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Ausgepackt : Der Schrecken der Raumfahrtrückstände

Dieser Satellit beobachtet die Erde, zum Beispiel das Ozonloch. Einen Notausgang hat der Planet aber nicht. Bild: Röth, Frank

Vom Gewerbegebiet in den Orbit: Ein Kurzbesuch bei den Sternen und Satelliten in Darmstadt.

          4 Min.

          Wer beruflich viel reist, wie die Mitarbeiter dieses Blattes, der geht es im Urlaub gern ruhig an. Ich habe eine entspannte Woche in Frankfurt verbracht, das Wetter war eher durchwachsen, ich habe viel erledigt, und dann habe ich noch den Weltraum in Darmstadt besucht, wo ich ihn zunächst gar nicht vermutet hatte. Ich fuhr durch ein unwirtliches Gewerbegebiet zwischen Autobahn und Bahnhof, unwirtliche Gewerbegebietsgebäude türmten sich links und rechts der breiten Straße auf, die Robert-Bosch-Straße hieß, weil es in jedem deutschen Gewerbegebiet eine Robert-Bosch-Straße geben muss. Irgendwann kurz vor dem Wald, bevor die Straße Am Waldfriedhof heißt, weil es in jeder deutschen Stadt eine Straße geben muss, die Am Waldfriedhof heißt, hielt ich an. Denn hier stand ein Gebäudekomplex, dessen Schild mit European Space Operations Centre bezeichnet war.

          Es war eine lange ausstehende Einladung zweier Internetbekanntschaften, sie einmal bei der Arbeit zu besuchen. Denn in diesem unverdächtigen Gebäudekomplex in diesem unverdächtigen Gewerbegebiet bei Darmstadt werden alle europäischen ESA-Satelliten betreut. Von hier aus kann man sie mit Befehlen versorgen, ihre Roboterärmchen ausfahren lassen, man lässt sie Kometen jagen, die Erde und ihre Eisschilde und Wasserströme beobachten oder tief in den Weltraum hineinhorchen, um Schwarze Löcher ausfindig zu machen. Die Satelliten schicken im Gegenzug Daten zur Erde, über die wiederum sich die Spezialisten beugen, um sie auszuwerten. Sie sitzen in Räumen mit so spannenden Bezeichnungen wie „Flight Dynamics“ oder „Planetary Missions Control Room“ und tun Dinge, die ich nie tun kann, weil ich immer so schlecht in Mathe war, was ich gerade ein bisschen bereue.

          Der Weltraum riecht, und Kometen stinken

          Die Raumstation ISS umrundet die Erde in neunzig Minuten, die Sonde Rosetta dagegen war zehn Jahre lang unterwegs. In einem Büroraum, der mit „Flight Dynamics Room“ bezeichnet ist, sitzen eifrige Menschen vor Bildschirmen, auf denen sich ein quietscheentchenförmiger Komet unablässig dreht, und suchen nach einem Landeplatz auf dem amorphen Brocken. Kohlenstoff, Eis, Ammoniak, daraus besteht er wohl, und wegen des Ammoniakgehalts stinken die meisten Kometen ganz fürchterlich. Man denkt, so ein Weltraum ist eine geruchsneutrale Sache, aber das stimmt nicht. „Für mich riecht der Weltraum nach einer Mischung aus Walnuss und den Bremsbelägen meines Motorrads“, twitterte der deutsche ISS-Astronaut Alexander Gerst unlängst. Auch die Bilder trügen: Der Komet Tschurimow-Gerassimenko, dem Rosetta derzeit hinterherfliegt, ist eigentlich ein schwarzer Brocken vor schwarzem Hintergrund, den nur Sonnenlicht und ein sehr stark in seiner Lichtempfindlichkeit hochgerechnetes Foto betongrau aussehen lassen.

          Hier geht es zu den Sternen: Ein harmloser Gewerbegebietskomplex in Darmstadt beherbergt einige der spannendsten Arbeitsplätze überhaupt.

