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São Tomé und Príncipe : Schokoladenparadies auf Konfetti-Inseln

  • -Aktualisiert am

Der Tourismus steckt auf São Tomé und Príncipe noch in den Kinderschuhen, obwohl der Archipel atemberaubend schön ist. Bild: Rob Kieffer

Kaum jemand kennt den winzigen afrikanischen Inselstaat São Tomé und Príncipe. Dabei verbirgt sich dort ein tropischer Garten Eden.

          Tété, die alle auf der Insel respektvoll Dona Tété nennen, überprüft den frisch angelieferten Fisch. Sie öffnet die Kiemendeckel eines dreißig Kilo schweren Zackenbarsch-Monstrums und kontrolliert, ob sie glänzend rot gefärbt sind, anschließend untersucht sie die Augen, die klar und nach außen gewölbt sein müssen. Erst danach beginnt sie mit Minda, der stämmigen, buntbeschürzten Fischverkäuferin, ein Wortgefecht um den Preis. Wenn Tété auf dem Markt von São Tomé, der Hauptstadt des aus den Inseln São Tomé und Príncipe bestehenden Mikrostaates vor Afrikas Westküste, auf Einkaufstour ist, an Limonen, Sternanis und Kolasträuchern schnuppert, verhandelt sie immer knallhart. „Alles, was aus dem Meer oder dem Regenwald kommt, ist frisch. Und so soll es auch auf den Tisch kommen“, so lautet ihr Credo.

          Um abends den Weg zum Restaurant von Dona Tété zu finden, nehmen wir ein Taxi, einen jener zerbeulten, gelben Toyotas, die mangels öffentlicher Transportmittel für die Einheimischen unentbehrlich sind. Wir fahren über Holperstraßen mit badewannengroßen Schlaglöchern, vorbei an verwitterten Kolonialbauten von abgeschminkter Pracht und hölzernen, auf Stelzen stehenden Wohnhütten, die eine abenteuerliche Mischung aus Favela und Township sind. Uns kommen Kinder in zerfetzten Shorts und durchlöcherten T-Shirts entgegen. Frauen tragen Babys als lebende Bündel auf dem Rücken, während sie auf dem Kopf Wasserkanister balancieren. Das Land ist bitterarm, doch das war nicht immer so. Unter den portugiesischen Kolonialherren waren die Schwesterinseln, die mit nur tausendundeinem Quadratkilometer Fläche wie Konfettischnipsel im Golf von Guinea liegen, ein Hauptumschlagplatz des Sklavenhandels und ein wichtiger Produzent von Kaffee, Kakao und Zuckerrohr.

          Fischers Fritze heißt auf São Tomé João oder Fernandinho, und seine frischen Fische sind für jeden Feinschmecker der Gipfel des Hochgenusses.

          Als die Kolonialherrscher 1975 abzogen, wurde São Tomé und Príncipe zwar unabhängig, doch die Freiheit forderte ihren Preis. Die Roças, die feudalen Plantagensiedlungen von barocker Opulenz, und mit ihnen die wirtschaftlichen Fundamente des Staates verfielen. Erst seit einigen Jahren findet das Land, nunmehr eine Demokratische Republik mit zweihunderttausend Einwohnern, seinen Weg in die moderne Welt. Der Tourismus steckt noch in den Kinderschuhen, obwohl der Archipel atemberaubend schön ist. Im unberührten, auf Vulkangestein wuchernden Urwald schwingen sich Makaken durch das Blättermeer von Baum zu Baum. Krächzende Papageien mit Federn wie von einer psychedelischen Farbpalette sorgen für die einzigen Laute in urzeitlicher Stille. Riesenbegonien, Königsfarne, Orchideen und Hibisken werden von rauschenden Wasserfällen benetzt. Von traumhaften, menschenleeren Sandstränden aus kann man Buckelwalen und Delphinen zusehen, wie sie durch die türkisfarbenen Wellen pflügen.

