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Deutschland : Feuerbrünste im Gefolg

  • -Aktualisiert am

Der Friedrich-Rückert-Brunnen und das Rathaus von Schweinfurt Bild: dpa

Auf leichten Versfüßen von Schweinfurt nach Coburg: Zum hundertfünfzigsten Todestag feiert Franken den Dichter und Gelehrten Friedrich Rückert, der dem Abendland das Morgenland nahebrachte und als Weltpoet die Welt versöhnen wollte.

          Friedrich Rückert war ein großer Mann - ein außerordentlich produktiver Dichter, ein Sprachgenie, ein gelehrter Orientalist, geharnischter Patriot und zugleich „Weltpoet“. Dazu ragte er fast zwei Meter hoch auf. Im Jahr 1817 auf seiner Italien-Reise wichen die Kinder erschrocken aus dem Weg, wenn ihnen der teutsche Mann mit loderndem Blick und in wehendem schwarzem Mantel entgegenkam: lange Locken, Mittelscheitel, Schnurrbart, markiges Kinn. „Allein diese Augen!“, sagt Dr. Rudolf Kreutner, Kurator der Ausstellung „Der Weltpoet“ in der Kunsthalle Schweinfurt. Von den Bannern am Eingang funkelt Rückert die Besucher unter strengen Augenbrauen an. „Er war eindrucksvoll bis beängstigend“, sagt Kreutner, „rückhaltlos ehrlich bis zum Affront“, dabei ein Familienmensch und braver Hausvater. In der Kunsthalle steht unter Glas das Paar Kähne, das er sich aus alten Lederstiefeln geschnitten hatte und als Schlappen trug. Auf das Stehpult, das sich der auch handwerklich Hochbegabte nach seinen Maßen zimmerte, werden die meisten ihre Ellenbogen nur legen können, wenn sie die Arme auf Schulterhöhe heben.

          Schweinfurt, wo er 1788 geboren, Coburg, wo er 1866 gestorben ist, Erlangen, wo er gelehrt, und eine Reihe kleinerer fränkischer Orte, in denen er geweilt und gedichtet hat, feiern gerade das Rückert-Jahr zum hundertfünfzigsten Todestag mit Ausstellungen, literarischen Wanderungen, Lesungen, Konzerten und einem Poetry Slam. In Erlangen gibt es Rückert-Pralinen, in Schweinfurt Rückert-Espresso, in Ebern einen Rückert-Spieß, in Coburg brät man über Kiefernzapfen lange Würste nach einem Rezept, das schon Rückert gefallen haben dürfte. Was weiß man andernorts von ihm? Gustav Mahler vertonte fünf seiner „Kindertotenlieder“, Schumann und Schubert weitere Gedichte. Männerchöre stimmen „Aus der Jugendzeit ...“ an, doch außerhalb seiner Heimat wirkt Friedrich Rückert, der im neunzehnten Jahrhundert zu den enthusiastisch verehrten Dichtern zählte, inzwischen ein wenig altfränkisch.

          Den Namen seiner Geburtsstadt erwähnte er nur „mit Grauen“. „Hättest Mainfurt, hättest Weinfurt,/ Weil du führest Wein,/ Heißen können, aber Schweinfurt sollt’ es seyn?“ Konnte er wissen, dass es gerade die schönen ausschweifenden Plätze sind, auf denen früher Schweine und Rösser verkauft wurden und heute die Kaffeehausschirme aufgespannt sind, mit denen sich die Stadt am Main heute schmückt? Vom Schrotturm, einer alten Fabrik, aus deren Oberstübchen früher heiße Bleikugeln ins kalte Wasser im Erdgeschoss rieselten, überblickt man die gefalteten Dächer, die Reste der Stadtmauer und die Schleuse im Fluss. Auf dem größten Platz, dem Markt mit dem großen Renaissance-Rathaus, sitzt Rückert selbst, zu seinen Füßen allegorische Damen, die zwei Aspekte seines Werks darstellen, die vaterländischen „Geharnischten Sonette“ und die andachtsvolle „Weisheit des Brahmanen“. Wird das alles noch gelesen?

          Was Rückert durch den Kopf flog, musste sofort in Reim wieder heraus

          Herr Dr. Kreutner, was hat „der Weltpoet“ uns Zeitgenossen zu sagen? Der Kurator, ein großer, weißhaariger Herr, ist so etwas wie der inoffizielle Rückert-Beauftragte der Stadt Schweinfurt. Dem Vernehmen nach verbringt er mehr Zeit mit dem Dichter als mit der eigenen Frau. Für ihn ist Friedrich Rückert einer der großen Intellektuellen des neunzehnten Jahrhunderts, ein Mittler zwischen Orient und Okzident, ein Dichter, der im Eigenen das Fremde und im Fremden das Eigene fand. Rückert beschäftige sich mit vierundvierzig Sprachen und über zwanzig Schriftsystemen. „Es gibt kaum ein kulturell konstituierendes Werk der europäischen oder orientalischen Literatur, das er nicht zumindest in umfänglichen Auszügen kongenial ins Deutsche übertragen hätte; darunter auch der Koran“, sagt Rudolf Kreutner. Den gebildeten Ständen brachte er die indische, chinesische, arabische und persische Kultur näher. Mit seiner Maxime „Weltpoesie allein ist Weltversöhnung“ sei Rückert heute aktueller denn je.

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