https://www.faz.net/-gxh-nuh7

Sahara : Bei 61 Grad mit ungebrochenem Willen durch die Sahara

  • Aktualisiert am

Mancher Berber in der marokkanischen Sahara wird verwundert auf den drahtigen Kerl geblickt haben, der mit dem Rucksack durch die flimmernde Wüste rannte: Warum hechelt er sich so ab, wo es doch Autos gibt?

          2 Min.

          Martin Wischmann aus Weilrod übt sich in Extrem-Langstreckenläufen / Pensum von 5000 Kilometern im Jahr

          WEILROD. Mancher Berber in der marokkanischen Sahara wird verwundert auf den drahtigen Kerl geblickt haben, der mit dem Rucksack durch die flimmernde Wüste rannte: Warum hechelt er sich so ab, wo es doch Autos gibt? Doch für Martin Wischmann aus der Hintertaunusgemeinde Weilrod ist der Verzicht aufs Auto eine Leidenschaft. Der 34 Jahre alte Bäcker hat sich auf Langstreckenläufe spezialisiert.

          Laufen, soweit die Füße tragen: Die Strecken und Ziele sind austauschbar, nur die Distanz zählt. Allerdings war die Teilnahme am 243 Kilometer langen "Marathon des Sables" (Sandmarathon) eine selbst für Wischmann außergewöhnliche Bewährungsprobe: Tagesetappen von bis zu 82 Kilometern Länge und bis zu 61 Grad Lufttemperatur, auf geschundenen Füßen, dem Zusammenbruch nahe, aber - wie er sich erinnert - mit ungebrochenem Willen. Wischmann hielt durch, alle bitteren sieben Tage bis ans Ziel.

          Um die Einsamkeit des Langstreckenläufers auf solchen Distanzen zu bekämpfen, schweifen die Gedanken ab - nur nicht ans Laufen denken. Sondern vielleicht an die Familie. Im Ortsteil Finsternthal führt er ein bürgerliches Leben mit Frau und drei Kindern. Seinen Bäckerberuf teilt er mit einem anderen Freizeitextremisten, dem Konditormeister und Survivalkünstler Rüdiger Nehberg. Von ihm, "einem echten Kumpel", habe er sich zeigen lassen, wie man Feuer macht, ein Boot aus Brennesseln baut oder mit gefesselten Händen schwimmt. Zumindest einige dieser Künste konnte er anwenden - etwa, als er sich bei einem Lauf um den Bodensee im Frost in ein Nachtlager aus Tannenzweigen bettete. Schlotternd rappelte er sich frühmorgens bei minus zehn Grad wieder hoch; diese Nacht ist ihm als eine seiner dunkelsten Stunden in Erinnerung geblieben.

          Alles hatte damit angefangen, daß der sechs Jahre alte Martin eine Finsternthaler Felsengruppe erkletterte. "Zwar außer Atem, aber stolz" sei er nach seiner Erstbezwingung des Müllerleifelsens gewesen. Doch wen die Lust an der Leistung gepackt hat, den können die bescheidenen Friedrichsthaler Gipfel kaum zufriedenstellen. Ein erster Ansturm auf den 2713 Meter hohen Watzmann in Österreich scheiterte, beim zweiten schaffte er es dann hechelnd mit trockenem Hals, Übelkeit und Krämpfen.

          Dort droben erfuhr er nicht nur, "daß der Mensch im Vergleich zur Natur und ihrer Kraft nur ein kleines, hilfloses Wesen ist", sondern auch, daß er selbst wesentlich kräftiger werden mußte. Fitneßtraining und regelmäßiges Joggen in den heimischen Wäldern, eine erste Teilnahme beim Frankfurter Stadtmarathon - langsam verlegte er sich auf lange Distanzen. Er joggte 70 Kilometer zur Loreley, dann bei Schnee und Hagel rund um den Chiemsee, auch von der Wasserkuppe zum Großen Feldberg. Die 225 Kilometer von Luxemburg nach Finsternthal bewältigte er unter widrigen Umständen: Erst einmal verlief er sich in der Hauptstadt des Fürstentums, weil er keinen Stadtplan dabei hatte und ihm sein Ehrenkodex verbot, Passanten nach dem Weg zu fragen. Kurz vor Ende der Tour verbiß sich dann ein Rauhaardackel in seinen Knöchel. Nachdem er sich mit ein paar Tritten des Kläffers entledigt hatte, konnte er seinen 33-Stunden-Lauf in Finsternthal planungsgemäß abschließen. Von Energiepräparaten will Wischmann auf solchen Touren nichts wissen. Daheim verschmähe er weder Steaks noch Naschzeug, wegen des hohen Energieumsatzes durch die ständigen Läufe ist er ein Haut-und-Knochen-Typ geblieben. Um fit zu bleiben, joggt er mehrere Tage 20 Kilometer, legt dann eine Marathondistanz ein und gönnt sich einen Tag Ruhe. Möglichst viele Steigungen sollen auf der Strecke liegen, und am Ende folgen Klimmzüge und Liegestützen.

          Rund 5000 Kilometer legt er nach eigener Schätzung übers Jahr zurück, im nächsten Jahr wird er dann seit Beginn seines regelmäßigen Lauftrainings einmal die Erde umrundet haben. Nachdem er nun die marokkanische Wüste hinter sich hat, geht es wieder in moderate Breiten. Als nächstes tritt er beim Tiroler Bergmarathon in Galtür an, den er schon ein paarmal absolviert hat: "Das ist nichts Neues für mich."

          JOHANNES LATSCH

          Weitere Themen

          Kalt erwischt

          Eisbaden in Finnland : Kalt erwischt

          Die spinnen, die Finnen: Wenn Eis, Schnee und Dunkelheit Finnland im Griff haben, setzen sie noch eins drauf und steigen ins kalte Wasser. Das soll entspannen und gesund sein?

          Topmeldungen

          Eine Intensivpflegerin versorgt auf der Intensivstation im Krankenhaus in Braunschweig einen an Covid-19 erkrankten Patienten.

          Coronapolitik und Experten : Wenn die Willkür viral geht

          Eine Infektion mit dem Omikron-Virus verläuft öfter milde. Dennoch erweist sich die neue Welle für die Politik und ihre Ratgeber zunehmend als Gift. Gibt es eine Deutungshoheit um die beste Strategie?
          El Salvadors Präsident Nayib Bukele im November 2021

          El Salvador : Ein Präsident im Bitcoin-Rausch

          Nayib Bukele trägt gerne Baseballmützen und nennt sich „CEO von El Salvador“. Als Zahlungsmittel hat der autoritäre Präsident eine Kryptowährung durchgesetzt. Benutzt wird sie schon am „Bitcoin-Beach“.