          Vor ein paar Jahren noch wäre einen Job auf diesen Eilanden einer Verbannung gleichgekommen

          „Wir wollen keine Fastfood-Buden und keine Pizzerien. Lieber bringen wir den Besuchern unsere überlieferten Esstraditionen nahe, eine Mischung aus afrikanischen, kreolischen und portugiesischen Einflüssen“, sagt Tété, als sie uns in ihrem Restaurant empfängt, das aus einer überdachten Terrasse und Plastikgartenstühlen besteht. Es riecht verlockend nach gegrilltem Oktopus, Seeteufel und Schwertfisch, verfeinert mit duftenden Kräutern aus dem Tropendickicht. Dazu werden Bananen, Brotbaumfrüchte und Jackfruit gereicht, gekocht, gebacken und frittiert. Die Küche ist fest in Frauenhänden, weil die Männer entweder auswandern müssen, um Arbeit zu finden, oder dem nationalen Rosema-Bier frönen. „Zuerst machen sie einem Kinder, dann machen sie sich aus dem Staub zu einer neuen Geliebten“, sagt Tété. Auch sie wurde sitzengelassen. Aus der Not eröffnete sie ihr gleichermaßen bei der Insel-Upperclass wie bei Touristen beliebtes Restaurant. Viele andere Speiselokale werden ebenfalls von tatkräftigen Müttern und Großmüttern betrieben. Im südöstlichen Teil von São Tomé, an der wegen ihrer Prozessionen eierlegender Schildkröten berühmten Bucht von Jalé, wird das Strandrestaurant sogar von einer Frauenkooperative geleitet, die Fisch und Meeresfrüchte aus dem nahen Fischerort Porto Alegre bezieht.

          João Carlos Silvas Fernsehkochsendungen haben nicht nur eine nationale Anhängerschaft, sondern werden auch in anderen früheren Kolonien Portugals wie Angola, Moçambique oder den Kapverden begeistert geschaut.

          Nur zwei Kilometer trennen die Öko-Lodge der Praia Inhame an der Südspitze von São Tomé vom drei Quadratkilometer kleinen Inselchen Rolas. Unser Magen beruhigt sich erst, als das durch hohe Wellen schaukelnde Kanu die Anlegestelle auf der anderen Seite erreicht hat. Nach einem halbstündigen Marsch durch das ärmliche Fischerdorf São Francisco und vorbei an Kokosnusshaufen unter Moskitowolken sind wir mit durchschwitzten Hemden am Äquator angelangt. Eine Stele mit einem steinernen Globus und ein Messingstreifen auf einem Weltkartenmosaik markieren die Stelle. Hier kann man sich trauen lassen, Geburtstag feiern oder ein Schlemmerpicknick genießen. Angeboten wird es vom Resort Pestana Equador, der einzigen Hotelanlage auf der Insel Rolas und einem Vorreiter der Verfeinerung lokaler kulinarischer Traditionen durch profilierte, ausländische Köche.

          Vor ein paar Jahren noch hätten sie einen Job auf diesen Eilanden wohl als Verbannung empfunden. Doch neuerdings lassen sie sich vom exotischen Flair verführen, und so konnte das Resort Pestana Equador den Chilenen Andrés Molina einfliegen lassen, der in seiner Heimat in renommierten Restaurants am Herd stand. „Ich bin ein großer Anhänger von Ferran Adrià und versuche, Elemente der Molekularküche in traditionelle Gerichte einfließen zu lassen“, sagt der Chefkoch und setzt uns prompt einen Tintenfisch vor, in den er Ananas- und Papaya-Mousse injiziert hat. Dann kommen als Hommage an den großen Spanier mit dem Spritzbeutel geformte Tomatenpralinés mit Olivenpesto, Ceviche aus Fliegenden Fischen und mit Ingwer glasierte Kokosnussbällchen auf den Tisch.

