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Kneipp in Bad Wörishofen : Der Guru mit der Gießkanne

  • -Aktualisiert am

Einst ein verlachter Wunderdoktor, haben Sebastian Kneipps Anwendungen bis heute Bestand. Bild: Picture-Alliance

Sebastian Kneipp wurde einst als Wunderdoktor verehrt und behandelte sogar Päpste. Dass seine Methoden noch immer funktionieren, kann man im Kloster in Bad Wörishofen am eigenen Leib erleben.

          Eine dunkle Gestalt hastet in der Winternacht am Ufer entlang. Ihr Gesicht glüht vom Fieber. Sie bleibt stehen, schaut sich kurz um, zögert einen winzigen Augenblick. Dann wirft sie den weiten Mantel ab und steigt unbemerkt in die eiskalte Donau. Schon wenige Sekunden später aber taucht sie wieder aus den Wellen auf, schlüpft in ihr Gewand und verschwindet in der Dunkelheit, wie sie gekommen ist. Es ist kein Selbstmörder, den der Mut verlassen hat, sondern Sebastian Kneipp, Student der Theologie, lebensbedrohlich erkrankt an Lungentuberkulose. Die Ärzte haben ihn schon aufgegeben, da fällt ihm ein Büchlein über die Heilkraft des Wassers in die Hände. Er hat nichts mehr zu verlieren, mit dem Mut der Verzweiflung unternimmt er nun die geheimnisvollen nächtlichen Bäder. Und siehe da, das Fieber sinkt, von Tag zu Tag kehren die Kräfte zurück, der Junge wird schließlich ganz gesund. Viele Jahre später, längst ist er mit der Leitung eines Klosters betraut, erinnert sich Kneipp an dieses Erlebnis und wendet die Wasserkur bei Kranken an. Als Spinner verlacht, als Kurpfuscher von der Ärzteschaft vor Gericht gezerrt, setzt sich seine Methode dennoch allmählich durch und genießt heute weltweite Anerkennung. Vielleicht sollte man es ja einmal selbst versuchen. Dann aber am besten dort, wo alles begann: im Kloster von Bad Wörishofen.

          Die eiserne Pforte geht erst nach mehrfachem Klingeln auf. Die Dame am Empfang ist freundlich, macht dem Ankömmling aber eines gleich klar: „Dies ist kein Wellness, sondern eine Kneippkur.“ Und die beginnt früher als geahnt. Nachts um halb vier öffnet sich lautlos die Zimmertür, und ein dienstbarer Geist huscht in der Dunkelheit herein. Eine warme, wohlriechende Heublumenpackung schiebt er dem schlaftrunkenen Kurgast in den Rücken, legt ein kaltes Läppchen auf das Herz, wickelt ein Laken um den Leib und ist schon wieder verschwunden. Man fällt zurück in den Schlaf und träumt, man läge auf einer Blumenwiese in der Sonne. Dann aber klingelt der Wecker.

          Noch vor dem ersten Tageslicht ist es Zeit für die Frühgymnastik. Geleitet wird sie von Frau Frischauf, und ihr Name ist Programm. Mit kernigen Sprüchen und klaren Kommandos bringt sie die noch bettschwere Gruppe auf Trab. „Wer will hier Gymnastik machen, Sie oder ich?“, ruft sie fröhlich, und nach einer halben Stunde ist auch der letzte Träumer hellwach und gut gedehnt. Im Gänsemarsch geht es danach hinaus in den Klostergarten, in dem wir wie Störche mit hochgezogenen Beinen barfuß über den schneebedeckten Rasen staken. „Kneipp muss kneifen“, meint unsere Lehrerin lakonisch, und das tut es auch kräftig!

