https://www.faz.net/-gxh-7q03t

Brüssel : Im Bermudadreieck des Bieres

  • -Aktualisiert am
Keine Angst vor dem plötzlichen Tod: Das À la mort subite war einst die Stammkneipe von Jacques Brel.

Nicht nur die Surrealisten gehörten zu den Stammkunden der Brüsseler Bistrowelt, die jahrhundertelang ein bunter Querschnitt durch die Einwohnerschaft war: In Kongo reich gewordene Elfenbeinhändler tranken in den Kneipen ebenso ihr Bier wie Fischverkäufer, Richter, Kokotten, Kesselflicker und Schriftsteller. Trotz seiner Knauserigkeit schüttete Victor Hugo, der in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts in der belgischen Kapitale Zuflucht vor politischer Verfolgung suchte, viel gezuckertes Faro-Bier in sich hinein, um sich dann in den Cabarets mit Mätressen und Dienstmägden zu vergnügen. Die Humpen hoch hielten auch Karl Marx und Friedrich Engels, die in den Pinten ihrer Exilstadt manche Nacht durchfeierten. Einigermaßen nüchtern waren die Kumpane, als sie in der Maison du Cygne an der Grand Place 1847 ihr „Kommunistisches Manifest“ vorstellten - was Frau Marx, geborene Jenny von Westphalen, nicht davon abhielt, über die beträchtlichen Stammtischausgaben ihres Gatten zu seufzen: „Der liebe Karl hätte besser getan, etwas Kapital zu beschaffen, als über das Kapital zu schreiben.“

Schutzpatron von Seefahrern und Freudenmädchen

Die an der Grand Place stationierten Droschken, die heute Touristen durch Brüssels Zentrum fahren, brachten einst so manchen Trunkenbold heil nach Hause. Die Pferdekutscher selbst litten keinen Durst. Ihr Lieblingsgetränk kann man sich im Roy d’Espagne von den weißbeschürzten Kellnern bringen lassen: das Kwak-Bier, das in einem ausgefeilten Instrumentarium kredenzt wird. Das vasenförmige Trinkgefäß ist in einem hölzernen Ständer mit Griff eingeklemmt. Früher befestigten die Kutscher diese Haltevorrichtung an ihrem Gefährt und konnten sich so während der holprigen Fahrt einen genehmigen. Uneingeweihte lassen sich von physikalischen Gesetzen überrumpeln und bekleckern sich, wenn die Flüssigkeit in der verengten Mitte des speziell geformten Glases ankommt und blubbernd nach oben zischt.

Um die Jahrhundertwende herrschte in der Altstadt ein Tohuwabohu wie im Slum eines Charles-Dickens-Romans. Ehe die breiten Boulevards, prachtvollen Bürgerhäuser im Jugendstil und die majestätische Börse entstanden, drängten sich entlang der Gassen die Menschen in teppichgroßen Wohnzimmern. Einen Eindruck von der urbanen Enge jener Tage bekommt man in den knapp schulterbreiten Engpässen im Herzen Brüssels wie dem Impasse Saint-Nicolas. Über seinem Eingangstor wacht der heilige Nikolaus, Schutzpatron von Seefahrern und Freudenmädchen. Am Ende des Ganges verbirgt sich das Estaminet Au bon vieux temps, Zur guten alten Zeit. Die dunkle Holztäfelung und die wuchtigen offene Kamine der schummerigen Innenräume würden gut zu einem Ritterschloss passen. „Möchten Sie ein Chimay, oder soll es doch lieber ein Orval oder ein Rochefort sein?“, fragt die zuvorkommende Wirtin, die eine gewisse Kenntnis belgischer Biersorten vorauszusetzen scheint. Im Au bon vieux temps wird den starken, würzigen Trappistenbieren gehuldigt. Sie müssen in den Abteien von den Mönchen selbst oder unter ihrer Aufsicht hergestellt werden, um das exklusive Etikett tragen zu dürfen. Eingeweihte flüstern sich einen Geheimtippzu: Das Bier Westvleteren aus der Sankt-Sixtus-Abtei, das wegen seiner geringen Produktionsmenge fast nur im Kloster selbst verkauft wird, ist diskret auf der Getränkekarte aufgeführt. Die Drittelliterflasche kostet zwölf Euro - belgische Spitzenbiere haben Preise wie Champagner.

Weitere Themen

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.