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Festival in Tschechien : Reißt die Hütte ab

  • -Aktualisiert am

Sogar mit Pool, dieses Festival! Bild: Richard Fraunberger

Colours of Ostrava ist die größte und friedlichste Party Tschechiens. Auf dem Open-Air-Festival feiern 50.000 Besucher in einem stillgelegten Hüttenwerk – vor einer sehr speziellen Kulisse.

          6 Min.

          Die Sonne glüht. Der Himmel strahlt. Stimmengewirr erfüllt die Luft. In Scharen steigen Menschen aus Straßenbahnen und Zügen, Junge, Alte, Pärchen, Großeltern, Mädchen mit Blumenkranz im Haar, auf Wangen und Stirn Paillettenglitter, die Lippen kirschrot, Familien mit Kindern, auf den Ohren der Kleinen ein Gehörschutz so groß wie ein Kopfhörer. Alles drängt sich zu den Toren eines riesigen, inmitten der Stadt gelegenen Industriefriedhofs, auf dem die eisernen, von Rost gesprenkelten Organe und Glieder eines toten Industrie-Dinosauriers liegen – Hochöfen, Schlote, Winderhitzer, Kokereien, Fördertürme, Gasometer, verbunden über ein wirres Geflecht aus Schienen, Treppen, Leitern, Durchgängen, Torpedowagen und oberirdischen Rohrleitungen, so groß, so gewaltig, dass locker ein Auto hindurchpassen würde.

          Langsam füllt sich Dolní Vítkovice, Tschechiens ältestes Hüttenwerk, das wie eine monumentale Kathedrale der Metallurgie mitten aus Ostrava ragt. Wo einst Bergleute tausend Meter unter die Erde fuhren, Winderhitzer Hochöfen befeuerten und Torpedowagen flüssiges Eisen transportierten, tanzen und feiern 50 000 Menschen vier Tage lang zu der Musik von über hundert Bands auf elf Bühnen, eingebettet in einer Science-Fiction-Kulisse von psychedelischer Schönheit.

          Einzigartige Kulisse: Die Witkowitzer Eisenwerke.
          Einzigartige Kulisse: Die Witkowitzer Eisenwerke. : Bild: Richard Fraunberger

          Seit Tagen schon steht die aus Kohle geborene Stadt Kopf. Volle Straßenbahnen, volle Zeltlager, ausgebuchte Hotels. An jeder Ecke spielen heimische Bands, einfach so zum Vergnügen, auf dem Marktplatz, am Bahnhof, in Unterführungen. Ostrava, an der Grenze zu Polen gelegen, 300 000 Einwohner, drittgrößte Stadt des Landes, einst Herz der Stahlindustrie und Hochburg der Arbeiterklasse, ist im Juli das angesagteste Reiseziel Tschechiens.

          Es ist heiß und staubig. Im Schritttempo fährt ein Löschfahrzeug durch das Festivalgelände und besprenkelt Wege und Plätze und überhitzte Besucher. Entlang gigantischer Winderhitzer, die die Luft für die Hochöfen auf über tausend Grad erhitzten, reihen sich Essensstände. Es riecht nach gebratenen Nudeln, Holzkohle und gegrilltem Fleisch. Festivalbesucher liegen im Gras und picknicken zwischen Hochöfen. Zwei Mädchen spielen Tischtennis. Jugendliche jonglieren Teller und Keulen. Neben dem verrosteten Torpedowagen, einem mit Schamottesteinen ausgekleideten Eisenbahnwagen, in dem flüssiges Roheisen befördert wurde, rutschen Kinder vergnügt ins Wasser. Entspannt sitzen die Eltern im Bikini vor dem aufblasbaren Schwimmbecken und wischen über Smartphones. Sogar einen Schrebergarten hat man unterhalb der von Sträuchern überwachsenen Kokerei aufgebaut. Von Latten umzäunt, liegen Besucher auf Luftmatratzen und in Liegestühlen und nippen am Bier, das an allen Ecken gezapft wird.

          Einzigartige Kulisse

          In einem zum Café umgebauten, knallroten Londoner Doppeldeckerbus sitzen Gerda und Thomas und kommen aus dem Staunen nicht heraus. Das Paar aus Leipzig arbeitet seit Jahren die Top-Ten europäischer Musikfestivals ab. „Ethno, Elektro, Indie, Weltmusik, alles schon mal gehört. Aber diese Kulisse hier ist einzigartig. Es ist wie in einem postapokalyptischen Film“, sagt Gerda und deutet auf Fördertürme und das Dickicht aus Metallrohren und monströsen Gasleitungen. „Zudem kann man Bands erleben, die man sonst nie sehen würde, tschechische, polnische, russische“, sagt Thomas. Das Paar hatte Glück und ergatterte gerade noch zwei Tageskarten. Das viertägige Festival war schon Wochen im Voraus ausverkauft.

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