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Belgische Biere : Gott wird es ihnen verzeihen

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Da war was los: Eine amerikanische Website kürte das Westvleteren12 zum besten Bier der Welt.
Da war was los: Eine amerikanische Website kürte das Westvleteren12 zum besten Bier der Welt. : Bild: Picture-Alliance

Die wichtigste Pilgerstätte für alle Bier-Connaisseure ist jedoch Westvleteren, ein Bauerndorf nahe Poperinge in der westflandrischen Ebene. Hier wächst der Hopfen, einst als „grünes Gold“ gepriesen, so hoch, als wolle er mit den klöppelwerkfeinen, flämischen Glockentürmen konkurrieren. Im Hopfenmuseum von Poperinge erfährt man, dass es Mönche waren, die die Staude Humulus lupulus einführten. Die Nachfolger dieser Ordensmänner brauen jetzt in Westvleteren in der Sint-Sixtusabdij das mythischste Trappistenbier überhaupt. Außer in den Nachbardörfern kannte kaum jemand den Trank, bis das Westvleteren12 im Jahre 2005 von der amerikanischen Website Rate Beer zum besten Bier der Welt gekrönt wurde, woraufhin zahllose weitere Champion-Titel folgten.

Wie auf einer Kirmes von Breughel

„Nun war es mit der christlichen Ruhe vorbei“, erinnert sich Bruder Christian, der damals in der Flaschenabfüllanlage arbeitete. Es kam zu kilometerlangen Staus und tumultartigen Szenen, als täglich Hunderte von Bierfans anreisten und die Abtei belagerten, um an die raren Flaschen zu kommen. Im Internet werden sie bis heute zu horrenden Schwarzmarktpreisen gehandelt. „Aber wir leben nicht, um zu brauen, sondern brauen, um zu leben“, erklärt Bruder Christian, ein deutscher Mönch unter flämischen Kollegen. So hat man die Produktion gedrosselt und braut nur mehr an zwei Tagen im Monat. Die Mönche liefern nicht an Gaststätten und Supermärkte und machen keine Werbung. Man erhält das Bier nur extrem limitiert in der Abtei selbst, mittels restriktiver Online-Bestellung und strapaziöser Selbstabholung. Mehr als zwei Kästen à vierundzwanzig Flaschen alle paar Monate sind nicht drin. Bruder Christian, im Ruhrpott geboren, im Rheinland aufgewachsen, bedauert, dass die meisten beim Namen Westvleteren nur an Bier denken, während für die Mönche Glaube und Kontemplation Vorrang haben. So leitet er mit Inbrunst das Gästehaus der Abtei, in dem man gegen einen geringen Obolus mehrere Tage in meditativer Stille übernachten, speisen, beten, entspannen und entschlacken kann.

Bild: F.A.Z.

Für das Biererlebnis muss man sich auf die andere Straßenseite begeben, ins Ausflugslokal „In de Vrede“, auf Deutsch Im Frieden. Hier herrscht Sinnesfreude wie auf einer Kirmes von Breughel. Die Kellner balancieren ohne Unterlass Tabletts mit den dunkelbraunen Flaschen an die Tische, Radfahrer in verschwitzten Trikots beugen sich über die Tourenkarte und scheinen sich mit dem Gerstensaft zu dopen. Großeltern delektieren sich an Schweinebäckchen, geschmort in Trappistenbier, während die Enkel selbstgemachte Fritten in Mayonnaise tunken.

Unter den Stammgästen ist auch Jef Van den Steen, der regelmäßig in der Abtei und deren Lokal vorbeischaut. Der pensionierte Mathematiklehrer mit dem Robinson-Crusoe-Rauschebart ist Belgiens Bier-Guru, er sitzt in Jurys bei Verkostungen und schreibt Fachbücher über belgische Biere im Allgemeinen und Trappistenbiere im Besonderen. „Die Mönche bereiteten schon obergärige, alkoholschwere Dunkelbiere zu, lange bevor die Craftbeer-Brauer die Spezialbiere zu Modegetränken machten“, stellt Van den Steen klar. Er selbst hat dem jahrhundertealten Bierhandwerk der Kuttenträger einiges abgeschaut und in Erpe-Mere eine eigene Mikrobrauerei gegründet. Deren Name sei aber absolut unchristlich, sagt der Bierexperte. „De Glazen Toren“ ist nach einem Etablissement benannt, das sich einst am Standort der Brauerei befand und in dem hinter hohen Fenstern Damen mit dünner Kleidung und dicker Schminke auf Kunden warteten.

Kaffee, Rosinen und Kandis

Jetzt kommt der feierliche Moment, für den Bierfreunde lange Reisen in Kauf nehmen: das Kosten des weltberühmten Westvleteren12. Der heilige Gral des Bieres kommt diskret daher, auf der Flasche klebt nicht einmal ein Etikett. Alle Informationen sind auf dem goldfarbenen Kronkorken aufgedruckt: das Wappen der Abtei, der Alkoholgehalt von 10,2 Prozent, das Haltbarkeitsdatum. Jef Van den Steen verdreht entzückt die Augen, als er andächtig den ersten Schluck nimmt. „Man schmeckt Aromen von Kaffee, Rosinen und Kandis“, lautet sein Kennerurteil. „Es ist ein Bier, das man abends unter Freunden trinkt und für das man sich Zeit nehmen sollte.“

Im Laden von „In de Vrede“ beginnt jetzt die Schlacht um einzelnen Flaschen, die man wie eine Kriegsbeute mit nach Hause nimmt. Neben der Abteibrauerei selbst ist es der einzige Ort, an dem man das famose Westvleteren kaufen kann. Der tägliche Vorrat ist immer schnell erschöpft, deswegen darf jeder Kunde maximal zwei Sechserpackungen erwerben. Doch Schummeln ist Volkssport, und viele versuchen ihr Glück, indem sie sich ein zweites Mal hinten an der Schlange anstellen. Damit das Verkaufspersonal sie nicht wiedererkennt, setzen sie eine Kappe auf, die sie tief ins Gesicht ziehen, oder wechseln Mantel und T-Shirt. Gott wird’s verzeihen.

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