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Fotografie : Die Melancholie des Maisfelds

  • -Aktualisiert am

Adventsbrauch in Bischofswiesen im Landkreis Berchtesgadener Land. Bild: Sebastian Beck

Eine Fotoausstellung in Burghausen dokumentiert ein unbekanntes Bayern abseits der Klischees. Sie zeigt ein rauheres, einsameres, skurriles, ja manchmal auch hässliches Land.

          „Zeitlang“ ist ein schönes altes bairisches Wort, das vieles bedeuten kann: Heimweh etwa, Sehnsucht nach einem vertrauten Ort, nach einem geliebten Menschen; aber auch diese besondere Langeweile an einem Sommertag, wenn alle anderen verreist sind und die Stunden zäh unter einer verblichenen Markise in einem Garten auf dem Land verrinnen.

          „Zeitlang – Erkundungen im unbekannten Bayern“ heißt jetzt die Ausstellung mit Fotos von Sebastian Beck und Texten von Hans Kratzer, die derzeit im Haus der Fotografie in Burghausen zu sehen ist, hoch oben in der längsten Burganlage Europas. Der Ort könnte besser nicht gewählt sein, und zwar nicht nur, weil sich die Rosenbüsche so verschwenderisch die Festungsmauern hinaufranken, weil der Blick tief hinab geht auf die grüne Salzach oder weil hier eine prachtvolle Altstadt von der einstigen Bedeutung als Salzhandelsstadt und zweite Residenz der niederbayerischen Herzöge kündet.

          Passend gewählt ist der Ort auch, weil Burghausen im hintersten östlichen Winkel Bayerns an der österreichischen Grenze liegt und damit trotz seiner Vitalität, trotz Jazzfestival, trotz Superlativ-Burg eher zu den unbekannteren Schönheiten Bayerns gehört. Und genau um die geht es den beiden Journalisten, die eben nicht das Klischeebild von Alpen, Oktoberfest und Dirndl pflegen, sondern ein rauheres, einsameres, skurriles, ja manchmal auch hässliches Land zeigen wollen.

          Was es bedeutet, ein Einödbauer zu sein

          Dabei sind sie vor allem im Osten Bayerns fündig geworden, den sie beide gut kennen. Hier existiert sie noch, diese Welt, nach der man heute fast schon Zeitlang haben kann, weil sie im Verschwinden begriffen ist; eine kleine, aber eben auch überschaubare Welt, in der Kirche und Wirtshaus jahrhundertelang ganz selbstverständlicher Mittelpunkt eines oft von Entbehrungen geprägten Lebens waren. Die Fotos von Sebastian Beck widmen sich dem vermeintlich Unbedeutenden, dem Alltag und Menschen wie dem Feuerwehrmann beim Festumzug im Wallfahrtsort Altötting, den Metzgerinnen, die sich konzentriert der Wurstproduktion widmen, der Wirtin und Dichterin Josefa Singer aus dem oberpfälzischen Bayrisch Häusl in ihrer Küche.

          Ein Blick für Originale: Festzeltboxer. Bilderstrecke

          Was es bedeutet, im niederbayerischen Rottal ein Einödbauer ohne Frau zu sein, begreift, wer das Porträt des Johann Muselmann betrachtet, der in seinem grünen Arbeitsoverall am Tisch sitzt, tiefe Furchen im Gesicht, die Hände auf der Plastiktischdecke verschränkt, auf dem Fensterbrett im Hintergrund ein Bügeleisen. Und die ganze Tragik einer Jugend auf dem Land ist eingefangen in dem Foto, das eine einsame Bushaltestelle am Rand eines Maisfeldes zeigt.

          Das Schweigen, das die Häuser umgibt

          Eine leise Melancholie liegt über diesen Bildern, ein Mitfühlen mit der Verlassenheit von Landstrichen, die sich entvölkern, während der Großraum München in wirtschaftlichem Erfolg, Verkehr und Mietenirrsinn zu ersticken droht, während gegen eine dritte Startbahn am Münchner Flughafen gekämpft wird und sich täglich mehr Baumärkte, Logistikzentren und Discounter ins Land hineinfressen. Beck beobachtet, wie die Kirche des kleinen Dorfes Lindum fast in der Baustelle der Autobahn zu versinken scheint, die gerade quer durch das einst idyllische ostbayerische Isental geschlagen wird. Wie ein Spargelfeld ganz in Plastikfolie gewickelt daliegt und Windkraftanlagen eine schier surreale Macht entfalten. Er dokumentiert die verlassenen Hochöfen des einstigen oberpfälzischen Stahlwerks Maxhütte ebenso wie ein Schaufenster in der Region, in dem nur noch eine einsame traurige Rose in einer Vase vor einem geschlossenen Vorhang zu sehen ist. „Die Häuser umgibt ein großes Schweigen“, heißt es in einem der Texte von Hans Kratzer.

          Als Abgesang auf Bayern ist die Ausstellung trotzdem nicht gemeint. Der Betrachter merkt, mit welcher Freude und mit wie viel Humor hier bayerische Originale in Wort und Bild in Szene gesetzt werden – ob das der Schwergewichtsboxer im Bierzelt in Simbach am Inn ist oder die Darsteller der Landshuter Hochzeit in ihren Kostümen, deren Porträts mit einem Augenzwinkern inszeniert werden wie die der italienischen Renaissancemaler. Ein Bayern, in dem sich alle vier Jahre Bankangestellte, Lehrer und Ärzte die Haare und Bärte wachsen lassen, um in wochenlangem Ausnahmezustand an die Hochzeit einer polnischen Königstochter mit einem bayerischen Herzogssohn im Jahre 1475 zu erinnern – ein solches Bayern wird noch lange Stoff für ungewöhnliche Entdeckungen bieten.

          „Zeitlang – Erkundungen im unbekannten Bayern.“ Haus der Fotografie im Dr. Robert Gerlich-Museum, Burghausen; bis 11. August. Geöffnet dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr.

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