          Moderne Form der Sklaverei

          Ein umtriebiger Botschafter der Inselgastronomie ist João Carlos Silva. Seine populären Fernsehkochsendungen haben nicht nur eine nationale Anhängerschaft, sondern werden auch in anderen früheren Kolonien Portugals wie Angola, Moçambique oder den Kapverden begeistert geschaut. Um zu seinem Restaurant zu gelangen, fahren wir einen Schotterweg hügelaufwärts, auf dem wir Hühner, Ziegen und schwarze Ferkel aufscheuchen. Sie laufen frei herum, ehe sie in der Pfanne landen. Fast alle Gemüse- und Obstsorten, die João Carlos Silva verarbeitet, stammen von der eigenen Plantage. Der rastlose Küchenmeister, rotes Piratentuch auf dem Kopf, bietet nur ein Menü an, dessen Zubereitung er wie eine Show zelebriert. Er küsst den Fisch aufs Maul, jongliert mit Granatäpfeln, malt mit roter Chilipaste Kalligraphien auf weiße Teller, tänzelt herum und preist dabei die aphrodisierende Wirkung der Kräuter und Pflanzen aus dem Dschungel. „Ich habe das Kochen gelernt, wie man Liebemachen lernt“, antwortet der Gourmet-Zampano auf die Frage, wie er überhaupt zu seinem Beruf fand. Die Gerichte, die er auf die Basttische bringt, die Mango-Pastete mit Joghurt, das Rote-Zwiebel-Omelett, der Thunfisch mit Süßkartoffeln oder das Hühnchen mit Zucchini und Maniok-Küchlein, sind dann aber als minimalistisches Design und nicht als Sinnesorgie angerichtet. „Gutes Essen ist wie eine ephemere Kunst“, sagt João Carlos Silva zum Abschied, der trotz aller Show ein glänzender Chef ist.

          Unter den portugiesischen Kolonialherren waren die Schwesterinseln ein Hauptumschlagplatz des Sklavenhandels und ein wichtiger Produzent von Kaffee, Kakao und Zuckerrohr.

          Das Flugzeug, das uns von São Tomé auf die kleinere, hundertfünfzig Kilometer entfernte Insel Príncipe bringt, könnte aus einem Indiana-Jones-Film stammen. Die betagte Dornier schraubt sich tapfer mit brummenden Propellern in die Höhe. Unter uns sehen wir nur Wasser, bis nach einer halben Stunde Príncipe auftaucht, eine wilde Jurassic-Park-Landschaft mit undurchdringlichen Laubdächern und zerklüfteten Basaltfelsen, die sich erst allmählich aus dem Dunst eines gerade zu Ende gegangenen, sintflutartigen Tropenregens schälen. Nach der Landung steigen wir in einen Jeep. Allradfahrzeuge sind die einzigen, die auf den verschlammten und durchlöcherten Urwaldpisten vorankommen. Wir übernachten in der Gutsvilla der Roça Sundy, einer Kakaoplantage, die einst dem portugiesischen Königshaus gehörte. Rostige Gleise, auf denen Loren die gerösteten Kakaobohnen zu den am Strand wartenden Überseeschiffen transportierten, verwaiste Maschinenhallen von morbidem Charme und die überwucherten Ruinen des Hospitals und der Schule zeugen noch von der ehemaligen Autarkie der Plantage.

          Wir werden von Paulino Martins herumgeführt, der ursprünglich von den Kapverden stammt. Er hat fast sein ganzes Leben in dieser isolierten Parallelwelt verbracht und kam 1964 im Alter von neun Jahren mit seiner Mutter nach Príncipe, angelockt von Arbeitsverträgen, die sie mit einem Kreuz unterschrieben, obwohl sie den Inhalt nicht verstanden. Diese Knebelverträge und die Kinderarbeit waren eine moderne Form der Sklaverei. „Mein karges Gehalt reichte nur, um in den Läden, die den Kakaobossen gehörten, Lebensmittel zu kaufen. Ich war für immer und ewig zu einem elenden Dasein auf der Insel verdammt“, erinnert er sich.

