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München auf Italienisch : Gschichten aus Monaco

Und kaum wurde in Florenz die seit der Antike fast vergessene Kunst des Bronzegusses wiederbelebt, da wollte Herzog Ferdinand, Albrechts Sohn und Bruder des Regenten Wilhelm V., einen Brunnen haben, so schön wie die Renaissance-Brunnen in den italienischen Städten, gesäumt mit lebensgroßen Bronzefiguren, welche wahlweise die Götter der alten Griechen oder aber die Flüsse Bayerns so lebensnah und realistisch verkörperten, wie das im gerade erst zu Ende gegangenen Mittelalter (oder eben in den Gegenden weiter nördlich) niemand für möglich gehalten hätte. Es war Hubert Gerhard, ein Venezianer flämischer Herkunft, Schüler des großen Florentiners flämischer Herkunft, Giambologna, der die Münchner Bronzen goss. Und dass, beim Nachahmen und Nachempfinden aus einer florentinischen Venus von Giambologna eine Münchner Ceres wurde, hat vermutlich niemanden gestört. Sie war auf jeden Fall sehr schön und elegant und südlich, diese Bronzegöttin, die damals am Rindermarkt stand. Später wurde der gesamte Brunnen leider in einen Innenhof der Münchner Residenz versetzt, wo es ein wenig zu eng ist, als dass diese Plastiken ihre ganze Wirkung entfalten konnten.

Was Bayern und Italien im Innersten zusammenhält

Schon damals, in der frühen Neuzeit, offenbarte sich eine Haltung, die später geradezu zum Erkennungszeichen der Bayern werden sollte: Was die Anhäufung von Macht und Land angeht, waren die Herrscher der Bayern nicht ganz so begabt wie ihre Nachbarn im Osten, die Habsburger, die den Kaiser stellten und ihr Terrain ständig vergrößerten, und die Hohenzollern, die alle Kraft darauf richteten, in den öden brandenburgischen Steppen einen stabilen und funktionierenden Staat zu bauen. Die bayerischen Herrscher konzentrierten sich auf Kunst und Architektur, wovon sie ja tatsächlich etwas verstanden.

Die bayerische Schwester der Venus ziert als Ceres den Wittelsbacher Brunnen in der Münchner Residenz.

Wie sich München immer wieder als italienische Stadt imaginiert hat, ist naturgemäß seit langem bekannt - und wer sich dafür wirklich interessiert, kann unendlich tief bohren in der Münchner Kunst-, Architektur- und Mentalitätsgeschichte. Wer die Zusammenhänge aber erst mal in Augenschein nehmen möchte, der sollte einfach in München ein wenig spazieren gehen: Das empfiehlt jedenfalls Daniela Crescenzio, in Bayern lebende Italienerin, die seit Jahren der Frage nachgeht, was Bayern und Italien im Innersten zusammenhält. Sie hat über ihr Fachgebiet drei Bücher geschrieben, welche weniger als Fachliteratur, mehr als Gebrauchsanweisungen zu lesen sind: Wie man die Münchner U-Bahn nimmt. Und dann ankommt in Rom, in Florenz. Oder auch im Veneto, dessen palladianischen Villen die meisten jener klassizistischen Bauwerke nachempfunden sind, welche der ungeübte Blick eher als gräzisierend einordnen würde.

Vergötterung des individuellen Schöpfungswillens

Man steht dann also vor St. Kajetan, der monumentalen barocken Theatinerkirche, welche das bayerische Kurfürstenpaar Ferdinand Maria und Henriette Adelheid errichten ließ zum Dank dafür, dass 1662 endlich ein Thronfolger geboren wurde, jener Max Emanuel, der dann, als er selber Kurfürst war, zwar einen großen Willen zur Macht entwickelte, aber eher wenig Talent; er, der mit den Kaiserlichen die Türken besiegt und zurückgeschlagen hatte, verbündete sich später mit den Franzosen gegen den Kaiser, mit der Folge, dass er ins Exil gehen musste und die Truppen der Habsburger die bayerische Hauptstadt besetzten. Wenn man also vor dieser Theatinerkirche steht und die Gebrauchsanleitung der Signora Crescenzio zur Hand nimmt, sieht man sofort, dass eigentlich nur die beiden Glockentürme und die leuchtend gelbe Farbe diese Kirche von der Mutterkirche des Theatinerordens, Sant’Andrea della Valle in Rom, unterscheiden. Fassade, Kuppel, Innenraum, alles andere ist ähnlich oder gleich - was damals nicht als Plagiat gewertet wurde. Einen Geniekult, eine Vergötterung des individuellen Schöpfungswillens gab es noch nicht; alle Schönheit war ohnehin von Gott inspiriert, als dessen Werkzeuge die Architekten nur ihr Bestes gaben.

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