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Baumhäuser : Wipfelleben

Im Baumhaus auf Stelzen thront man über den Dingen und den Wasserfällen der Franche-Comté Bild: Sonja Kastilan

Ein Refugium für Romantiker und echte Naturliebhaber: Die Baumhäuser in der Franche-Comté verändern den Blick - auf die Welt, den Wald und auf den Regen.

          3 Min.

          Den strömenden Regen hatten wir an der deutsch-französischen Grenze abgehängt. Auf der A36, La Comtoise, fuhren wir vom Elsass in die Franche-Comté, sangen mit Zaz lautstark „Je veux!“ und freuten uns zu früh. Im Städtchen Arbois, wo man sich dieser Region herrlich in Form von Chardonnay oder Crémant nähern könnte, goss es abermals. Und bevor diese Reise richtig begann, hatte sie uns ihren Rhythmus vorgegeben: Denn in den kommenden Tagen ließ der nächste Wolkenbruch nie lange auf sich warten und stellte unsere Pläne in Frage.

          Sonja Kastilan
          Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wir wollten den Städten entfliehen und das Wochenende möglichst draußen verbringen. Wandern. Paddeln. Rad fahren. Aber wenn möglich ohne Gummistiefel. Und kurz vor dem Ziel stellte sich die Frage: Was suchen wir im Wald, in einem Baumhaus, wenn es wie aus Eimern schüttet?

          Gegen Abend erreichen wir Syam, eine Ortschaft am Rande des „Parc naturel régional du Haut-Jura“. Mit Wasserkraft wurde hier einst ein lukratives Eisenwerk betrieben, und Le Domaine, das herrschaftliche Anwesen am Ufer des Ain, ist unser Domizil. Nicht die Gästezimmer im Wohngebäude vom Anfang des 19. Jahrhunderts, sondern die „cabanes“: In den Park englischen Stils haben die heutigen Eigentümer Thierry, Philippe und Jean-Paul - gestandene Männer um 50, 60 und 70 - acht Baumhäuser gesetzt als Refugium für Romantiker oder Naturliebhaber.

          Der Nachhall des Regens in den Bäumen

          Manche der Holzkonstruktionen sitzen auf Stelzen, andere bis zu 15 Meter über der Erde und sind nur über Hängebrücken zu erreichen. Während wir Philippe vom „ancien château“ zu den Hütten folgen, ist ein sanftes Prasseln zu vernehmen. Tropfen, die aufs Laub prallen, von Blatt zu Blatt springen - wie ein Echo verliert sich der Schauer im dichten Kronendach. Auf dem kurzen Weg bleiben wir trocken und sind trotzdem froh, dass uns das Baumhaus „La Pervenche“ mit molliger Wärme empfängt. Philippe, der es sich nicht nehmen lässt, die Bettwäsche zu tragen, hatte vorgeheizt und versucht noch, den Fernseher gegen das schlechte Wetter in Stellung zu bringen, bevor er uns alleine lässt. Wir schalten das Gerät sofort wieder aus, kochen Tee, reden uns gut zu: „Im Moment fällt kein Regen, das wird schon werden.“ „Wenn nicht, bleiben wir einfach hier.“

          Blick in die Baumkronen Bilderstrecke
          Blick in die Baumkronen :

          Die Hütte wirkt mit ihrer Küchenzeile und dem winzigen Bad, als brauchte man nicht mehr. Sie ist gemütlich und funktional, ein Traum für Kinder, aber auch für Erwachsene, wenn sie wie wir nach einem Wiesenspaziergang am Fluss müde ins Stockbett klettern, statt die Schlafcouch auszuklappen.

          Am Morgen ist es trüb. Alles klingt nach Regen, doch dieses Mal täuscht der Nachhall in den Bäumen. Schrecklich nass sollte es erst am nächsten Tag werden, aber das wussten wir ja nicht, als wir zum Frühstück in einem der Nebengebäude schlendern. Für Kaffee, Croissants, Baguette und Konfitüre bleibt wenig Zeit, auf dem Programm stehen ein paar kleine Seen. Aber zuerst die Cascades du Hérisson, also wieder das feuchte Element, das sich auf spektakuläre Weise seinen Weg durchs Gelände bahnt, um dann bis zu 65 Meter in die Tiefe zu stürzen. Dreißig Minuten soll die Fahrt von der Domaine de Syam dauern, wir brauchen länger. Eigentlich immer, egal mit welchem Ziel. Vielleicht weil Ortskundige den Landstraßen eher vertrauen, die Strecken im Schlaf kennen oder jedes Tempolimit missachten.

