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Kneipp in Bad Wörishofen : Der Guru mit der Gießkanne

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Darstellung der Kneipp-Anwendungen aus Bilz Grosser Hausbibliothek, 1901.

Die erste Überraschung ist Schwester Johanna. Die zweiundachtzig Jahre alte Nonne leitet die Badeabteilung, und ihr Ornat ruft uns ins Bewusstsein, dass wir hier in einem Kloster sind. Zwar wurde Sebastian Kneipp als „Wasserdoktor“ weltberühmt, in erster Linie war er jedoch katholischer Geistlicher. Am 2. Mai 1855 wurde Kneipp als Beichtvater in das Kloster Wörishofen beordert. Er hatte einen klaren Auftrag: Neben der Seelsorge für Nonnen und Gemeinde sollte er das bankrotte Kloster wirtschaftlich wieder auf Vordermann bringen. Einen Besseren hätte man für diese Aufgabe kaum finden können. Kneipp war kein abgehobener Theologe, sondern ein Mann des Volkes. Der Sohn bitterarmer Weber aus dem Allgäu hatte schon früh mit anzupacken. „Mit zwölf Jahren musste ich täglich fünf Ellen Leinwand weben, wozu ich von morgens früh bis abends brauchte“, schreibt er in seinen Erinnerungen. Hier in Wörishofen war sich der Kaplan nicht zu schade, auf Viehmärkte zu fahren und höchstpersönlich Kühe für das Kloster auszusuchen. Er entwarf ein Entwässerungssystem für die nassen Wiesen, veredelte die Obstbäume und wurde ein international anerkannter Imker. Doch das Wasser ließ ihn nicht los. Den blassen Nonnen verordnete er Wassertreten, kranke Gemeindeglieder behandelte er mit Güssen. Jetzt sind wir an der Reihe.

„Güsse aufs Maul“ vom Pfarrer

Die Bäderabteilung des Klosters ist hell und warm, seit hundertfünfzig Jahren scheint die Zeit hier stillzustehen. In unserer Kabine steht eine Badewanne, in die Schwester Johanna einen Holzschemel stellt. Nach kurzer Befragung entscheidet sie sich gegen den Oberkörperguss, den „König der Güsse“, wie Kneipp ihn nannte. Dieser Kelch geht schon einmal an uns vorüber. Stattdessen erfolgt nun der Armguss. Im Stehen müssen wir uns vornüber in die Badewanne beugen und auf dem Schemel abstützen. Dann werden die Arme nacheinander ganz langsam von unten nach oben bis zur Schulter mit warmem Wasser aus dem Schlauch begossen, erst der rechte, dann der linke. Danach erfolgt dieselbe Prozedur, dieses Mal jedoch mit kaltem Wasser.

„Dies ist kein Wellness, sondern eine Kneippkur.“

„Schön durchschnaufen“, hören wir Schwester Johanna sagen, und tatsächlich bleibt uns kurz die Luft weg, weil das kalte Wasser für einen kleinen Schock sorgt. Vom Bücken bei der Anwendung ist der Kopf heiß geworden, deshalb gibt es noch eine kalte Gesichtsspülung hinterher – „Güsse aufs Maul“ nannte der alte Pfarrer das. Danach aber tritt eine wohltuende Wärme im ganzen Körper ein. Gemäß der Philosophie von Sebastian Kneipp soll jede Anwendung auch Zuwendung sein. Das spürt man bei Schwester Johanna deutlich. Wenn sie den Guss verabreicht, scheint das Wasser besonders sanft zu fließen. „Alt und buckelig“ sei sie inzwischen, sagt sie mit leiser Stimme, „aber meine Arbeit möchte ich machen, solange es geht.“

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