https://www.faz.net/-gxh-7stcd

München auf Italienisch : Gschichten aus Monaco

Inspiriert von Sant`Andrea della Valle in Rom: die Münchner Theatinerkirche. Bild: F1online

Mit der Münchner U-Bahn kann man fast bis nach Florenz fahren. Von dort nach Rom sind es dann nur ein paar Schritte: Eine Anleitung zum italienischen Spaziergang durch München.

          6 Min.

          Dass München wirklich existiert, ist eine Annahme, die sich empirisch überprüfen lässt. Man fährt halt hin, steigt aus dem Auto oder Flugzeug und überzeugt sich selbst davon, dass die Straßen aus Asphalt sind, die Häuser aus Stein, die schönen Parks aus Bäumen, Gras und sanften Hügeln. Dass der Kaffee hier besser schmeckt, ist noch kein Gegenargument, aber wenn man sich für ein, zwei Espressi ins Straßencafé setzt und hinaufschaut zum Himmel über der Stadt, dann spürt man sofort, dass dieser Himmel eine semifiktionale Färbung hat. Im Weiß der Wolken, behaupten jedenfalls die Münchner, spiegeln sich die Alpengletscher, im tieferen Blau der Luft erkenne man den Widerschein des Mittelmeers. Und wenn man den Kopf wieder hinunter, zu den Straßen und Plätzen, senkt, wird man das Gefühl nicht mehr los, dass auch das alles hier nicht ganz echt sein könnte.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Dass München eine Erfindung ist, damit hat ja alles angefangen, schon damals, vor 856 Jahren, als kein Mensch dieses München brauchte, weil isarabwärts schon die Ortschaft Freising stand, aus welcher, unter anderen Umständen, auch eine hübsche Großstadt hätte werden können. Es war aber Heinrich der Löwe, der Sachsenherzog und kurzzeitige Bayernherrscher, womöglich der unbayerischste Mensch seiner Zeit, der bei der Köhlerinsel, dort, wo heute das Deutsche Museum steht, eine Brücke bauen ließ, weil er sich einbildete, dass hier, wo das enge Isartal sich weitete, ein guter Ort für eine Hauptstadt wäre.

          Alles Schöne kommt aus dem Süden

          Erst war da also die Illusion, dann wurde daraus eine Art von Wirklichkeit, so ging das immer weiter, bis zu den Zeiten, da, passenderweise in der Fiktion einer Fernsehserie von Helmut Dietl, ein junger Mann namens Tscharlie sich auf ein Pferd setzte und die Ludwigstraße entlang ritt, weil er überzeugt davon war, dass bald hinter dem Siegestor der Wilde Westen beginne. In all den Jahrhunderten zwischen Heinrich dem Löwen und Helmut Dietl, also eigentlich immer, war München nur ganz bei sich, wenn es außer sich war - wenn also alle, die dort lebten und dorthin kamen, der Illusion erlagen, dass dieses München nicht einfach nur das größte Dorf von Oberbayern sei. Sondern etwas anderes, etwas Größeres, ein Ort, so unrealistisch und ausgedacht wie der Himmel über ihm.

          In Florenz gibt es die Loggia dei Lanzi, in München die Feldherrnhalle - und beide sehen aus wie Zwillinge.

          Dass dieses Andere und Größere die meiste Zeit aus Italien kam, dass das Jenseits des Schönen, auf welches die Münchner Straßen und Plätze immer verwiesen, meistens jenseits der Alpen lag: dafür gab es schrecklich einfache und banale Gründe. Als es nämlich anfing mit der Italienduseligkeit der Münchner, im 16. Jahrhundert, da war Italien nicht nur das schönere, es war auch das fortschrittlichere, das künstlerisch und technisch avanciertere Land. Man könnte es, im heutigen Jargon, auch so sagen, dass alle wesentlichen Moden und Trends aus dem Süden kamen. Bis auf einen, der kam aus dem Norden und hieß Reformation, und mit dem wollte die bayerische Obrigkeit rein gar nichts zu tun haben.

          Der größte Renaissancesaal nördlich der Alpen

          Viel mehr interessierten sich die Bayernherzöge, die am liebsten italienische Prinzessinnen heirateten, für den Luxus und die Moden, welche bei den verwandten und verschwägerten Familien in Florenz oder Mantua gerade populär waren. Kaum fingen also die Italiener, was sie später „Rinascimento“ nannten, damit an, die Antike wertzuschätzen und die alten Statuen, die Torsi und Fragmente nicht länger als uralten Sperrmüll zu betrachten, sondern zu sammeln und auszustellen, da dauerte es kaum hundert Jahre, bis auch der Bayernherzog Albrecht V. eine so große und schöne Sammlung hatte, dass er, um all seine Antiken angemessen präsentieren zu können, auf dem Gelände seiner Residenz das Antiquarium bauen ließ, den größten Renaissancesaal nördlich der Alpen.

