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Auf nach Riva del Garda : Du musst dein Leben ändern

Der Blick von der Burgruine Arco, zum See hin Bild: Tobias Gerber/laif

Die Südseite der Alpen, als Kritik des Nordens betrachtet. Eine Frühlingsreise zu den oberitalienischen Seen im untrüglichen, wenn auch unberechtigten Gefühl, hier, in diesem Licht, unter diesem Himmel, zu Hause zu sein.

          Es war Dienstag, der 1. April, es war ein ungewöhnlich heißer Tag dafür, dass der Frühling eben erst angefangen hatte, und als wir, erschöpft und schwitzend, endlich ganz oben standen, auf den Zinnen des Turms der Burgruine Arco, die steil und dramatisch auf einem Felsen hoch über dem Tal des Flüsschens Sarca steht, als wir im Norden das gewaltige Brenta-Massiv vor uns stehen sahen, und im Süden leuchtete hellblau der Gardasee: Da ergriff mich wieder ein Gefühl, von dem ich nicht wusste, ob ich überhaupt ein Recht darauf hatte. Es war das Gefühl, hier, in dieser Landschaft, in diesem Licht, unter diesem Himmel, zu Hause zu sein.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das hier war der Stammsitz der Arcos, einer Adelsfamilie, die der Stadt München und dem Land Bayern ein paar der schönsten Schlösser und Paläste hinterlassen hat und die doch vor allem unvergessen ist wegen des Schusses im Februar 1919, mit welchem Anton Graf von Arco auf Valley, vor dem Helmut-Lang-Laden, der damals noch nicht so hieß, in der Kardinal-Faulhaber Straße, die damals noch nicht so hieß, Kurt Eisner tötete, den Ministerpräsidenten der bayerischen Räterepublik (weshalb ich, weil die Chronologie auch nicht alles ist, mir kurz dachte, dass es nur gerecht sei, dass französische Truppen die Burg zur Ruine geschossen haben im Jahr 1703).

          Aber hier, auf dem Felsen und unten im Tal, hier war Italien, die Region Trentino, knapp dreihundert Kilometer von der bayerischen Grenze entfernt – und dass mich trotzdem dieses Heimatgefühl ergriff, das hatte anscheinend damit zu tun, dass ich ein paar Jahre zuvor von der größten Stadt des Voralpenlandes in eine noch größere Stadt weiter nördlich gezogen war, sehr weit weg von den Bergen.

          Ein paar Gründe für das tiefere Blau des Himmels

          Von der Nordseite der Alpen aus war deren Südseite immer nur Rastplatz und Durchgangsstation gewesen, eine gute Gegend für ein Mittagessen und ein paar Espressi auf dem Weg weiter nach Süden, zum Mittelmeer. Und dass ich das ganz anders sah, seit ich viel weiter nördlich lebte, das war mir zum ersten Mal bewusst geworden, als ich, während eines Fluges von Neapel zurück nach Norddeutschland, hinunterschaute auf das Gebirge und den dringenden Wunsch spürte, sofort auszusteigen und diese Berge und den Himmel von unten zu betrachten und mit den Füßen vielleicht in einem dieser kühlen Gewässer zu stehen, bei denen es mir völlig gleichgültig war, ob die Leute „Lago“ zu ihm sagten oder „See“.

          Die Menschen im Süden Deutschlands begründen das tiefere Blau ihres Himmels gern damit, dass sie sagen, es spiegele sich schon das Mittelmeer in diesem Blau – und vielleicht liegt es daran, dass ich, seit ich selber weiter nördlich lebe, endlich überzeugt davon bin, dass die Alpen tatsächlich eine Barriere sind. Allerdings trennen sie nicht die Landschaften, die südlich liegen, von jenen, die nördlich des Gebirges liegen. Sie trennen die Gegenden, in welchen man einen Blick auf die Berge hat, von jenen, in denen man keine Berge sehen kann.

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