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BER fertig und leer : Willkommen auf dem Flughafenfriedhof

Bonjour tristesse, oder besser Bonne nuit: das leere Vorfeld des neuen Großflughafens. Bild: dpa

Touristenattraktion statt Luftdrehkreuz: Der BER in Berlin-Schönefeld hält sich in Zeiten von Corona mit Helden- und Langmut über Wasser.

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          Schönefeld bleibt Schönefeld, und daran ändert zumindest für die Berliner auch die Nebensächlichkeit nichts, dass der neue Hauptstadtflughafen BER in Schönefeld nach vierzehn Jahren Bastelei mit neun Jahren Verspätung gerade feierlich eröffnet worden ist. Wer zu ihm will, wird von den Verkehrsschildern im Berliner Stadtgebiet konsequent zum Flughafen Schönefeld geschickt, den schon Erich Honecker gerne nutzte, während man auf den Autobahnen rund um die Hauptstadt dem Hinweis BER folgen muss. Nur nichts überstürzen, ist offensichtlich ein bewährtes Berliner Motto, jedenfalls in Dingen der Luftfahrt.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Janz weit draußen liegt BER zwar nicht, aber janz weit weg fühlt man sich bei seinem Anblick schon, weil das Terminalgebäude stark an ein nordkoreanisches Tyrannen-Mausoleum erinnert, obwohl es doch Mies van der Rohes Neuer Nationalgalerie die Honneurs machen will. Drinnen geht es allerdings deutlich geruhsamer zu als in der Ruhmeshalle des Großen Führers Kim Il-sung, was bei zwei Dutzend Abflügen pro Tag auch kein Wunder ist. Die große weite Welt endet für die Passagiere des Hauptstadtflughafens derzeit in Minsk, Faro, Izmir oder Istanbul und für die meisten Menschen im BER noch viel näher. Denn sie sind gar keine Fluggäste, sondern Besucher aus Berlin und Brandenburg, ohne die es noch totenstiller und menschenleerer als ohnehin schon wäre. Vor allem am Wochenende retteten die Naherholungstouristen ihr Geschäft, sagen die Ladenbesitzer übereinstimmend, die im Falle ausgesuchter Höflichkeit von einer „Findungsphase“ sprechen und im Falle einer original Berliner Schnauze von Undruckbarem.

          Currywurst gibt's immer

          BER ist heute ein Ort des Helden- und Langmutes. Beides haben die Taxifahrer, die mitunter sechs Stunden lang auf eine Tour warten und trotzdem nicht verzweifeln, sondern sich die Zeit mit Schwätzchen in orientalischen Sprachen vertreiben. Heldenhaft bleibt die Currywurst-Bude als eine der wenigen Gastronomien offen, und Helden sind die Tollkühnen, die eine stundenlang warm gehaltene Wurst zu verspeisen wagen. Nicht den Mut verlieren will auch die Dame aus dem Souvenirladen, die „Anti-Stress-Bananen“ aus Kautschuk zum Kneten verkauft, obwohl von Stress momentan keine Rede sein kann, eher von Langeweile. Und erst recht Heroen des Alltags sind die vielen unterbeschäftigten Menschen an den Auskunftsschaltern, die mit tapferem Stoizismus die derzeit am häufigsten gestellte Frage beantworten: Wo geht es bitte schön zur Besucherterrasse?

          Viel Platz, wenig Bedarf: Klaustrophobiker haben im Terminal des BER nichts zu befürchten.
          Viel Platz, wenig Bedarf: Klaustrophobiker haben im Terminal des BER nichts zu befürchten. : Bild: Reuters

          Sie ist der belebteste Ort des Flughafens und hat die einzige Warteschlange weit und breit zu bieten, die sich weder vor den Check-in-Schaltern noch vor den Sicherheitskontrollen und schon gar nicht am Covid-Testzentrum bildet, sondern bei der mobilen Kaffeebude auf der Terrasse. Der Anblick des Rollfeldes ist allerdings eher verstörend, weil es an einen Flughafenfriedhof erinnert. Die halbe Flotte von Easy Jet scheint hier geparkt zu sein, dazu jede Menge Maschinen der Lufthansa. Wenn doch einmal ein Flugzeug landet, sieht es so aus, als habe es sich verirrt an einen wundersamen Ort, der nur eröffnet wurde, um in einen immerwährenden Dornröschenschlaf zu sinken. Und wer weiß, vielleicht werden wir eines Tages begreifen, wie schlau die Berliner waren, erst gar keine BER-Schilder aufzustellen.

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