          Und kaum wurde in Florenz die seit der Antike fast vergessene Kunst des Bronzegusses wiederbelebt, da wollte Herzog Ferdinand, Albrechts Sohn und Bruder des Regenten Wilhelm V., einen Brunnen haben, so schön wie die Renaissance-Brunnen in den italienischen Städten, gesäumt mit lebensgroßen Bronzefiguren, welche wahlweise die Götter der alten Griechen oder aber die Flüsse Bayerns so lebensnah und realistisch verkörperten, wie das im gerade erst zu Ende gegangenen Mittelalter (oder eben in den Gegenden weiter nördlich) niemand für möglich gehalten hätte. Es war Hubert Gerhard, ein Venezianer flämischer Herkunft, Schüler des großen Florentiners flämischer Herkunft, Giambologna, der die Münchner Bronzen goss. Und dass, beim Nachahmen und Nachempfinden aus einer florentinischen Venus von Giambologna eine Münchner Ceres wurde, hat vermutlich niemanden gestört. Sie war auf jeden Fall sehr schön und elegant und südlich, diese Bronzegöttin, die damals am Rindermarkt stand. Später wurde der gesamte Brunnen leider in einen Innenhof der Münchner Residenz versetzt, wo es ein wenig zu eng ist, als dass diese Plastiken ihre ganze Wirkung entfalten konnten.

          Was Bayern und Italien im Innersten zusammenhält

          Schon damals, in der frühen Neuzeit, offenbarte sich eine Haltung, die später geradezu zum Erkennungszeichen der Bayern werden sollte: Was die Anhäufung von Macht und Land angeht, waren die Herrscher der Bayern nicht ganz so begabt wie ihre Nachbarn im Osten, die Habsburger, die den Kaiser stellten und ihr Terrain ständig vergrößerten, und die Hohenzollern, die alle Kraft darauf richteten, in den öden brandenburgischen Steppen einen stabilen und funktionierenden Staat zu bauen. Die bayerischen Herrscher konzentrierten sich auf Kunst und Architektur, wovon sie ja tatsächlich etwas verstanden.

          Die bayerische Schwester der Venus ziert als Ceres den Wittelsbacher Brunnen in der Münchner Residenz.

          Wie sich München immer wieder als italienische Stadt imaginiert hat, ist naturgemäß seit langem bekannt - und wer sich dafür wirklich interessiert, kann unendlich tief bohren in der Münchner Kunst-, Architektur- und Mentalitätsgeschichte. Wer die Zusammenhänge aber erst mal in Augenschein nehmen möchte, der sollte einfach in München ein wenig spazieren gehen: Das empfiehlt jedenfalls Daniela Crescenzio, in Bayern lebende Italienerin, die seit Jahren der Frage nachgeht, was Bayern und Italien im Innersten zusammenhält. Sie hat über ihr Fachgebiet drei Bücher geschrieben, welche weniger als Fachliteratur, mehr als Gebrauchsanweisungen zu lesen sind: Wie man die Münchner U-Bahn nimmt. Und dann ankommt in Rom, in Florenz. Oder auch im Veneto, dessen palladianischen Villen die meisten jener klassizistischen Bauwerke nachempfunden sind, welche der ungeübte Blick eher als gräzisierend einordnen würde.

          Vergötterung des individuellen Schöpfungswillens

          Man steht dann also vor St. Kajetan, der monumentalen barocken Theatinerkirche, welche das bayerische Kurfürstenpaar Ferdinand Maria und Henriette Adelheid errichten ließ zum Dank dafür, dass 1662 endlich ein Thronfolger geboren wurde, jener Max Emanuel, der dann, als er selber Kurfürst war, zwar einen großen Willen zur Macht entwickelte, aber eher wenig Talent; er, der mit den Kaiserlichen die Türken besiegt und zurückgeschlagen hatte, verbündete sich später mit den Franzosen gegen den Kaiser, mit der Folge, dass er ins Exil gehen musste und die Truppen der Habsburger die bayerische Hauptstadt besetzten. Wenn man also vor dieser Theatinerkirche steht und die Gebrauchsanleitung der Signora Crescenzio zur Hand nimmt, sieht man sofort, dass eigentlich nur die beiden Glockentürme und die leuchtend gelbe Farbe diese Kirche von der Mutterkirche des Theatinerordens, Sant’Andrea della Valle in Rom, unterscheiden. Fassade, Kuppel, Innenraum, alles andere ist ähnlich oder gleich - was damals nicht als Plagiat gewertet wurde. Einen Geniekult, eine Vergötterung des individuellen Schöpfungswillens gab es noch nicht; alle Schönheit war ohnehin von Gott inspiriert, als dessen Werkzeuge die Architekten nur ihr Bestes gaben.