          Bei Sonnenschein kann es nicht schöner sein

          Bei besserer Witterung spazieren vermutlich Herden von Touristen auf den befestigten Pfaden. Heute treffen wir in dreieinhalb Stunden nur wenige Menschen auf einer Strecke, die der mitgebrachte Wanderführer immerhin als eine „Top-Tour“ im französischen Jura preist. Dabei ist diese Mittelgebirgsregion kaum als Reiseziel bekannt, obwohl es genug Abwechslung bietet. Wir könnten im Lac de Chalain schwimmen, die Schluchten und Quellen von Ain oder Loue erkunden und 1720 Meter hohe Gipfel besteigen. Könnten - ein verregneter Konjunktiv.

          Wir tragen festes Schuhwerk, wie es auch Warnschilder fordern. Etwas übertrieben alarmistisch, zumal sich die meisten Ausflügler mit dem höchsten Wasserfall am Saut de L’Éventail begnügen, denn der Parkplatz ist nicht weit. Sie dringen nicht in den Wald vor, zu den anderen Kaskaden, verpassen die Ruinen einer alten Mühle und übersehen sowohl Knabenkraut als auch Waldvöglein. So bleibt uns die Stille am Bach, wir betrachten einsam die von Moosen überwucherten Bäume und sind uns sicher, dass es bei Sonnenschein gar nicht schöner sein kann.

          Es ist ein Spaziergang, keine Herausforderung, den wir nachmittags am Lac d’Ilay fortsetzen, bis schwarzgraue Wolken uns zurück zum Auto treiben. Vier Seen könnte man auf 14 Kilometern umrunden, wir schaffen gerade mal einen und nehmen die Serpentinenstraße zum Pic de l’Aigle, um das Plateau mit seinen teils moorigen Wasserlandschaften wenigstens von oben in seiner Fülle erfassen zu können. Aus 993 Metern Höhe zeigt sich uns ein hügeliges Terrain in sattem Grün, mit tiefen Einschnitten, wie sie zum Beispiel der Hérisson unverkennbar ins Gestein fräste. Wasser und Wald - davon herrscht in der Franche-Comté augenscheinlich kein Mangel.

          An der Frühstückstafel treffen wir auf Sonia und Laurent, die sich übers Wochenende in Syam einquartiert haben. Mit Baby, deshalb schlafen sie im Haus, nicht versteckt zwischen Bäumen. Wir plaudern, haben Zeit. Schier unaufhörliche Regenfluten zwingen uns alle, nach Alternativen zu suchen. Die mittelalterliche Anlage von Nozeroy wird uns empfohlen, und nachmittags gibt es Führungen im Château de Syam - der Villa Palladienne, die der Besitzer des Eisenwerkes 1826 als neue Residenz errichten ließ. Während dort schon die ersten Gäste einer Hochzeitsgesellschaft eintreffen, stehen wir beeindruckt in der Bibliothek, deren Regale einmal bis zu 36 000 Bücher beherbergten: das Paradies an einem Regentag. Auf einem Tisch liegt „L’Année terrible“ von Victor Hugo - wir lachen, so fühlt sich 2013 für uns Baumhausbewohner keineswegs an. Als wir am nächsten Morgen packen, bricht die Sonne durchs Laub.

          Der Weg ins Baumhaus

          Anreise Mit dem Flugzeug nach Genf (zum Beispiel mit Easyjet ab Berlin, mit Lufthansa ab Hamburg, Frankfurt oder München) und weiter mit dem Mietwagen oder mit dem Auto über Mulhouse nach Besançon und dann über Champagnole nach Syam.

          Schlafen im Baumhaus „Les Cabanes“ sind acht Baumhäuser in der Ortschaft Syam. Die komfortablen Holzhütten haben bis Ende November geöffnet. Zwei Übernachtungen für zwei Personen ab 300 Euro. Mehr unter www.cabanesdujura.com.

          Allgemeine Informationen zur Region unter www.jura-tourism.com und www.franche-comte.org. Diese Reise unterstützte das Fremdenverkehrsamt Franche-Comté.

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