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Bergwandern : Von den Socken!

  • -Aktualisiert am

Blicke wie dieser reizen Bergwanderer Bild: dpa

Natur-Puristen ziehen es oft vor, in 40 Jahre alten Armeedecken zu schlafen. Wer das aber nicht will, kann nach dem Gipfelsieg auch recht komfortabel logieren, wie in den Berghotels im Berner Oberland.

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          Oben auf der Mönchsjochhütte, 3650 Meter über dem Meeresspiegel, strahlt die weiße Sonne wie ein Halogenscheinwerfer ins Matratzenlager. Es ist so hell, daß man Staubkörner und Flusen in der Luft tanzen sieht. Aber das Licht stört hier niemanden. Hier wird geschnarcht, als ob tiefste Nacht herrschen würde. Sechs Wanderer liegen unter filzigen Herbergsdecken und halten Mittagsschlaf. Einer der Wanderer ist offensichtlich so müde gewesen, daß er es nicht mehr geschafft hat, sich die Wollsocken auszuziehen. Ein anderer hustet im Schlaf seine Sommergrippe aus.

          Quer durch den Raum zieht sich eine Leine, an der durchgeschwitzte Unterhosen und regennasse Gore-Tex-Jacken zum Trocknen aufgehängt sind. Auf dem Holzfußboden arbeitet sich ein klebriges Rinnsal in die Dielenritzen vor; das sind die Ausläufer eines umgekippten Mineraldrinks. Unten im Hotel "Bellevue des Alpes", 2064 Meter über dem Meeresspiegel, checken an diesem Nachmittag zwei Bergsteiger ein, die das alles nicht mehr wollen. Das heißt, klettern wollen sie schon noch.

          „Ich hab' ja schließlich Urlaub“

          Der Gipfel des Mönch, ein anspruchsvoller Viertausender, ist ihr Ziel, und wenn das Wetter stabil bleibt, wagen sie vielleicht auch einen Marsch auf die benachbarte Jungfrau. Aber den Rest, den wollen sie nicht mehr. "Ich bin das Hüttenleben leid", sagt der Geschäftsmann aus Zürich, der mit seinem Sohn unterwegs ist. "Nachts kannst du kaum einschlafen, weil dauernd einer aufs Klo muß, und morgens wirst du um fünf Uhr wach, weil die ersten Wahnsinnigen ihre Rucksäcke packen. Ein bißchen Komfort möchte ich schon, ich hab' ja schließlich Urlaub."

          Das Hotel "Bellevue des Alpes", bei Grindelwald im Berner Oberland gelegen, lebt ganz gut von Hüttenfrustrierten wie dem Züricher Manager. Es macht nämlich beides möglich: Naturerlebnis und Luxus. In vielen alpinen Regionen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz ist das noch immer ein Widerspruch. Wer hoch hinaus will auf die Berge, der muß für ein paar Tage auf die meisten Errungenschaften der Zivilisation verzichten. Und umgekehrt bleibt jenen das Glücksgefühl einer Gipfelbesteigung vorenthalten, die sich in einem schönen Hotel eingemietet haben - denn schöne Hotels stehen meist autofreundlich tief unten im Tal.

          Jugendstil am Fuß des Eiger

          Das Berner Oberland bietet gleich mehrere Unterkünfte für "verwöhnte" Wanderer. Das "Bellevue" auf der Kleinen Scheidegg ist wohl das charmanteste dieser Berghotels. Es liegt zu Füßen von Eiger, Mönch und Jungfrau, jenem imposanten Dreigestirn, das die Unesco zum Weltnaturerbe erklärt hat. Die Besitzer des "Bellevue" haben ihr Hotel ebenfalls unter eine Art Naturschutz gestellt. Seit mehr als 60 Jahren hat sich die Inneneinrichtung nicht geändert.

          Die Brüder Christian und Andreas von Allmen, die den Familienbetrieb in fünfter Generation führen, sind bemüht, den ursprünglichen englischen Country-House-Stil zu erhalten. Aus London lassen sie sich Ersatzteile für Polstermöbel schicken, aus Italien kommen Jugendstil-Tischchen, und in Bern haben sie eine alte Kunsthandwerkerin gefunden, die noch weiß, wie die handgenähten Pergamentschirme der Stehlampen zu reparieren sind. Mehr als eine halbe Million Schweizer Franken haben sie sich die Restaurierung kosten lassen.

          Komfort wird in der Höhe anders definiert

          Eine lohnende Investition, wie der Gast feststellt, wenn er über sonnengedunkeltes Parkett, vorbei an Ölbildern und Stofftapeten, in den Speiseraum tritt. Abends kann man hier an Panoramafenstern sitzen und zugucken, wie die Zahnradbahn vom Jungfraujoch ins Tal hinunterkriecht, mit Hunderten von Wanderern im Gepäck. Mit Einbruch der Dunkelheit verstummt das Ächzen der Züge. Das viergängige Nachtessen wird serviert, und wer genau hinhört, vernimmt etwas Jazzmusik aus der Hotelbar.

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