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München auf Italienisch : Gschichten aus Monaco

Inspiriert von Sant`Andrea della Valle in Rom: die Münchner Theatinerkirche. Bild: F1online

Mit der Münchner U-Bahn kann man fast bis nach Florenz fahren. Von dort nach Rom sind es dann nur ein paar Schritte: Eine Anleitung zum italienischen Spaziergang durch München.

          Dass München wirklich existiert, ist eine Annahme, die sich empirisch überprüfen lässt. Man fährt halt hin, steigt aus dem Auto oder Flugzeug und überzeugt sich selbst davon, dass die Straßen aus Asphalt sind, die Häuser aus Stein, die schönen Parks aus Bäumen, Gras und sanften Hügeln. Dass der Kaffee hier besser schmeckt, ist noch kein Gegenargument, aber wenn man sich für ein, zwei Espressi ins Straßencafé setzt und hinaufschaut zum Himmel über der Stadt, dann spürt man sofort, dass dieser Himmel eine semifiktionale Färbung hat. Im Weiß der Wolken, behaupten jedenfalls die Münchner, spiegeln sich die Alpengletscher, im tieferen Blau der Luft erkenne man den Widerschein des Mittelmeers. Und wenn man den Kopf wieder hinunter, zu den Straßen und Plätzen, senkt, wird man das Gefühl nicht mehr los, dass auch das alles hier nicht ganz echt sein könnte.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Dass München eine Erfindung ist, damit hat ja alles angefangen, schon damals, vor 856 Jahren, als kein Mensch dieses München brauchte, weil isarabwärts schon die Ortschaft Freising stand, aus welcher, unter anderen Umständen, auch eine hübsche Großstadt hätte werden können. Es war aber Heinrich der Löwe, der Sachsenherzog und kurzzeitige Bayernherrscher, womöglich der unbayerischste Mensch seiner Zeit, der bei der Köhlerinsel, dort, wo heute das Deutsche Museum steht, eine Brücke bauen ließ, weil er sich einbildete, dass hier, wo das enge Isartal sich weitete, ein guter Ort für eine Hauptstadt wäre.

          Alles Schöne kommt aus dem Süden

          Erst war da also die Illusion, dann wurde daraus eine Art von Wirklichkeit, so ging das immer weiter, bis zu den Zeiten, da, passenderweise in der Fiktion einer Fernsehserie von Helmut Dietl, ein junger Mann namens Tscharlie sich auf ein Pferd setzte und die Ludwigstraße entlang ritt, weil er überzeugt davon war, dass bald hinter dem Siegestor der Wilde Westen beginne. In all den Jahrhunderten zwischen Heinrich dem Löwen und Helmut Dietl, also eigentlich immer, war München nur ganz bei sich, wenn es außer sich war - wenn also alle, die dort lebten und dorthin kamen, der Illusion erlagen, dass dieses München nicht einfach nur das größte Dorf von Oberbayern sei. Sondern etwas anderes, etwas Größeres, ein Ort, so unrealistisch und ausgedacht wie der Himmel über ihm.

          In Florenz gibt es die Loggia dei Lanzi, in München die Feldherrnhalle - und beide sehen aus wie Zwillinge.

          Dass dieses Andere und Größere die meiste Zeit aus Italien kam, dass das Jenseits des Schönen, auf welches die Münchner Straßen und Plätze immer verwiesen, meistens jenseits der Alpen lag: dafür gab es schrecklich einfache und banale Gründe. Als es nämlich anfing mit der Italienduseligkeit der Münchner, im 16. Jahrhundert, da war Italien nicht nur das schönere, es war auch das fortschrittlichere, das künstlerisch und technisch avanciertere Land. Man könnte es, im heutigen Jargon, auch so sagen, dass alle wesentlichen Moden und Trends aus dem Süden kamen. Bis auf einen, der kam aus dem Norden und hieß Reformation, und mit dem wollte die bayerische Obrigkeit rein gar nichts zu tun haben.

          Der größte Renaissancesaal nördlich der Alpen

          Viel mehr interessierten sich die Bayernherzöge, die am liebsten italienische Prinzessinnen heirateten, für den Luxus und die Moden, welche bei den verwandten und verschwägerten Familien in Florenz oder Mantua gerade populär waren. Kaum fingen also die Italiener, was sie später „Rinascimento“ nannten, damit an, die Antike wertzuschätzen und die alten Statuen, die Torsi und Fragmente nicht länger als uralten Sperrmüll zu betrachten, sondern zu sammeln und auszustellen, da dauerte es kaum hundert Jahre, bis auch der Bayernherzog Albrecht V. eine so große und schöne Sammlung hatte, dass er, um all seine Antiken angemessen präsentieren zu können, auf dem Gelände seiner Residenz das Antiquarium bauen ließ, den größten Renaissancesaal nördlich der Alpen.

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