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Deutschland per Rad : Voller Bauch pedaliert sehr gern

Die schönste Flussschleife Deutschlands, das finden jedenfalls die Saarländer: Bei Mettlach wickelt sich die Saar fast um sich selbst. Bild: picture alliance / CHROMORANGE

Heute Herrenteller, morgen glasierter Yuzu-Kombu-Carabinero und zwischendurch ein Legionärsmahl: Beim Schlemmerradeln im Saarland erlebt man Höhen und Tiefen in jeder Hinsicht.

          11 Min.

          Hoher Genuss beginnt immer mit hartem Verzicht, sonst wäre er gar keiner, sondern nur eine belanglose Selbstverständlichkeit ohne den Reiz des Besonderen. Wir sind zum Schlemmerradeln ins Saarland gekommen, beginnen unsere Tour in Saarbrücken und üben uns erst einmal in Askese. Links lassen wir Klaus Erfort liegen, einen Säulenheiligen der deutschen Hochküche, der in seinem „Gästehaus“ dreizehn Jahre lang drei Michelin-Sterne gehalten hat, rechts seinen Schüler Silio Del Fabro, der im „Esplanade“ gerade mit virtuoser Hand das Erbe seines Meisters antritt. Statt dort zu schlemmen, radeln wir mit leerem Magen und wehmütiger Erinnerung los, sechzig Kilometer immer an der Saar entlang bis Mettlach, unserem ersten Etappenziel – beste Genussvoraussetzungen also.

          Ruinenstadt des Indus­triezeitalters

          Jakob Strobel y Serra
          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Ein Schmaus für Auge und Ohr sind die ersten Kilometer allerdings nicht, denn für die Sünden der deutschen Autofahrernation gibt es keine Absolution. Erst die A 620, dann die A 8, Mahnmale des einbetonierten Freie-Fahrt-für-freie-Bürger-Geistes, sind unsere treuen Begleiterinnen, lassen uns dank ihrer Ausfahrtschilder immer mühelos die aktuelle Position bestimmen und wölben sich manchmal sogar fürsorglich über den Saar-Radweg, um uns in der Bruthitze Schatten zu spenden – so intim ist unsere Zwiesprache mit einer Bundesautobahn noch nie gewesen. Das rechte Flussufer will nach wenigen Kilometern dem linken nicht mehr nachstehen und präsentiert uns gleichfalls Zeugnisse menschlicher Schaffenskraft: Wie ein eisernes Gebirge wächst dort das Weltkulturerbe Völklinger Hütte in den Himmel, ein Wirrwarr aus laokoonischen Rohren, futuristischen Stahlskelettskulpturen und verfallenden Produktionsstraßen mit toten Fenstern, die Giorgio de Chirico metaphysisch ans Saar-Ufer gemalt zu haben scheint. Manche der kilometerlangen Fabrikhallen werden noch immer von der Saarstahl betrieben, und trotzdem gibt uns dieses monumentale Eisenwerk das Gefühl, die Archäologie des neunzehnten Jahrhunderts, eine Ruinenstadt des Indus­triezeitalters zu betrachten, umringt von dichten Wäldern, sodass wir für einen Augenblick sogar glauben, der Pyramiden der Maya in Yucatán gewahr zu werden.

          Früher wurde malocht, heute wird Kunst gemacht: das Unesco-Weltkulturerbe Völklinger Hütte.
          Früher wurde malocht, heute wird Kunst gemacht: das Unesco-Weltkulturerbe Völklinger Hütte. : Bild: BeckerBredel

          Hinter der Völklinger Hütte wird die Saar schlagartig zum bukolischen Idyll. Reiher und Enten planschen im Fluss, der mit der unerschütterlicher Seelenruhe eines richtigen Saarländers dahinfließt. Platanen, Buchen und Trauerweiden geben uns das Geleit, Brombeersträucher und mannshohes Schilf säumen die Ufer, an denen hin und wieder ein Angler stoisch wie die Skulptur seiner selbst sitzt. Sonst ist kaum ein Mensch zu sehen, das Ufer gehört ganz der Natur und der Fluss fast allein einer Handvoll Sportbooten und einem Ausflugsdampfer mit dem fröhlichen Namen „Frohsina“, der allerdings den Eindruck macht, schon länger nicht dem Frohsinn gefrönt zu haben.

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