          Er war ein Mann des Volkes

          Wenig anders muss es den ersten Gästen ergangen sein, wie alte Fotos beweisen. Sie zeigen vornehme Herrschaften mit Hut, Brille, Schnurrbart und Jackett – aber in kurzen Hosen. Sie stehen in einem Bachlauf bis zu den Knien im Wasser. Ein Knabe gießt aus einer Zinnkanne zusätzlich kaltes Wasser über die Beine. Professioneller waren da schon die Anwendungen im Badehaus. Wohlbeleibte ältere Herren, weißhaarig und mit reichlich Bauch, stehen kerzengerade, während ein Badehelfer den kalten Wasserstrahl aus einem Schlauch auf ihren Rücken spritzt. Lachen oder schreien sie? Im Hintergrund beugt sich ein Patient über eine Wanne, man schüttet Wasser über ihn, sein Blick wirkt sehr skeptisch. Was erwartet dann wohl uns?

          Darstellung der Kneipp-Anwendungen aus Bilz Grosser Hausbibliothek, 1901.

          Die erste Überraschung ist Schwester Johanna. Die zweiundachtzig Jahre alte Nonne leitet die Badeabteilung, und ihr Ornat ruft uns ins Bewusstsein, dass wir hier in einem Kloster sind. Zwar wurde Sebastian Kneipp als „Wasserdoktor“ weltberühmt, in erster Linie war er jedoch katholischer Geistlicher. Am 2. Mai 1855 wurde Kneipp als Beichtvater in das Kloster Wörishofen beordert. Er hatte einen klaren Auftrag: Neben der Seelsorge für Nonnen und Gemeinde sollte er das bankrotte Kloster wirtschaftlich wieder auf Vordermann bringen. Einen Besseren hätte man für diese Aufgabe kaum finden können. Kneipp war kein abgehobener Theologe, sondern ein Mann des Volkes. Der Sohn bitterarmer Weber aus dem Allgäu hatte schon früh mit anzupacken. „Mit zwölf Jahren musste ich täglich fünf Ellen Leinwand weben, wozu ich von morgens früh bis abends brauchte“, schreibt er in seinen Erinnerungen. Hier in Wörishofen war sich der Kaplan nicht zu schade, auf Viehmärkte zu fahren und höchstpersönlich Kühe für das Kloster auszusuchen. Er entwarf ein Entwässerungssystem für die nassen Wiesen, veredelte die Obstbäume und wurde ein international anerkannter Imker. Doch das Wasser ließ ihn nicht los. Den blassen Nonnen verordnete er Wassertreten, kranke Gemeindeglieder behandelte er mit Güssen. Jetzt sind wir an der Reihe.

          „Güsse aufs Maul“ vom Pfarrer

          Die Bäderabteilung des Klosters ist hell und warm, seit hundertfünfzig Jahren scheint die Zeit hier stillzustehen. In unserer Kabine steht eine Badewanne, in die Schwester Johanna einen Holzschemel stellt. Nach kurzer Befragung entscheidet sie sich gegen den Oberkörperguss, den „König der Güsse“, wie Kneipp ihn nannte. Dieser Kelch geht schon einmal an uns vorüber. Stattdessen erfolgt nun der Armguss. Im Stehen müssen wir uns vornüber in die Badewanne beugen und auf dem Schemel abstützen. Dann werden die Arme nacheinander ganz langsam von unten nach oben bis zur Schulter mit warmem Wasser aus dem Schlauch begossen, erst der rechte, dann der linke. Danach erfolgt dieselbe Prozedur, dieses Mal jedoch mit kaltem Wasser.

          „Dies ist kein Wellness, sondern eine Kneippkur.“

          „Schön durchschnaufen“, hören wir Schwester Johanna sagen, und tatsächlich bleibt uns kurz die Luft weg, weil das kalte Wasser für einen kleinen Schock sorgt. Vom Bücken bei der Anwendung ist der Kopf heiß geworden, deshalb gibt es noch eine kalte Gesichtsspülung hinterher – „Güsse aufs Maul“ nannte der alte Pfarrer das. Danach aber tritt eine wohltuende Wärme im ganzen Körper ein. Gemäß der Philosophie von Sebastian Kneipp soll jede Anwendung auch Zuwendung sein. Das spürt man bei Schwester Johanna deutlich. Wenn sie den Guss verabreicht, scheint das Wasser besonders sanft zu fließen. „Alt und buckelig“ sei sie inzwischen, sagt sie mit leiser Stimme, „aber meine Arbeit möchte ich machen, solange es geht.“