          Noch sehr viel abstrakter ist, was die beiden Satelliten XMM und Integral so tun. Sie gucken in den Weltraum und erforschen Gamma- und Röntgenstrahlen. Gammastrahlen werden mit einer Kamera gemessen, die nur sehr, sehr wenige Pixel hat und keine Linse, weil Gammastrahlen sich nicht wie Licht mit Glas bündeln lassen. Prinzipiell also eine fliegende digitale Lochkamera, und die einzelnen Pixel sind handtellergroß und sehr, sehr empfindlich. Was damit ankommt, ist für den Laien schlicht unverständlich. Wir stehen vor den Monitoren und staunen, und der Mitarbeiter, der gerade Bereitschaftsdienst hat, ist ziemlich entspannt, weil nichts rot blinkt. Wenn es rot blinkt, klingelt das Diensthandy, und jemand muss sich kümmern: in einer Liste nachschauen, was schiefläuft - genau wie in dem Film „Gravity“ eigentlich -, einen neuen Befehl abschicken und hoffen, dass das rote Blinken aufhört. So ein Befehl ist mitunter einige Zeit unterwegs. Rosetta braucht etwa zwanzig Minuten, um auf das zu reagieren, was Darmstadt ihr befiehlt. Aber sie ist ja auch am weitesten von allen weg.

          Ein Haufen heimlich herumfliegender Spionagesatelliten

          Leider dürfen wir nicht den Hauptkontrollraum besichtigen, denn der ist immer dann besetzt, wenn es offizielle Präsentationen gibt oder man sehr hektisch und akut an etwas arbeitet. Derzeit arbeiten nicht wenige Menschen sehr hektisch und akut daran, das Projekt Galileo nicht scheitern zu lassen und den Satelliten vielleicht doch noch so hinzuschubsen, dass er maximalen Nutzen bringt. Das muss man alles von der Erde aus steuern, man kann da nicht mal eben hinfahren. Die Zone der nützlichen Umlaufbahnen ist auch sehr eng, lerne ich, da drängeln sich schon alle, neben den bekannten Satelliten auch ein Haufen heimlich herumfliegender Spionagesatelliten, mit denen man nicht kollidieren sollte, aber da ruft vorher immer die Nasa an und macht ein paar konstruktive Andeutungen zur Kursänderung. Und dann haben die Chinesen auch noch letztens mal geschaut, was passiert, wenn man einen eigenen Satelliten mit einer Satellitenabwehrrakete beschießt: Er zerfällt in Trümmerteile. Seitdem gibt es noch mehr Weltraumschrott dort oben, oder, wie es offiziell heißt: Raumfahrtrückstände. Die sind nicht ganz ungefährlich - wie in dem Film „Gravity“ zu sehen war, und zu diesem Thema gibt es in Darmstadt auch ein eigenes Forschungszentrum.

          Es gibt viel zu sehen außerhalb des Planeten, eigentlich möchte man sich als neugieriger Mensch das alles einmal genau anschauen. Und natürlich riechen, diese Mischung aus Walnuss und Bremsbelägen. Denn eine genaue Vorstellung von einem Ort bekommt man ja erst dann, wenn man einmal dort gewesen ist. Doch vermutlich werden wir die Ära des Weltraumtourismus nicht mehr miterleben, was wirklich sehr schade ist. Wir stehen vor den Berichten von Planeten und Kometen wie Dorfbewohner des siebzehnten Jahrhunderts, denen man von den Kopffüßlern der Terra Australis erzählt und phantastische Bildertafeln dazu zeigt. Uns bleibt nichts anderes übrig, als erst einmal alles zu glauben, was diese klugen Menschen aus dem Darmstädter Gewerbegebiet uns erzählen. Und dann können wir vielleicht doch nochmal „Gravity“ einlegen und uns plastisch vorführen lassen, wozu Raumfahrtrückstände fähig sind. Denn wir Menschen sind schon seltsame Kohlenstoffverbindungen: Wir verstehen Dinge erst dann richtig, wenn man uns eine Geschichte erzählt.

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