          Die Münchner Innenstadt ist zum Glück nicht sehr groß, die Spaziergänge durch Renaissance, Barock und Klassizismus sind nicht sehr anstrengend, und so braucht man nicht mehr als zehn Minuten, bis man vor der Kirche St. Michael steht, einem noch monumentaleren Renaissance-Bau, der zwar auf Il Gesù in Rom verweist, die Mutterkirche des Jesuitenordens - der aber weniger Remake als extended version ist; die Münchner Kirche verhält sich zu ihrem römischen Vorbild wie „Mad Max 2“ zu „Mad Max“, dem Original: das gleiche noch mal, nur größer, teurer.

          Deutschnationaler und Philhellenist

          Es war dann aber Ludwig I., der im frühen neunzehnten Jahrhundert die Ambition spürte, seine Hauptstadt in einen Ort zu verwandeln, der „Teutschland so zur Ehre gereichen soll, dass keiner Teutschland kennt, wenn er nicht München gesehen hat“. Wozu er, der sich als Deutschnationaler und Philhellenist verstand, bei seinen Baumeistern Leo von Klenze und Friedrich von Gärtner aber am liebsten Kopien florentinischer Renaissancebauten in Auftrag gab. Dass die Feldherrnhalle sehr genau der Loggia dei Lanzi nachempfunden ist, dass der Königsbau der Münchner Residenz eine Kopie des Pallazo Pitti ist, das alles ist hinreichend bekannt - und verblüfft einen doch immer wieder, wenn man die Bilder nebeneinanderhält.

          Wie das aber wirklich funktioniert mit Münchens Traum von Italien, und wer dessen schlimmste Feinde sind: das kann man am besten an jenem Bau studieren, den die Leute hier einfach die Residenzpost nennen, obwohl die Post vor langer Zeit ausgezogen ist. Hier, an der Südseite des Max-Joseph-Platzes, gegenüber der Residenz, stand seit der Mitte des 18. Jahrhunderts das Rokoko-Palais der Grafen von Toerring. Ludwig fand die Fassade nicht florentinisch genug, und so blendete Klenze dem Bau eine Säulenhalle vor, welche fast eine Kopie des Ospedale degli Innocenti ist. Das Palais war Münchens Hauptpost, dann gab es allerhand Zwischennutzungen, und am italienischsten war das Gefühl unter den Arkaden des Portals zur Residenzstraße, wo eine Casa del Caffè aufmachte, und drinnen, unter den extrem hohen Decken, wie draußen, unter den Arkaden, waren Stimmung, Licht und Atmosphäre mehr Monaco di Baviera als München: che bella città!

          Das Gebäude wurde aber luxussaniert, die Arkaden sind jetzt Teil des Innenraums, und die Fassade, neu gebaut und auf alt und edel geschminkt, ist so hässlich und austauschbar, sie könnte auch in Potsdam stehen oder in Berlin. Versteht sich von selber, dass es hier auch keinen Caffè mehr gibt. Che peccato!

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Amerika gegen Iran : Diesem Konflikt ist kein Virus gewachsen

          Die Spannungen zwischen Washington und Teheran nehmen ungeachtet der weltweiten Corona-Pandemie weiter zu. Im Zentrum steht dabei derzeit der Irak. Die Botschaft aus dem Weißen Haus aber geht darüber hinaus: Amerika bleibt handlungsfähig.
          Schwer zu trennen: Jörg Meuthen, Björn Höcke und Alexander Gauland im Oktober

          Vorschlag zur Spaltung der AfD : Meuthens Selbstisolation

          Mit seinem Vorschlag, den „Flügel“ von der Partei abzuspalten, könnte der AfD-Chef zu weit gegangen sein. Damit hilft er jenen, die er bekämpfen will.
          Wer mit seinem Vermieter redet, hat immerhin eine Chance, dass der die Miete von sich aus reduziert.

          Corona-Krise : Von wegen keine Miete zahlen!

          Viele Menschen in Deutschland glauben, sie müssten wegen des jüngst beschlossenen Corona-Hilfen-Gesetzes ihre Miete nicht zahlen. Das ist ein Fehler – und kann sehr teuer werden!

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.