          „Ein Paradies verlässt man nicht“

          Paulino führt uns zur benachbarten Roça Paciênca. In den alten Hangars mit den stillgelegten Röstöfen verarbeiten Einheimische lokale Produkte. Aus Bananen, Ananas und Mandeln machen sie Chips, Müsli und Kompott, aus Kokosnuss und Palmöl werden Seifen hergestellt und aus Ylang-Ylang, der süßlich duftenden Blume der Blumen, kostbare Kosmetikcremes. „Auf Príncipe gibt es nur wenige Jobs, deswegen tragen solche Projekte dazu bei, dass die Leute nicht auswandern müssen“, sagt Paulino. Initiator dieser Arbeitsplatzbeschaffung ist der britisch-südafrikanische Software-Milliardär Mark Shuttleworth. Er gab nicht nur einen Teil seines Vermögens aus, um 2002 als Weltraumtourist zur ISS-Station zu fliegen, sondern investierte auch auf Príncipe in die Roça Sundy und in die genauso bezaubernden Resorts Praia Sundy und Bom Bom. Alle drei fördern Ökotourismus, nachhaltige Landnutzung und bilden einheimisches Hotel- und Küchenpersonal aus.

          Das Credo von Dona Tété lautet: Alles, was aus dem Meer oder dem Regenwald kommt, ist frisch, und so soll es auch auf den Tisch kommen.

          Am Ende der Welt, mitten im Biosphärenreservat von Príncipe, liegt die Kakaoplantage Terreiro Velho von Claudio Corallo. Der gebürtige Florentiner und studierte Agrarwissenschaftler strandete vor zwanzig Jahren im Zwergstaat, nachdem er seine Kaffeefelder im kriegsverwüsteten Zaire aufgegeben hatte. Und er machte es sich zur Lebensaufgabe, eine der besten Schokoladen der Welt zu produzieren. „Wenn die Schokolade bitter schmeckt, ist es kein Qualitätsmerkmal, sondern ein Produktionsfehler“, lautet sein erbarmungsloses Urteil. Der Schokoladenpurist hat die noble, milde Urkakaosorte Forastero wiederentdeckt, die portugiesische Königsfregatten Anfang des neunzehnten Jahrhunderts von Brasilien nach Afrika brachten. Um ihnen den letzten Hauch Bitterkeit zu nehmen, lässt er die Bohnen besonders lang, nämlich sechzehn Tage, fermentieren. Nach Trocknung und Röstung werden die Schalen und der Keimling aufwendig in Handarbeit entfernt, ehe die Bohnen weiterverarbeitet werden.

          In seinem Wohnhaus, einem verfallenen Kolonialhaus ohne Komfort, lässt Claudio uns seine Premiumschokoladen mit bis zu hundert Prozent Kakao kosten. Wir naschen an verführerischen, feinherben Täfelchen mit Liberica-Kaffee, Pfeffer, Fleur de Sel, kandierten Ingwer- und Orangestückchen oder in Traubenbrand marinierten Rosinen. Bald wird der Mittsechziger das Geschäft ganz an seine Tochter Ricciarda weitergeben. Auf die Frage, ob er für den Ruhestand nicht lieber in seine toskanische Heimat zurückkehren wolle, deutet Claudio auf den goldgelben Palmenstrand, der sich unten am Fuße des mit Kakaobäumen bewachsenen Plateaus ausbreitet, und sagt entschlossen: „Ein Paradies verlässt man nicht.“

          Schlemmen im Zwergstaat

          • Anreise: Flüge in die Hauptstadt São Tomé bietet TAP Portugal über Lissabon mit einer Zwischenlandung in Accra (Ghana) an (www.flytap.com). Für die Einreise reicht ein mindestens noch sechs Monate gültiger Reisepass. Zwei regionale Fluglinien verbinden São Tomé und Príncipe (www.stpairways.com und http://africasconnection.net).

          • Kochkurse: João Carlos Silva weiht mehrere Male im Jahr in die Geheimnisse der landestypischen Küche ein. Kontakt per Mail über reservas.rocasjoao@ gmail.com oder über Facebook (www.facebook.com/rocasjoa).

          • Schokolade: Claudio Corallos Schokoladenmanufaktur im Hauptort São Tomé bietet Führungen mit Verkostung an (www.claudiocorallo.com).

          • Kaffee: Im Bergland der Hauptinsel liegt Monte Café, dort ist ein Museum der Geschichte dieser historischen Kaffeeplantage gewidmet.

          • Informationen: online unter https://turismo.gov.st/destination; deutschsprachige Inselbeschreibungen findet man auf der Internetseite von Pura Communications (www.puracomm.eu).

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