiert (www.belgianbrewers.be). Auf dem Platz organisieren vom 5. bis zum 7. September mehr als fünfzig nationale Brauereien das 16. Belgische Bier-Wochenende.

Traditionsbistros: Poechenellekelder, 5, Rue du Chêne, www.poechenellekelder.be; La fleur en papier doré, 55, Rue des Alexiens, www.lafleurenpapierdore.be; Le Roy d’Espagne, 1, Grand Place, www.roydespagne.be; Maison du Cygne, 9, Grand Place, www.lamaisonducygne.be; Au bon vieux temps, 4, Impasse Saint-Nicolas; À la Bécasse, 11, Rue de Tabora, www.alabecasse.com; Le Cirio, 18, Rue de la Bourse; À la mort subite, 7, Rue Montagne-aux-Herbes-Potagères, www.alamortsubite.be; Café Métropole, 31, Place de Brouckère, www.metropolehotel.com.

Touren: Geführte Rundgänge für Gruppen auch in deutscher Sprache zu einigen von Brüssels beliebtesten Kneipen bietet Le Bus bavard an (www.busbavard.be).

Informationen: Belgien Tourismus, Cäcilienstraße 46, 50667 Köln, www.belgien-tourismus.de.

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