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Ein Bier auf dem Gipfel: In manchen Momenten gibt es nicht viel, das glücklicher macht. Bild: Sebastian Reuter

Bergsteigen in Panama : Das fragile Glück der Gleichzeitigkeit

Der Gipfel des Vulkans Barú in Panama ist der einzige Ort in Mittelamerika, an dem man sowohl Atlantik als auch Pazifik sehen kann. Doch muss man das überhaupt? Ein Selbstversuch.

          5 Min.

          Dass etwas so Gewaltiges so lautlos vonstattengehen kann, ist fast schon erschreckend. Als die Sonne an diesem Morgen mit atemraubender Geschwindigkeit die Wolkendecke über dem Westen Panamas durchbricht und den Vulkan Barú, auf dessen 3477 Meter hohem Gipfel wir stehen, in ein gleißendes Licht taucht, hören wir nichts außer den leise pfeifenden Wind und ein paar versprengte Singvögel. Ansonsten ist es vollkommen still. Und das macht es so schön.

          Wir müssen kurz schlucken angesichts dieses wunderbaren Momentes und greifen schnell – etwas peinlich berührt von uns selbst – nach dem eisgekühlten Gipfelbier, auf das wir so viele Stunden hingearbeitet haben. Zahllose Male haben wir an verschiedenen Orten der Welt bestaunt, wie die Sonne am Abend hinter dem Horizont verschwindet. Doch zu beobachten und zu fühlen, wie dieser Feuerball am frühen Morgen mit jeder Minute mehr Wärme ausstrahlt und das Land unter uns mit Leben füllt, ist für uns als unerfahrene Gipfelstürmer doch neu. Spätestens jetzt ist klar: Es hat sich gelohnt – auch wenn wir unser eigentliches Ziel verfehlt haben.

          Gegen ein Uhr nachts hatten wir uns auf den Weg gemacht, um den höchsten Berg Panamas zu besteigen. Der Plan lautete, pünktlich zum Sonnenaufgang auf dem Gipfel des Barú zu stehen, sich die schweißtreibenden Strapazen der Nacht von ein paar Sonnenstrahlen trocknen zu lassen und von dem Vulkan, dessen letzter Ausbruch Jahrhunderte zurückliegt, gleichzeitig den Pazifik und den Atlantik zu sehen, eine Konstellation, die es in Mittelamerika kein zweites Mal gibt – wolkenfreies Wetter vorausgesetzt.

          Die Entdeckung der Langsamkeit verpassen wir

          Dort, wo wir unseren Jeep stehen lassen, huschen nur zwei Opossums über die Fahrbahn. Nicht einmal die Musik aus den Bars des weiter im Tal liegenden Städtchens Boquete dringt hinauf. Die letzte Straßenlaterne vor dem Schwarz des Berges hilft bei den finalen Vorbereitungen. Dann geht es hinein in die Nacht. Vor uns liegen vierzehn dunkle, kräftezehrende Kilometer, und schon nach wenigen hundert Metern wird klar: Diese Nachtwanderung hat nichts mit fröhlicher Folklore gemein.

          Schnell beginnen die Oberschenkel zu brennen, der Schweiß rinnt die Stirn herunter, das eigene Keuchen macht geistreiche Unterhaltung unmöglich. Als unerfahrene und an die Fußgängergeschwindigkeit von Pendlern gewöhnte Urlaubswanderer sind wir viel zu schnell unterwegs. Die Entdeckung der Langsamkeit verpassen wir. Stattdessen kippen wir das im Fünf-Liter-Kanister transportierte Wasser nur so in uns hinein, geben alles, uns nicht von anderen Gruppen überholen zu lassen, und machen bei jedem geschafften Kilometer Witze über unsere immer blasseren und von der Anstrengung gezeichneten Gesichter. Steil geht es bergauf, pausenlos löst sich Geröll unter den Füßen, der Lichtkegel der Taschenlampe tänzelt ein paar Meter voran. Und das stundenlang.

          Der Vulkan Barú ist mit mehr als 3300 Metern der höchste Berg Panamas.

          Der Barú ist der höchste Berg einer Kette, die sich von Costa Rica bis fast nach Kolumbien zieht und Panamas tropischen Norden vom deutlich trockeneren Süden trennt. Der Vulkan und der ihn umschließende Nationalpark mitsamt des Sechstausend-Einwohner-Städtchens Boquete im Norden der Provinz Chiriquí gehören zu den beliebtesten Touristenattraktionen des Landes. Wer neben den weißen Stränden von San Blas oder Bocas del Toro im Norden, dem feuchtfröhlichen Karneval in der am Pazifik gelegenen Provinzstadt Las Tablas und Panama-Stadt mit seinem berühmten Kanal noch etwas Natur und Abenteuer sucht, findet hier beides.

          Vogelfreunde beobachten in den umliegenden Regenwäldern Kolibris und Quetzale, Kinder kreischen vergnügt, wenn sie einen scheuen Affen erblicken oder sich unter einen der nicht ganz so wuchtigen Wasserfälle stellen. Und Erwachsene erfreuen sich an dem Kaffee, der an den Hängen des Vulkans angebaut wird. Die Höhe, das milde Klima, der fruchtbare Boden und die regelmäßigen Regenfälle sind beste Voraussetzungen für die speziellen Aromen des Panama-Kaffees, der von Kennern höher geschätzt wird als die Massenkonkurrenz aus Kolumbien oder Brasilien. Er hat allerdings auch einen stattlichen Preis.

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