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Kneipp in Bad Wörishofen : Der Guru mit der Gießkanne

  • -Aktualisiert am
Wassertreten in Bad Wörishofen um 1935.

Rohkost und Salate stehen auf dem Buffet zur Auswahl, als Vorspeise wird eine „Suppe mit Vollkornkörnern“ serviert. Die Kichererbsenpaste mit Curry auf Pumpernickel hat eine feine Schärfe und erweist sich als beachtliche Delikatesse, wie man sie eher in einem guten Restaurant erwartet hätte. Zudem wird niemand zu seinem Glück gezwungen. Alternativ zum gebratenen Hafertaler mit englischem Rettich werden Rouladen mit Bohnen und Kartoffelbrei gereicht. Und das Küchlein zum Dessert, in dessen Innerem sich heiße flüssige Schokolade verbirgt wie köstliche Magma, ist die reine Sünde. Danach merken wir, dass wir etwas gegessen haben, und denken mit schlechtem Gewissen an Kneipps Spruch vom Vormittag. Aber war nicht der Pfarrer selbst wahrlich beleibt und den irdischen Genüssen zugetan? Beruhigt genehmigen wir uns einen Spätburgunder „Alde Gott“ und ein Klosterschnäpsle.

Nicht nur Verdauungsruhe macht sich jetzt breit. Es ist die klösterliche Stille. Im Kreuzgang ist nichts zu hören außer dem Echo der eigenen Schritte. „Memento Mori“, flüstert das Gerippe auf der Holzklappe. Öffnet man sie, findet der Neugierige dahinter die sorgfältig in alter Handschrift niedergelegten Namen und Sterbedaten aller Nonnen des Klosters. Die Tür zur Kapelle öffnet sich mit leisem Quietschen, doch dahinter ist es dunkel. Gerade als wir sie wieder schließen wollen, spricht eine Stimme aus der Finsternis: „Kommen Sie nur herein.“ Die wenigen Nonnen, die noch leben, sind im stillen Gebet versammelt. Es ist so ruhig, dass man die Zeit verrinnen hört. Alle Viertelstunde nur läutet die Glocke der Klosteruhr.

Skurrile Verehrung

„Vergesst mir die Seele nicht“, hatte Kneipp seine Schüler einst beschworen. „Erst als ich Ordnung in die Seelen der Menschen brachte, besserten sich auch die körperlichen Gebrechen“, stellte er fest und war mit diesem psychosomatischen Ansatz seiner Zeit weit voraus. Psychohygiene, mentaler Ausgleich, innere Balance sind die heutigen Schlagwörter. Sebastian Kneipps spirituelles Angebot war das Gebet, längst bietet das Kloster auch Meditation und fernöstliches Qigong gegen Stress, Reizüberflutung und Burnout an. Aber allein schon die Tatsache, dass das Klostertor abends geschlossen wird, es kein Internet und auf den Zimmern keinen Fernseher gibt, tut Wunder. Ruhe kann eintreten und innere Zufriedenheit.

So lässt sich vielleicht die Verehrung für Kneipp verstehen, die in Bad Wörishofen fast schon skurrile Ausmaße annimmt. Ein eigenes Museum dokumentiert die Stationen seines Lebens, vom Webersohn über den weltberühmten Arzt bis hin zu medizinischen Aufzeichnungen der letzten Lebensstunden. Auf dem Friedhof erhebt sich sein Mausoleum, darin ein Sarkophag aus schwarzem Granit mit einer Deckplatte aus weißem Marmor wie für einen mächtigen Herrscher. Auf dem Deckenfresko der Gemeindekirche entdecken wir Sebastian Kneipp in Himmelssphären, in der linken Hand hält er ein Buch, die rechte Hand ist zum Segen erhoben wie bei einem Heiligen. Eher gerecht wird dem Wasserdoktor das versteckte Denkmal aus rosa Marmor im Kurpark. Kneipp und sein engster Mitarbeiter halten gemeinsam ein Buch hoch. Auf der linken Seite steht „Mein Testament“, auf der rechten Seite erkennt man – eine Gießkanne.

Kneipp-Oase

Informationen: Kuroase im Kloster, Klosterhof 1, 86825 Bad Wörishofen, Telefon: 0 82 47/9 62 30, www.kuroase-im-kloster.de.

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