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Ausgepackt : Schau den Schiffen nach

Den Frankfurter drängt es zum Ufer. Ist nicht ganz Karibik, aber fast. Bild: Hoang Le, Kien

Von Städten, die ihre Flüsse lieben, und solchen, die sie am liebsten einbetonieren würden.

          3 Min.

          Es gibt zwei Sorten von Städten: solche, die an einem Fluss liegen, und solche, die einfach nur so in die Landschaft geklatscht wurden. Und bei den Städten, die an einem Fluss liegen, gibt es auch zwei Sorten: solche, die ihren Fluss vor allem als Verkehrshindernis wahrnehmen, und solche, die ihn umarmen.

          Städte, die ihren Fluss nicht mögen, bemühen sich, seine Existenz zu verleugnen. Wenn der Fluss schmal genug ist, bauen sie eine Straße darüber oder ein paar Parkplätze. Es kommt dabei meistens ziemlich viel Beton zum Einsatz. Wenn der Fluss zu breit ist, um ihn zuzubauen, wird er mittels Wällen, Uferschnellstraßen oder gezielt eingesetzter Brachlandschaft so gut wie möglich verschanzt, damit sich kein Spaziergänger an sein ödes Ufer verirrt. Auch dabei kommt meistens ziemlich viel Beton zum Einsatz. Unschönes, das man nicht in der Stadt haben will, verbannt man ans andere Ufer, da ist es so gut wie verschwunden. Nur ein ignorierter Fluss, müssen die Menschen in diesen Städten denken, ist ein guter Fluss.

          Die Strategie, Unorte zu schaffen

          Ich verstehe solche Städte einfach nicht. Da ist man schon mit einem Fluss gesegnet, und dann sieht man ihn allerhöchstens als Verteidigungswall gegen Unbilden, im schlimmsten Fall aber als Einfallstor für allerlei Unangenehmes, das man nicht in der Stadt haben will, und ergänzt die mittelalterliche Wallanlage oder barocke Bastion noch durch eine neuzeitliche Betonfestung. Das unvermeidliche Ufer gestaltet man so menschenfeindlich, dass dort wirklich überhaupt gar niemand mehr hinwill außer drei Junkies und fünf Säufern, die sich unter der nächsten Brücke einfinden und die Büsche vermüllen. Mit genau dieser Strategie schafft man Unorte. Dabei haben das die Flüsse nun wirklich nicht verdient. Und anstatt lässig an einem Ufer zu sitzen und zu schauen, was so durchkommt, verschanzen sich die Bewohner flussfeindlicher Städte zwischen Mauern und in Höfen, sicher ist sicher, wer weiß, wer einen anfallen und einem das Bier wegnehmen könnte.

          Gute Städte - also solche, die ihr Ufer nicht als Ausweis ihrer Xenophobie gestalten - öffnen sich zum Wasser hin. Das sind Städte wie Hamburg oder Basel oder auch Frankfurt. Sie haben ein Ufer, an dem man flanieren kann, Cafés und Biergärten, Parks und viele Zugänge zum Wasser. In Basel lassen sich die Bewohner sogar ins Wasser fallen und ein paar hundert Meter stromab treiben, die Kleidung im wasserdichten Sack dabei, dann schwimmen sie ans Ufer, ziehen sich wieder an und spazieren weiter. Ein Fluss ist ein guter Ort zum Schwimmen, denn alles Unangenehme wird sofort weggeschwemmt - im Gegensatz zum Badesee, in dem das Wasser steht und sommers immer schmutziger wird.

          Schiffe brachten Wein, Passagiere und Neuigkeiten

          Ich habe das Glück, in einer Stadt zu wohnen, in der der Fluss, der hier Main heißt, im Sommer der Mittelpunkt des Lebens ist. Seine Ufer haben Spazierwege und Radwege, Parks und Liegewiesen. Es gibt Schiffe, auf denen man Würstchen essen oder Apfelwein trinken kann. Und es gibt ein Schiff, von dem herunter bis spätnachts Döner verkauft werden, und zwar an Kundschaft zu Wasser und zu Land. Man kann sich Tretboote leihen oder einem Ruderclub beitreten, Kanu fahren oder auf eigene Faust herumpaddeln. Man kann sich hinsetzen, die Beine über die Uferkante hängen lassen und den Frachtkähnen oder Kreuzfahrtschiffen nachsehen.

          Das ist keine neue Entwicklung freizeitorientierter Großstädter, das gab es in Frankfurt schon immer. Im 19. Jahrhundert wurde das südländisch anmutende „Nizza“ angelegt, eine Promenade voller Palmen und Kamelien und anderer mediterraner Pflanzen für die feine und nicht ganz so feine Gesellschaft. Denn dort unten am Wasser, geschützt von den roten Steinmauern, die niemals abweisend wirken mit ihren vielen Treppchen, ist es immer mild, dort findet der beißende Wind nicht hin. Und noch früher traf man sich am Zollturm, dort, wo es heute zum Römerberg hinaufgeht, denn da legten die Marktschiffe an, brachten Wein und Passagiere und Neuigkeiten mit. Da ging man gerne hin, auch wenn man keine Geschäfte zu erledigen hatte, einfach so aus Langeweile und Gelegenheit, und schaute, fragte, tratschte. Es ist vielleicht auch das Kennzeichen einer Handelsstadt, die in allem erst einmal eine Möglichkeit sieht, Geld zu verdienen, und nicht gleich den Verteidigungsfall.

          Neugier und immer ein bisschen Fernweh

          Die Lebenserfahrung zeigt, dass in Städten, die sich ihren Flüssen zuwenden, die Bewohner neugierig sind und immer ein bisschen Fernweh haben. Das ist bis heute so. An einem Sommerabend gibt es keinen besseren Platz als ein Stück Ufer, auf Sand oder auf Rasen oder Pflaster, völlig egal, dort sind alle anderen auch. Sie haben sich etwas mitgebracht oder besorgen sich irgendwo einen Äppler, egal, den gibt es ja überall, und gucken aufs Wasser. Und vom gegenüberliegenden Ufer aus gucken sie auf die Stadt.

          Das Flussufer ist einer der wenigen Orte, von denen aus eine Stadt sich selbst betrachten kann. Das ist vermutlich auch der Grund, warum sämtliche Touristen in Frankfurt und Basel und Paris zuallererst zu den Ufern und Brücken strömen. Denn von dort aus sieht man sich dem gesamten Panorama gegenüber, es ist immer der schönste Blick auf eine Stadt. Am Ufer wendet sie sich dem Durchfahrenden zu, macht sich für ihn fein und heißt ihn willkommen - ganz im Gegensatz zu den Städten, die sich einigeln und verstecken und abschotten, weil sie in allem, was von außen kommt, nicht den Gast, sondern den Feind wittern. In einer Stadt, die dem Fluss den Rücken zudreht, um sich zuallererst mit sich selbst zu beschäftigen, möchte ich nicht wohnen. Es kann nur eine Stadt ohne Neugier sein.

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