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Ecuador : Was die da oben wollen

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Heute ist der Aufstieg einfacher als zu Humboldts Zeiten: Der Chimborazo. Bild: Picture-Alliance

Der Chimborazo ist der höchste Berg Ecuadors, gilt aber als einfach zu besteigen. Auch Anfänger wagen sich an das Abenteuer. Die meisten kommen nicht an.

          5 Min.

          Lizza Torres Salazar ist für eine letzte Zigarette vor die Tür die Berghütte gegangen. Weiß-braune Vicuñas stolzieren in sicherer Entfernung über den ascheschwarzen Vulkanboden. Die kleinen Verwandten der Lamas suchen nach Grasbüscheln und Moosen, die 4850 Meter über dem Meeresspiegel nur noch spärlich wachsen. Hinter der Hütte ragt der Chimborazo in die Wolken. Seine fünf Gipfel bilden eine weiße Krone aus Eis und Schnee. Der höchste misst 6267 Meter.

          Lizza war unterwegs zur Pazifikküste, Badelatschen und Strandtuch im Rucksack. Dann sah die 28 Jahre alte Kolumbianerin im Internet ein Foto des Gletschers. Sie wechselte den Bus, quartierte sich bei einer Indígena-Familie am Fuße des Chimborazo in der Westkordillere der Anden ein und ging vier Tage lang wandern, der Akklimatisierung wegen. Sogar das Rauchen stellte sie ein. Nun zieht sie hastig an ihrer Selbstgedrehten. „Da wollen wir wirklich hoch“, sagt sie. Es klingt zweifelnd.

          Alexander von Humboldt war der erste Europäer, der den Chimborazo 1802 zu bezwingen suchte. Die Höhenkrankheit setzte ihm und seinen zwei Begleitern zu. Mit blutigen Lippen, ohne Handschuhe, die Schuhe durchnässt – so quälte sich der kleine Trupp nach oben. Auf 5500 Metern Höhe versperrte ihnen eine Gletscherspalte endgültig den Weg.

          Ein Modeberg

          Zweihundert Jahre später ist die Besteigung des Chimborazo keine Pioniertat mehr. Der Berg ist zu einem Modeberg geworden, wie der Kilimanjaro in Afrika, der Montblanc in den Alpen oder der Elbrus im Kaukasus: allesamt hohe, namhafte Berge, die vergleichsweise einfach zu besteigen sind, deren Besteigung aber dennoch ernsthafte Expeditionen sind. Und so schleppen sich dort Jahr für Jahr ganze Gruppen voller unvorbereiteter Anfänger auf viertausend, fünftausend, fast sechstausend Meter Höhe ohne jemals von „alpinen Gefahren“ gehört zu haben. Um dennoch eine gute Quote von Gipfelerfolgen zu haben, wird entschärft wo es geht. So auch am Chimborazo: Die Ausrüstung ist moderner, die Route einfacher als die von Humboldt gewählte Strecke. Auch Anfänger wie Lizza buchen die Gipfeltour bei einer der zahlreichen Agenturen in der nächstgelegenen Stadt Riobamba, für 260 Dollar pro Person; Guide, Ausrüstung und Unterkunft in der Baude inbegriffen.

          Immer Richtung Gipfel: Auf den Chimborazo steigen auch Wesen, die vom Bergsteigen keinerlei Ahnung haben.

          Noch bleiben neun Stunden bis zum Abmarsch eine Stunde vor Mitternacht. „Wenn die Sonne aufgeht, schmilzt das Gletschereis. Das erhöht die Lawinen- und Steinschlaggefahr“, sagt Bergführer José Gualancañay. Der Indígena vom Puruhá-Volk hat den Chimborazo mehr als hundert Mal erklommen. An einem Hang zeigt er Lizza und ihrem deutschen Freund, wie sie Seil, Eispickel und Steigeisen einsetzen werden. Die hören aufmerksam zu. Sie waren noch nie Bergsteigen. Jede Information kann lebenswichtig sein.

          Sie müssten alle Zacken des Steigeisens fest in die Erde rammen, auch wenn der Boden uneben sei, sagt José. Verstanden. Den Pickel Richtung Wand halten. Notiert. Im Falle eines Sturzes sollten sie versuchen, den Pickel ins Eis zu hauen und den Fall abzubremsen. Hmm... und das funktioniert? Dreißig Minuten braucht der einsilbige Ecuadorianer für seinen Schnellkurs, dann schickt er seine Schützlinge zum Vorschlafen in die Baude.

          Frühstück um zehn Uhr abends

          Doch Schlaf will sich nicht einstellen. Die Gedanken kreisen um den Berg. Fünf Uhr nachmittags servieren die Angestellten der Baude Hühnchen mit Reis. An die zwanzig Touristen, Höchstalter dreißig Jahre, finden sich zum Abendbrot im Essraum ein. Sie sind aus Australien, den Vereinigten Staaten und Österreich angereist.

          Die zweite Schlafpause verläuft genau so zäh wie die erste. Um zehn Uhr abends, die Sonne ist schon lange untergangen, finden sich alle künftigen Gipfelstürmer für das vorgezogene Frühstück ein. Kaum jemand spricht. Es scheint, als ob das Lampenfieber auch die erfahreneren Bergsteiger erfasst habe. Punkt elf Uhr marschiert die erste von insgesamt fünf Gruppen ab. Die nächsten folgen in Abständen von jeweils zehn Minuten. „Zum Angriff“, meint José. „Man attackiert den Berg nicht, man fragt ihn um Erlaubnis“, erwidert einer der anderen Bergführer.

          Schneebedeckte Gipfel der Anden umgeben die Stadt Riobamba in der Provinz Chimborazo.

          Hinter der Whymper-Baude auf fünftausend Metern Höhe erfassen die Lichtkegel der Stirnlampen Dutzende Grabsteine eines Bergsteigerfriedhofs. „Hier liegen die Touristen, die ohne Führer losziehen“, sagt José. Sein Scherz verhallt in der Stille.

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