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Bergell : Land der Brotbäume

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Brot der Armen: Eßkastanien Bild:

Europas größter Eßkastanienwald zieht sich an der Südseite des Bergell entlang. Das „Brot der Armen“, die Kastanien, gibt es gedörrt, gedämpft, gekocht, geröstet oder gebraten, als Mehl in Brot oder Kuchen.

          Es brennt im Hain zwischen Soglio und Castasegna. Rauch steigt an diesem sonnigen Herbsttag zwischen den Bäumen auf, hängt in den Kronen. Seine Schwaden verdecken die Bergzacken der nahen Sciora-Gruppe. Kleine Feuer fressen Laubberge auf. Die Luft ist voll Knistern und einem süßlichen Geruch. Ringsum schrauben Kastanienbäume ihre schrundigen Leiber in den Himmel. Drei alte Frauen bücken sich unter den Ästen. Selbst wenn sie sich an den Händen faßten, könnten sie die dicksten Stämme nicht umfangen. Aber dafür haben sie ohnehin keine Zeit. Sie rechen und suchen im Laub und klauben rotglänzende Früchte in ihre Schürzen.

          Die drahtige, weißhaarige Ines Martinoli kippt eine Trage Laub ins Feuer. Es explodiert so laut in der Glut, daß es im Hain widerhallt. "Das sind die unentdeckt gebliebenen Kastanien", sagt sie und schmunzelt. "Je mehr es knallt, desto schlampiger haben wir sortiert." Sie fischt mit dem Stock eine aus der Glut. Mehlig-süß schmeckt sie. Die Kastanien gehören schon immer zum Leben der 71jährigen Bäuerin. Und die Mühe, wenn sie im Oktober und November tonnenweise zu Boden fallen.

          Seit Generationen erhalten

          Europas größter Eßkastanienwald zieht sich an der Südseite des Bergell entlang. Durch den Malojapaß vom Rest der Schweiz getrennt, streckt sich das tief eingeschnittene Tal wie eine Zunge nach Italien hinein. Unten, am Lauf der Maira, die der Grenze entgegenrauscht, reihen sich die gneisgedeckten Steinhäuser von Vicosoprano, Stampa, Bondo und Castasegna. Oben, auf 1088 Metern, klebt das winzige Soglio - übersetzt: Schwelle zum Paradies. Auf den sonnigen Terrassen darunter, dem Brentan, wachsen Tausende von Eßkastanienbäumen.

          Als die Römer vor 2000 Jahren hier Richtung Norden zogen, gaben sie dem Tal seinen Namen: Prä-Gallia, das Land vor Gallien, heute Bregaglia oder eben Bergell. Im Gepäck hatten sie Castanea sativa, die Edelkastanie. Im milden Klima des Tals gediehen die Bäume gut - ein Segen für die Bergbauern: Die neue Pflanze lieferte auf gleicher Anbaufläche dreimal so viel Nährstoffe wie Getreide. Vom Mittelalter bis zum Ende des 17. Jahrhunderts lebten die Bergeller buchstäblich von ihren "Brotbäumen". Ein Mensch aß im Winterhalbjahr in etwa die Ernte eines Baumes: 80 bis 100 Kilo. Später drängten Kartoffeln und Mais die Kastanien vom Speiseplan, degradierten sie zu Schweinefutter. Aber die Haine wurden über Generationen hinweg erhalten. Zum Glück.

          400 Jahre alte Bäume

          "Die Kastanien haben uns in der Nachkriegszeit gerettet", sagt Ines' Freundin Fiorentina, 75, an die harten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg erinnernd. "Alles war rationiert, Butter, Eier, Mehl. Nur die Maroni, die gab's im Überfluß. Gedörrt, gedämpft, gekocht, geröstet, gebraten, als Mehl in Brot oder Kuchen. Manchmal dreimal am Tag und mit Kaffee schon zum Frühstück." Kein Wunder, daß die Kastanien auch "Brot der Armen" heißen. Ein Wunder, daß die alten Frauen sie noch immer mögen. "Am besten sind sie als Farüda, die Bergeller Art", findet Fiorentina. "In Salzwasser gekocht und mit Sahne und Speck gegessen."

          Obwohl die Leute in den besseren Jahren wieder zu Konserven und Getreide griffen, verschwanden die Kastanien nie völlig vom Tisch der Bergeller und erleben seit einigen Jahren eine sanfte Renaissance. Auch bei Besuchern, die in den kleinen Läden von Soglio und Castasegna Kastanien als Mehl, Flocken, Nudeln, Marmelade, Kuchen oder Brot kaufen. Fasziniert von der Grandezza der Baumriesen wandern sie unter den ausladenden Kronen umher, unter denen es so feierlich still ist wie in einer Kathedrale. Rainer Maria Rilke suchte hier nach dem Ersten Weltkrieg Inspiration und schrieb einem Freund von den Kastanienwäldern, "die sich, die Hänge hinab, gegen das Italienische zu, in großartiger Schönheit hinunterziehen."

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