          „Da muss man sich die Nase zuhalten beim Trinken“

          Wasser und Wickel – das klingt banal, doch ihre Wirkung war enorm. Kneipps Ruf als Wunderdoktor verbreitete sich in Windeseile. Erzherzog Joseph von Österreich war schon bald Stammgast. „Meine Wasserkur“, 1886 erschienen, wurde ein weltweiter Bestseller und in siebzehn Sprachen übersetzt. Aus dem „Weberbastl“ wurde ein Weltstar. Ende 1893 ließ sich sogar Papst Leo XIII. von Kneipp behandeln und ernannte ihn zum Päpstlichen Geheimkämmerer. Noch heute kann man in einer Vitrine des örtlichen Museums die grüne Gießkanne aus Zinn bewundern, aus der der Statthalter Gottes seine kalten Güsse erhielt. Immerhin wurde er dann auch dreiundneunzig Jahre alt. Bad Wörishofen blühte auf, Heilsuchende aus ganz Europa kamen her. Adlige, Geschäftsleute und Berühmtheiten brachten Geld in den Ort. Schon im Jahr 1893 zählte Wörishofen dreiunddreißigtausend Kurgäste und mehr als hunderttausend „sonstige Zuläufer und Passanten“, wie es in alten Chroniken heißt.

          „Schön durchschnaufen“: Kurort Bad Wörishofen

          Die beherrschen bis heute das Straßenbild. Zwischen den Anwendungen schlendert der Kurgast durch die Fußgängerzone, vorbei an der Kneipp-Apotheke und der Kneipp-Buchhandlung, hin zum Stadtbrunnen, bei dem ein überlebensgroßer Sebastian Kneipp das Treiben im Blick hat. Die Schaufenster locken mit Mode, Schmuck und allerlei Krimskrams, im Winter sind Krippen der große Renner. Wer aber vorausschauend an den Frühling denkt, kauft sich vielleicht die „Kneippsandale, handgefertigt“. „Die Freiheit für Ihre Füße“ sieht zwar ausgesprochen schlicht aus, kostet aber beachtliche hundertneunzig Euro. Die Cafés und Bistros sind gut besucht, beim Bäcker steht man Schlange. Zwischen Frühstück und Mittagessen macht sich in der Kurstadt offenbar ein großer Hunger breit. Dabei ermahnt Vater Kneipp vom Plakat herab: „Wenn du merkst, du hast gegessen, hast du schon zu viel gegessen.“ Das lässt Böses ahnen. Ist Schmalhans unser Küchenmeister?

          Beim Trinken besser die Nase zuhalten

          Der Speisesaal im Kloster ist einfach und schmucklos. Jeder Gast bekommt seinen Platz zugewiesen, was im ersten Moment befremdlich wirkt, aber Sinn ergibt. Unweigerlich kommt man ins Gespräch mit seinen schicksalhaften Tischnachbarn und erlebt dabei manche Überraschung. Schwester Klaudia neben uns trägt zwar ihre dunkle Ordenskluft, ist aber keine graue Maus, sondern ganz pfiffig am Start. Da sie schon ein paar Tage hier ist, hat sie einen wertvollen Erfahrungsvorsprung. Den Apfel-Rote-Bete-Saft zum Vortisch legt sie uns wärmstens ans Herz, aber Vorsicht, wenn der Smoothie aus Traube und Kohlrabi umgeht. „Da muss man sich die Nase zuhalten beim Trinken“, warnt sie mit einem Augenzwinkern. Wie erwartet, fällt die Speisekarte sehr gesund aus. „Wenig vom Tier“, war Kneipps kulinarische Devise, und so ist jeder Vegetarier hier gut aufgehoben.

          Wassertreten in Bad Wörishofen um 1935.

