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Ausgepackt : Die hüpfenden Holländer

Muss in den Siebziger Jahren mal schick gewesen sein: Spielhölle mit aggressiver Comickatze. Bild: Andrea Diener

Wem globalisierte Businesshotels zu langweilig sind, der möge nicht verzagen: In Japans Hotels sind noch echte Abenteuer möglich.

          Nach ein paar Nächten in japanischen Businesshotels dachte ich, an einiges gewöhnt zu sein. Ich stand mehrere Minuten hilflos mit meinem Koffer auf dem einen Quadratmeter Bodenfläche, der zwischen Bett und Schreibtisch zum Herumstehen einlud, und überlegte, wo ich diesen Koffer nun hinlegen und aufklappen könnte.

          Meine Wahl fiel - nach einigen Drehungen um die eigene Achse - auf das Stück Boden, das unmittelbar vor der Toilette den Toilettenfußraum bildete und für dessen Betreten überall in Japan Toilettenschlappen bereitstehen, meistens aus Plastik mit einer niedlichen Comictoilette drauf, weil in Japan ja alles verniedlicht und comicisiert wird. Diese Schlappen würde ich nun nicht mehr brauchen, dachte ich, denn ich hatte meine Füße beim Benutzen der Toilette ohnehin im aufgeklappten Koffer abgestellt und würde daher den Boden des unreinen Raumes nicht berühren müssen und daher auch den unreinen Schmutz des unreinen Raumes mit dem reinen Schmutz des reinen Raumes nicht vermischen. Ich konnte die Schlappen - sie waren ja aus Plastik - also beruhigt in der Dusche abstellen, die zusammen mit dem Rest des Bades eine kunststofftechnisch gewiss interessante Kunststoffgussform bildete und mir bildlich vor Augen führte, warum Nasszellen auch Nasszellen genannt werden.

          Die Wasserorgel unter mir: Diese Toilette kann sogar oszillieren.

          Mit Drei-Schlappen-System durchs Strandhotel

          Mittlerweile hatte ich mich an die Toiletten gewöhnt: Ich saß in Plastikschlappen mit niedlichen Comictoiletten auf Sanitäranlagen mit Sitzheizung, Rauschgeräusch-Generator und einer wahren Wasserorgel unter mir, die mit unterschiedlicher Intensität aus unterschiedlichsten Richtungen wahlweise stetig oder oszillierend eine Art Unterkörperdusche veranlasste. Auch ein Föhn war oft eingebaut. Dieser Aufwand ist gewöhnungsbedürftig, hat aber den Vorteil, dass öffentliche Toiletten stets von vorbildlicher Reinlichkeit sind.

          Ich war also kulturell schon einigermaßen akklimatisiert, wenn man außer Acht lässt, dass ich ständig auf der Suche nach Zucker und Koffein war, denn ich kann am Morgen keine geräucherte Makrele essen und auch keine Fischeingeweide, keine saure Lotoswurzel und auch keine vergorenen Sojabohnen, die Fäden ziehen. Das geht alles erst ab Mittag. Sonst aber beherrschte ich souverän das Wichtigste, nämlich das Drei-Schlappen-System - Straße, Haus, Toilette -, als ich auf das interessanteste Hotel der Reise traf. Man empfing uns auf gut Deutsch als „Die Partei“, was auf Japanisch das gleiche Wort ist wie das für Gruppe. Es handelte sich um ein Strandhotel, was erst einmal vielversprechend klang. Es war zu kalt zum Baden, aber immerhin blieb die Aussicht. Und die Zimmer waren ganze zehn Tatamimatten groß. Das Gebäude selbst war exakt so alt wie ich und in diesen vierzig Jahren nicht renoviert worden, weil der Inlandstourismus in dieser abgelegenen Ecke nicht gerade floriert. Der Charme der siebziger Jahre manifestierte sich in Form von Kalkablagerungen im Bad, losem Putz und allgemein vorherrschendem Dunkelbraun. Wollte man irgendwo eine japanische Adaption von „The Shining“ drehen, dies wäre die richtige Kulisse.

          Die Rentner unter der Discokugel

          Ich hatte kurz Zeit, die heiße Quelle hinterm Haus zu besuchen. Ich schlappte in meinem Yukata, einem leichten Baumwollkimono, den anderen Yukataträgern hinterher und fand mich in etwas wieder, das aussah wie die Sammelumkleide damals beim Schwimmunterricht. Neonröhren, Stahlspinde und Hinweiszettel, die mit vergilbtem Tesafilm an die Wand geklebt waren und sich in der feuchtheißen Luft langsam wieder lösten. Eine Handtuchausgabe, besetzt von einer eher unfreundlichen Dame, die mich gestisch darauf hinwies, dass Handtücher gegen Gebühr aus dem Automaten zu ziehen seien.

          Der Weg zurück zum Zimmer führte durch einen unterirdischen Gang, in dem man Musikvideos von Queen oder David Bowie verlustfrei nachdrehen könnte, ein Discotraum in Dunkelbraun, an dessen Decke Neonröhren in Blau und Rot entlang zickzackten und sich in den Bodenfliesen spiegelten. Links sah man durch fleckiges Glas das Sushi fürs Abendessen herumschwimmen, rechts befand sich die Karaoke-Bar, die vollbesetzt war mit Rentnern im Yukata, die mir durch die getönte Scheibe freudig bedeuteten, ich solle mich doch ein wenig zu ihnen unter die Discokugel setzen. Ein paar Meter weiter vergnügte sich die zweite Gruppe, die aus koreanischen Schulmädchen bestand, yukatagewandet in der Spielhölle: Ein knalllila Billardtisch, daneben piepsende, qietschende, dudelnde Videospiele und ein blinkendes, hupendes Auto, in das man seinen Nachwuchs neben eine verbissen zähnefletschende Comickatze setzen kann, wenn er so etwas psychisch aushält.

          Zum Abendessen gibt es Trommler, Tänzer und Taschenkrebs. Die Partei ist entzückt.

          Die Partei sollte pünktlich um neunzehn Uhr zum Abendessen erscheinen, denn es gebe eine Show, hieß es. Und sie beschäftige sich mit der Landung der Holländer an der nahen Küste. Der zerschlissene Vorhang ging auf, und ein Mann und ein kleiner Junge in identischen sonderbaren Kostümen begannen zu tanzen. Ich hatte so ein seltsames Kostüm noch nie gesehen und schloss daraus, dass es sich um die japanische Hotelshowvariante eines niederländischen Gewandes aus dem siebzehnten Jahrhundert handeln musste. Ich hockte also in meinem Yukata an einem Tisch, trank Cola, weil ich so gleichzeitig das Zucker- und Koffeinproblem lösen konnte, hatte beide Hände in einem Krebs vergraben und vor mir führten zwei zur Unkenntlichkeit vermummte Gestalten sehr unterschiedlicher Größe einen Tanz auf, der im Wesentlichen darin bestand, zu wildem Getrommel auf einem Bein zu hüpfen. Die Partei fand es großartig und beschloss, sich nicht an das Fremde zu gewöhnen. Es ist viel spannender, wenn es fremd ist.

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