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Auf Franziskus’ Spuren : Gelobt seien Bruder Feuer und Schwester Erde

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Dem Himmel entgegen, der Erde entrückt: Die Dörfer entlang des Franziskusweges wie Stroncone wollen Gott ganz nah sein. Bild: Peter Westrup

Wer verstehen will, was die Namenswahl des neuen Papstes bedeutet, muss auf dem Franziskusweg wandern. Hier ist der Geist des Heiligen auch nach 800 Jahren noch lebendig.

          Früh am Morgen steigen wir den steilen Treppenweg nach La Verna hinauf, so wie ihn jahrhundertelang die Mönche auch hinaufgegangen sind. Am Ende teilt sich das dunkle Laubdach, glatte, blendend weiße Kalksteinfelsen schieben Mauern in schwindelerregende Höhen. Ein enges Tor entlässt uns in einen weiten Vorhof, der licht und hell direkt in den Morgenhimmel führt. Auf dem Torbogen lesen wir auf Lateinisch Franziskus’ Worte: „Es gibt keinen heiligeren Berg auf Erden.“ An der Spitze des Vorhofes zeichnet ein schlichtes, schwarzes Holzkreuz seine Spur in das Blau des Himmels. Wir blicken weit in das Arnotal mit seinen Wiesen und den Flecken der dunklen Wäldchen. Unter den Bögen der Kirche Santa Maria degli Angeli steht ein Mönch, in der bodenlangen Kutte der Franziskaner, versunken in sein Gebet. Aus der Kirche hören wir das leise Murmeln seiner betenden Mitbrüder bei der Morgenandacht.

          Wir haben innerhalb eines Tages einen Zeitensprung getan, von der lärmenden Fülle der großen Stadt Florenz in die bukolische Stille der Natur, von der hektischen Gegenwart in die geborgene Welt des Mittelalters, vom Diesseitigen ins Jenseitige. Wir waren gestern mit Bus und Taxi hier hinauf in die Sabiner Berge nach Chiusi della Verna bis auf 953 Meter Höhe gefahren, zum Santuario La Verna, dem größten und bedeutendsten der Klöster, die Franziskus auf seiner langen Wanderschaft gegründet hat. Wie eine Perlenkette ziehen sich seine Klöster von Poggio Bustone in Latium bis nach La Verna in Umbrien. Franziskus war immer auf der Wanderschaft, ein Pilger im wahrsten Sinne. Er wanderte weit, hin zu den Dörfern, hin zu den Menschen. Überall begegnete er der Not, der Ungerechtigkeit, der Feindschaft, der Hoffnungslosigkeit. Er ging predigend, heilend, tröstend, ganz wie sein Herr, dessen Leben er sich verschrieben hatte. Wie dieser wollte er in Armut leben, in Bescheidenheit, in größtmöglicher Nähe zu Gott.

          Ein leiser, einsamer Weg

          In dem holzüberdeckten Wandelgang vor den winzigen, dunklen Mönchszellen erzählen Fresken an den Wänden aus Franziskus’ Leben. Von dem stolzen Jüngling in edler Kleidung auf seinem Pferd, vom Verschenken der Stoffe an die Armen, von der Verstoßung und der Vertreibung aus seiner Heimatstadt Assisi; wie Franziskus zu den Vögeln predigt, die ihm schweigend von den Zweigen zuhören, wie er seinem Mitbruder Leo die Klosterregel diktiert und wie er am Ende seines Lebens hier in La Verna die Stigmata, die Wundmale, empfängt, kniend mit erhobenen Händen, die Christus aus den Wolken huldvoll lächelnd mit blutroten Strahlen durchbohrt. Wir wollen den Spuren des heiligen Franziskus folgen, suchen, was sich von ihm und seinem Leben erhalten hat in den 800 Jahren seither, wie viel von seinem Geist noch lebt in diesem Land, das er so geliebt und so oft besungen hat in seinen Gebeten. Wir wollen den Cammino di Francesco wandern, 350 Kilometer in 21 Tagen von Nord nach Süd, mit Rucksack, Wanderstiefeln und Wanderstock, auf denselben Wegen, die auch er gewandert ist, seine Klöster besuchen, seine Kapellen, die Quellen, aus denen er getrunken hat, die Bäche durchwaten, die er durchwatet hat.

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