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Bergsteigen im Kaukasus : Narziss und Abgrund

  • -Aktualisiert am

Ein Gipfel für die „bucket list“: der Elbrus, 5642 Meter hoch Bild: Stephanie Geiger

Gipfelsturm auf Russisch: Der Elbrus im Kaukasus gilt als einfacher Berg. Genau das macht ihn so gefährlich, denn es rennt praktisch jeder hinauf.

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          Nichts wie weg hier. Am Ende unserer Tour auf den Elbrus springen wir auf den nächstbesten Motorschlitten. Es kann uns gar nicht schnell genug gehen. Aller Illusionen von Einsamkeit und Stille im Hochgebirge beraubt, fordern wir den Fahrer auf, uns schnell hinunterzubringen.

          An den Tagen zuvor hatten wir noch verächtlich auf Motorschlitten und Pistenraupen geschaut, die am Elbrus Teil der Belustigung von Touristen sind. Wer an dem von Gletschern überzogenen Berg die Höhe spüren und einmal die Weite des Hochgebirges erleben, dafür aber keinen Meter zu Fuß gehen will, kann mit ohrenbetäubendem Lärm und laut juchzend in einem Affenzahn über die Hänge brausen. Pistenraupen verpesten mit ihren Dieselabgasen die Luft, und allzu oft stoßen wir bei unserem Besuch auf die Hinterlassenschaften leckender Ölwannen und allzu forsch ausgeführter Tankvorgänge. Und das mitten im Nationalpark.

          Hier gibt es keine Bergkameraden

          Der Elbrus, ein erloschener Vulkan, sein Westgipfel 5643 Meter hoch, der Ostgipfel wenige Meter niedriger, ist der höchste Gipfel des Kaukasus. Kein Berg in Russland ist höher. Der Elbrus ist der große Gewinner des sowjetischen Zerfalls. Zu Sowjetzeiten war er nämlich nur einer unter vielen. Der Sowjet-Riese Pik Ismoil Somoni (7495 Meter), früher als Pik Kommunismus bekannt, liegt heute in Tadschikistan. Und trotzdem war der Elbrus im Zweiten Weltkrieg hart umkämpft zwischen Wehrmacht und Roter Armee. Ein wahnwitziger Kampf um Ansehen und Ehre.

          Für Prestige und die Befriedigung persönlicher Eitelkeiten muss der Elbrus auch heute herhalten. Er ist zum begehrten Ziel geworden von Bergnarzissten aus der ganzen Welt. Europäer, Amerikaner und Japaner kommen in Scharen in den Kaukasus, weil sie mit der Besteigung der höchsten Berge aller Kontinente, der Seven Summits, ihre „bucket list“ abhaken wollen. Mit kuriosen Auswirkungen: Als wir uns bei Joe, einem Amerikaner aus Chicago, der eben vom Gipfel zurückgekommen war, nach den Temperaturen und seiner Ausrüstung erkundigen, unterbricht plötzlich ein anderer blaffend das Gespräch: „He, erzähl denen nicht zu viel.“ Wir sind sprachlos. Jeder ist sich hier selbst am nächsten. Das sind keine Bergkameraden, die im Notfall helfen. Im zurückliegenden Corona-Sommer fehlten internationale Bergsteiger. Dennoch sei einiges los, erzählt uns eine russische Freundin. Russen, Kasachen, Kirgisen und Ukrainer würden kommen. Die frühere Sowjetunion habe sich am Elbrus versammelt.

          Harte Firnflanken und tiefe Gletscherspalten

          Obwohl das amerikanische „Outside Magazine“ die Tour auf den Elbrus als eine „Expedition für Einsteiger“ beschreibt – „Schwierigkeiten: keine“ –, fordert der Berg jedes Jahr zahlreiche Todesopfer. Regelmäßig legt der schmelzende Gletscher Vermisste im Eis frei. Oleg, der aus St. Petersburg stammt, seit zwanzig Jahren als Bergführer am Elbrus arbeitet und schon mehr als hundertmal auf dem Gipfel stand, mahnt uns deshalb schon am ersten Tag, den Berg nicht zu unterschätzen. „Jedes Jahr sterben mindestens zehn.“

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