          Rohkost und Salate stehen auf dem Buffet zur Auswahl, als Vorspeise wird eine „Suppe mit Vollkornkörnern“ serviert. Die Kichererbsenpaste mit Curry auf Pumpernickel hat eine feine Schärfe und erweist sich als beachtliche Delikatesse, wie man sie eher in einem guten Restaurant erwartet hätte. Zudem wird niemand zu seinem Glück gezwungen. Alternativ zum gebratenen Hafertaler mit englischem Rettich werden Rouladen mit Bohnen und Kartoffelbrei gereicht. Und das Küchlein zum Dessert, in dessen Innerem sich heiße flüssige Schokolade verbirgt wie köstliche Magma, ist die reine Sünde. Danach merken wir, dass wir etwas gegessen haben, und denken mit schlechtem Gewissen an Kneipps Spruch vom Vormittag. Aber war nicht der Pfarrer selbst wahrlich beleibt und den irdischen Genüssen zugetan? Beruhigt genehmigen wir uns einen Spätburgunder „Alde Gott“ und ein Klosterschnäpsle.

          Nicht nur Verdauungsruhe macht sich jetzt breit. Es ist die klösterliche Stille. Im Kreuzgang ist nichts zu hören außer dem Echo der eigenen Schritte. „Memento Mori“, flüstert das Gerippe auf der Holzklappe. Öffnet man sie, findet der Neugierige dahinter die sorgfältig in alter Handschrift niedergelegten Namen und Sterbedaten aller Nonnen des Klosters. Die Tür zur Kapelle öffnet sich mit leisem Quietschen, doch dahinter ist es dunkel. Gerade als wir sie wieder schließen wollen, spricht eine Stimme aus der Finsternis: „Kommen Sie nur herein.“ Die wenigen Nonnen, die noch leben, sind im stillen Gebet versammelt. Es ist so ruhig, dass man die Zeit verrinnen hört. Alle Viertelstunde nur läutet die Glocke der Klosteruhr.

          Skurrile Verehrung

          „Vergesst mir die Seele nicht“, hatte Kneipp seine Schüler einst beschworen. „Erst als ich Ordnung in die Seelen der Menschen brachte, besserten sich auch die körperlichen Gebrechen“, stellte er fest und war mit diesem psychosomatischen Ansatz seiner Zeit weit voraus. Psychohygiene, mentaler Ausgleich, innere Balance sind die heutigen Schlagwörter. Sebastian Kneipps spirituelles Angebot war das Gebet, längst bietet das Kloster auch Meditation und fernöstliches Qigong gegen Stress, Reizüberflutung und Burnout an. Aber allein schon die Tatsache, dass das Klostertor abends geschlossen wird, es kein Internet und auf den Zimmern keinen Fernseher gibt, tut Wunder. Ruhe kann eintreten und innere Zufriedenheit.

          So lässt sich vielleicht die Verehrung für Kneipp verstehen, die in Bad Wörishofen fast schon skurrile Ausmaße annimmt. Ein eigenes Museum dokumentiert die Stationen seines Lebens, vom Webersohn über den weltberühmten Arzt bis hin zu medizinischen Aufzeichnungen der letzten Lebensstunden. Auf dem Friedhof erhebt sich sein Mausoleum, darin ein Sarkophag aus schwarzem Granit mit einer Deckplatte aus weißem Marmor wie für einen mächtigen Herrscher. Auf dem Deckenfresko der Gemeindekirche entdecken wir Sebastian Kneipp in Himmelssphären, in der linken Hand hält er ein Buch, die rechte Hand ist zum Segen erhoben wie bei einem Heiligen. Eher gerecht wird dem Wasserdoktor das versteckte Denkmal aus rosa Marmor im Kurpark. Kneipp und sein engster Mitarbeiter halten gemeinsam ein Buch hoch. Auf der linken Seite steht „Mein Testament“, auf der rechten Seite erkennt man – eine Gießkanne.

          Kneipp-Oase

          Informationen: Kuroase im Kloster, Klosterhof 1, 86825 Bad Wörishofen, Telefon: 0 82 47/9 62 30, www.kuroase-im-kloster.de.

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